Foto: Julia Lezhneva Il Giardino Armonico Giovanni-Antonini © Nikolai-Wolff_fotoetage
Musikfest Bremen: Barockes Feuerwerk
Antonio Vivaldi hat, wie kaum ein anderer, barocke Prachtentfaltung und die gleißende Sonne Italiens in seinen Werken nacherlebbar auskomponiert. Hinsichtlich einer Interpretation, die die Vielfalt der Musik des venezianischen „Prete rosso“ als faszinierendes barockes Feuerwerk zu präsentieren vermag, steht das 1985 von Giovanni Antonini gegründete und geleitete Ensemble „Il Giardino Armonico“ gewiss an weit vorderer Stelle.
Antonio Vivaldi Concerto Es-Dur RV 253 “La tempesta di mare” und weitere Concerti,
Arie “Agitata da due venti” aus “La Griselda” RV 718 und weitere Arien
Joseph Haydn Cantata “Arianna a Naxos” Hob. XXVI:2
Julia Lezhneva Sopran
Giovanni Antonini Dirigent
Il Giardino Armonico Instrumentalensemble
Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 27. August 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Der Einstieg an diesem Abend erfolgt indes zunächst eher sanft: Beim Allegro-Kopfsatz des Concerto e-Moll kann man sich dem homogenen, sorgfältig akzentuierten Zusammenspiel der barocken Instrumente noch recht entspannt hingeben. Allein der spritzig angegangene Finalsatz lässt erahnen, dass es durchaus deutlich feuriger werden könnte. Und das geschieht auch, nämlich mit dem Auftritt der russischen Sopranistin Julia Lezhneva.
Stupende Sangeskunst
Die Arie „Agitata da due venti“ (aus Vivaldis Oper „Griselda“ RV 718) erweist sich gleich als eine erste Demonstration von Lezhnevas stupenden Sangeskünsten. Schier unglaublich, wie sie das „Erzittern der Wellen auf stürmischem Meer“ mit punktgenau intonierten riesigen Intervallen, aber weit mehr noch mit kaum enden wollenden superschnellen Koloraturen nachvollzieht. Das geht ihr offenbar derart locker von der Kehle, als sei es nicht mehr als ein Trällern beim Blumenpflücken!

Das unter Antoninis energischem Dirigat in die Vollen gehende Orchester unterstreicht gekonnt die Atmosphäre aufgewühlter Meeresfluten, doch es ist vor allem die starke Präsenz der Sängerin, die die Aufmerksamkeit der Zuhörer in Beschlag nimmt. Und so gibt es bereits nach dieser ersten Arie frenetischen Beifall.

Lezhneva kann indes auch anders. Mit einfühlsam lyrischer, durchaus auch theatral unterstützter Note beschwört sie die Liebe zu ihrem treulosen Gatten („Sposa son disprezzata“ aus „Bajazet“ RV 703). Die Umsetzung barocker Affekte gelingt ihr sowohl stimmlich als auch gestisch geradezu perfekt. Auch, als sie zu einer von Eifersucht gepackten rächenden Furie wird (Arie „Gelosia“ aus „Ottone in villa“ RV 729). Lezhnevas ruhevoll schlichtes, von berührender Vorfreude durchdrungenes Seufzen nach einem – in der Arie „Vedrò con mio diletto“ (aus „Il Giustino“ RV 717) besungenen – fernen Geliebten gerät hingegen angenehm stimmungsvoll.
Entfesselte Naturgewalten grandios umgesetzt
Bis sie erneut in einen hochdramatischen Modus umschaltet („Siam navi all’onde algenti“ aus „L’Olimpiade“ RV 725), um, messerscharf artikulierend, die entfesselten Naturgewalten seelischer Leidenschaften mit der ganzen Bandbreite ihrer sanglichen Ausdruckmöglichkeiten wiederzugeben. Es ist, nicht allein aufgrund des Textes, eine Sturm-Arie par excellence, bei der das engagiert aufspielende Orchester den passenden Background inszeniert. Durch Mark und Bein geht es, als die Sopranistin in schrillem Fortissimo den zentralen Ausspruch „Tutta la vita è un mar“ („Das ganze Leben ein Meer“) deklamiert. Woraufhin prompt, in den Schlussakkord hinein, stürmischer Applaus einsetzt.
Stürme des Meeres und der Seele
Nicht minder stürmisch eröffnet das Ensemble die zweite Konzerthälfte. Mit einem Presto, das glatt als ausgewachsenes Prestissimo durchgehen würde, und sehr plastisch erneut die vom heftigen Sturm aufgewühlte See widerspiegelt, wie sie Vivaldi in seinem Concerto Es-Dur RV 253 „La tempesta di mare“ auf geniale Weise kompositorisch umgesetzt hat.
Atemlos geht’s durch die Nacht, mit einem Parforceritt über bedrohlich sich auftürmende Wogen. Das Mittelsatz-Largo bietet mit seinem melodischen Part der Solovioline zumindest kurze Momente der Erholung und des Durchatmens. Doch dann geht es auch gleich wieder drängend voran im straffen Presto, mit einer herausfordernd rasanten Stimmlinie der Solovioline, die Primgeiger Stefano Barneschi bravourös meistert.

Mehr die inneren, die emotionalen Stürme des Lebens hatte wohl Joseph Haydn seiner Cantata „Arianna a Naxos“ vor Augen. Eine willkommene Gelegenheit für Lezhneva, mit einer fesselnd expressiven, stark am Text orientierten Darbietung der Rezitative zu brillieren. Und gleichermaßen mitreißend die Arien in feinster Klangfärbung gestaltend vorzutragen. Jedes Wort nimmt man ihr ab, jede Geste passt; man fühlt zutiefst mit, wenn sie die Verlassene mimt und in verzweifelter Sehnsucht nach Teseo ruft, wenn ihr Fuß wankt, ihr das Herz bricht, die zitternde Seele versagt und sie mit ihrem grausamen Schicksal hadert. Hochspannend ist diese von Haydn kunstvoll kreierte Szenerie, die von den Ausführenden in bestechend farbintensiven Klangbildern instrumental und gesanglich nachgezeichnet wird.
Welch überwältigendes Ende eines exzeptionellen barocken Feuerwerks! Genauer gesagt: Beinahe-Ende; denn da bleibt, nach ganz großem Beifall, noch immer Platz für eine Zugabe: „Armatae face et anguibus“ (aus Vivaldis „Juditha triumphans“), bestens geeignet für Lezhneva, mit phänomenalen Koloraturen noch einmal, wie es sich halt für ein großes Feuerwerk gehört, einen hoch auflodernden feurigen Schlussakzent zu setzen.
Dr. Gerd Klingeberg, 28. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Haydn 2032 No. 19 – Trauer, Giovanni Antonini klassik-begeistert.de, 11. Mai 2026
Patricia Kopatchinskaja, Giovanni Antonini, Il Giardino Armonico, Elbphilharmonie Hamburg
La Voce Strumentale, Julia Lezhneva Kammermusiksaal Berlin, 10. Oktober 2022