Wenn man sagt, dass der erste Eindruck zählt und der letzte bleibt, dann hat der Dirigent ein sensationelles Timing!

Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 5, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg / Gaus (c)

Elbphilharmonie Hamburg, 23. April 2018
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Dirigent Kent Nagano
Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 5 B-Dur

von Sebastian Koik

Zu Beginn ertönt ein wohlig-warmes Zupfen der Celli und Kontrabässe. Kurz darauf setzen die Geigen ein. Das Zupfen wird unruhiger. Die Blechbläser zaubern eine herrliche Festlichkeit in den Großen Saal der Elbphilharmonie.

Das Konzert beginnt wunderbar! Die Musiker agieren quirlig und frisch, und es herrscht eine schöne Spannung. Die Tutti beeindrucken. Das macht Spaß!

Enigmatisch wirkt das Zupfen aller Streicher. Wo führt uns diese Musik hin? Die Flöten bezirzen geheimnisvoll. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg ist auf Zack, spielt schön musikalisch, nur in wenigen Momenten leicht zu zögerlich, zu wenig zupackend.

Doch irgendwann geht die schöne Spannung verloren. Der Dirigent Kent Nagano hat die Zügel nicht mehr fest in der Hand. Der große Bogen ist nicht mehr so recht hör- und spürbar.

Die sehr hart über Jahre geschaffene und überarbeitete Komposition Bruckners reißt nicht so sehr mit, wie sie von der Anlage her könnte … und sollte.

Unter Naganos Führung klingt die Musik zu unbestimmt, nicht klar, überzeugend und zwingend genug. Klarheit, Bestimmtheit und Überzeugung fehlen bereits in Naganos Dirigat. Es gibt Dirigenten, bei denen man als Zuschauer am liebsten sofort mitmusizieren möchte. Man sieht, hört, fühlt, was sie wollen. Das kann einem bei Herrn Nagano schon ein wenig fehlen, und die Musiker können einem fast ein wenig leid tun. Die komplexe, vielschichtige Komposition fällt in Naganos Händen mit zu zurückhaltendem Dirigat etwas auseinander.

Die großen, kollektiv vorgetragenen Melodien im zweiten Satz gelingen sehr schön und lebendig. Das reich besetzte Geigen- und Bratschen-Ensemble klingt hier herrlich weich und bezaubernd. Die rhythmische Gestaltung lässt allerdings immer wieder zu wünschen übrig. Es fehlt an Licht, Inspiration, Kraft und Willen.

Auch in den wilden Passagen des dritten Satzes reißt das Orchester unter dem Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper nicht so überzeugend mit, wie es sollte und die Musik es verlangt.

Auch im vierten Satz fehlt es zunächst an Präzision und vor allem einem kraftvollem, gemeinsamen Wollen des Orchesters, was bei dem unklaren Dirigat Naganos nicht wirklich möglich ist.

Die Tutti gelingen schön, besonders getragenere Passagen, langsamere Melodien. Hier klingt das Orchester oft beeindruckend mächtig, festlich und erhaben. Doch sobald Orchesterteile separat voneinander agieren müssen, wird es schwierig. Viele musikalische Bilder werden von Nagano nicht schön und überzeugend genug gemalt.

Der kanadische Solo-Paukist Brian Barker präsentiert sich ganz, ganz stark! Die Pauke erklingt immer auf den Punkt, alles ist ganz genau richtig. Das ist leider alles andere als selbstverständlich. Selbst in den renommiertesten Orchestern unter Weltklasse-Dirigenten erlebt man immer und immer wieder Perkussionisten, die zu spät kommen und das Gesamtbild stark trüben. Ganz anders hier! Zu recht, bekommt Brian Barker am Ende auch den größten Einzelapplaus.

Sehr schön gelingt Kent Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester das Finale, das Gustav Heinrich Ernst Martin Wilhelm Furtwängler, einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, das „monumentalste Finale in der gesamten Musikliteratur der Welt“ nannte. Wenn man sagt, dass der erste Eindruck zählt, und der letzte bleibt, dann hat der Dirigent in dieser Hinsicht an diesem Abend ein sensationelles Timing!

Sebastian Koik, 23. April 2018,
für klassik-begeistert.de

Foto: Felix Broede

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