Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.
Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.
von Daniel Janz
Wer ist bitte Pachelbel? Diese Frage kommt dem einen oder anderen Klassik-Liebhaber vielleicht bekannt vor. Kaum jemand, der sich nicht darauf spezialisiert hat, dürfte mit diesem Namen irgendwelche Titel in Verbindung bringen oder gar etwas über die Hintergründe des Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach wissen. Dabei komponierte ausgerechnet dieser heute nahezu vergessene Barockmeister eines der Werke, die weltweit so oft rezipiert werden, dass sie drohen, einem aus dem Halse herauszuhängen. Die Rede ist von seinem Kanon in D-Dur.
Der Kanon, es ließe sich auch platt sagen „die Kunst der endlosen Wiederholung“, ist eine polyphone Kompositionstechnik, die darauf aufbaut, verschiedene Stimmen nacheinander zu einer Melodie hinzuzufügen. Häufig verfolgen alle Stimmen dieselbe Melodie, sind aber zeitlich zueinander verschoben, was den Eindruck von Reichtum und Abwechslung vermitteln soll – eine Intention, die in sich selbst bereits fraglich ist, im Prinzip aber funktionieren kann, sofern sich die Melodie nicht zu oft wiederholt oder zu eintönig gestaltet ist.
Durch diesen technischen Ansatz lässt sich der Kanon auch als simpel und antiquiert bezeichnen. Denn das Problem dieser Kompositionsform ist nicht nur, dass sie sich selbst auf eine einzige Melodie beschränken muss. Die Unterlegung vieler vor allem religiös geprägter Kanons mit Text endet automatisch immer im Chaos. Wer kann denn noch ein Wort verstehen, sobald 3 oder mehr unterschiedliche Stimmen durcheinanderplärren?
Es liegt in der Natur der Sache, dass die meisten Kanons dementsprechend nur wenige Minuten lang sind. Ein- und dieselbe Melodie lässt sich nun einmal nur in begrenzter Form erweitern oder variieren. Zu schnell setzt bei solch vorbestimmter musikalischer Eintönigkeit der Eindruck von Langeweile ein. Wer das nicht glaubt, darf gerne einmal im Selbstexperiment den Kanon von Pachelbel in folgender Fassung über eine Stunde anhören und berichten, ab wann die Musik zu nerven beginnt:
An Pachelbels Kanon werden all diese Schwächen sehr schnell deutlich. Das Wort „eintönig“ fasst dieses Werk sehr gut zusammen. Eigentlich lässt es sich auf 4 Takte herunterbrechen. Die bekannte Basslinie selbst ist geradezu banal strukturiert und besteht aus ganzen 5 Tönen. Im Wesentlichsten stellt sie die funktionsharmonisch einfachste musikalische Verlaufsform dar, die es gibt. Für Musiktheoretiker: Hier werden von einer (über den gesamten Kanon unveränderten) Tonart alle Hauptfunktionen trocken in gleichbleibenden Abständen abgeklappert. Dieser Verlauf ist nach ihrem Komponisten auch als das „Pachelbel-Schema“ bekannt.
Beim Verharren auf einem so geringen Tonvorrat ergibt sich automatisch auch eine starre Begrenzung für die Zusatzstimmen. Da wird einmal plump die Tonleiter abgeklappert, das Ganze um eine Terz verschoben wiederholt oder an anderer Stelle nur durch Phrasierungen ausgeschmückt. Reichtum entsteht hier zwar durch das immer neue Hinzufügen weiterer Stimmen. Aber einen Tonartenwechsel so wie Neuerung in der Musik sucht man vergeblich. Spannung? Harmoniewechsel? Aha-Erlebnisse? Fehlanzeige!
Dass Pachelbels Werk trotzdem im kulturellen Gedächtnis geblieben ist, grenzt bei dessen Einfachheit einerseits fast an ein Wunder, lässt sich aber andererseits mit der Festigung durch endlose Wiederholung begründen. Gerade deshalb scheint es irgendetwas an sich zu haben, was Künstler zu einer ständig neuen Kopie desselben verführt. So ist dieser Kanon unter anderem zu einem jener Klischeewerke der klassischen Kammermusik geworden, die bis zum Erbrechen in Film und Fernsehen aufgegriffen werden, weil sie jeder kennt (die internationale Movie-Database nennt bis zum Jahr 2019 fast 250 Verwendungen).
Wer könnte es den Filmschaffenden auch verübeln? Der Eindruck von kultureller Bildung (oder ist es Überheblichkeit?) lässt sich durch diese Musik offenbar perfekt vermitteln. Ein unaufgeregtes, kammermusikalisches Werk, wobei Kammermusik ohnehin bis heute den Status extravaganter, erhabener Musik innehat und damit auch immer einen Eindruck von Aristokratie und Kulturgesellschaft vermittelt. Dazu ist dieser Kanon auch noch so seicht, dass er sich ideal als unaufdringliches Hintergrundgedudel eignet. Er ist also perfektes Statussymbol, ohne der Musik Signifikanz eingestehen zu müssen.
Darüber hinaus finden sich auch noch etliche, teilweise schamlose Repliken von dieser Musik, wenn man einmal den Blick auf die moderne Pop-Kultur wagt. Denn Maroon 5 ist mit „Memories“ (2021) nicht der erste, der einfallslos bei Pachelbel geklaut hat und damit Millionen verdient. Ähnliche Referenzen lassen sich unter anderem bei Oasis („Don’t look back in anger“, 1996), Basket Case („Green Day“, 1994), Aerosmith („Cryin‘“, 1993) und The Farm („All Together Now“, 1991) finden. Auch die Village People („Go West“, 1979), Ralph McTell („Streets of London“, 1974), David Bowie („Changes“, 1971), The Original Caste („One Tin Soldier“, 1969), die Bee Gees („Spicks and Specks“, 1968) und viele weitere bedienten sich schamlos bei dem ansonsten nahezu vergessenen Komponisten. Wäre Pachelbel heute noch am Leben, er wäre ein dankbarer Kunde für jeden Abmahn-Anwalt.
Es lässt sich also fragen, warum man es nicht endlich mal gut sein lassen kann mit den endlosen Referenzen. Brauchen wir wirklich diese musikalische Simplizität? Fällt den Künstlern heutzutage nichts Besseres mehr ein? Ist solche kreative Mittelmäßigkeit nicht auch mit Schuld daran, dass klassische Musik den Ruf hat, langweilig und spießig zu sein? Ich würde jedenfalls lieber einmal Ausschnitte aus Brahms, Wagner, Strauss, Mahler etc. in einem Film hören können, als Pachelbels inzwischen doch x-fach ausgelutschter Schlichtheit noch einmal ertragen zu müssen.
Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at