Bruckners 5. Symphonie – unvergleichlich von den Dresdnern in Wien gespielt

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 5 in B-Dur, Staatskapelle Dresden, Dirigent: Christian Thielemann  Wiener Konzerthaus, 11. September 2022

© Lukas Beck, Wiener Konzerthaus

Wiener Konzerthaus, 11. September 2022

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 5 in B-Dur
Staatskapelle Dresden
Dirigent: Christian Thielemann

von Herbert Hiess

Ein Konzert mit Christian Thielemann allein ist schon eine Garantie für ein Ereignis der Superlative, wenn nicht sogar für eine Sternstunde. Zur Eröffnung der 110. Saison im Wiener Konzerthaus konnte der Intendant Matthias Naske für sein Haus einen Abend der kurzen Europatournee des großartigen Orchesters für sich vereinnahmen und legte damit auch die Latte für diese Saison extrem hoch.

Naske hielt vor dem Konzert eine kurze Ansprache ans Publikum und betonte, wie wichtig die Musik für uns alle sei und appellierte ans Publikum, öfters diesen Musiktempel zu besuchen. 306 Schließtage dank Corona zehrten natürlich gewaltig an der Substanz des Veranstalters.

Der Schlüssel zum Erfolg dieses Abends lag natürlich an der großartigen Staatskapelle und dem unvergleichlichen Maestro Thielemann. Mit diesem Abend hatte man den Vergleich, da dieses gewaltige Werk nun mit drei verschiedenen Orchestern gehört wurde. Nach den Münchner Philharmonikern, den Wiener Philharmonikern (https://klassik-begeistert.de/wiener-philharmoniker-christian-thielemann-anton-bruckner-symphonie-nr-5-in-b-dur/) und nun der Staatskapelle Dresden waren doch die Wiener die mehr oder minder eindeutigen „Gewinner“.

Vielleicht lag es damals an der speziellen Aufführung in der Corona-Zeit; aber die Wiener Aufführung (mittlerweile auf CD erschienen) war emotionell und insgesamt die beeindruckendste. Aber so ein Vergleich ist naturgemäß schwierig, denn aktuell mit den Dresdnern bewies Thielemann, wie sehr er dieses schwierige Werk in- und auswendig kennt; alle Strukturen überaus plastisch zelebriert und er jeder Stimme, die sonst wo untergeht, eine immense Bedeutung zugesteht.

Das Orchester reagiert auf jede kleinste Deutung von ihm; die „Pizzicato-Symphonie“ (Anm.: drei von den vier Sätzen beginnen mit Pizzicati) ist extrem komplex aufgebaut; viele Synkopen und Taktverschiebungen erschweren das Spiel und der Dirigent muss extrem darauf achten, dass das Werk nicht in einzelne Bestandteile zerfällt.

Thielemann machte auch an diesem Abend eine Feierstunde für Anton Bruckner. Die bläserlastige Akustik verlieh den exzellenten Holz- und Blechbläsern schärfere Konturen als sonst gewohnt. Unvergleichlich das Choralthema im vierten Satz, die Doppelfuge, wo jedes Instrument klar und deutlich hörbar war und die umwerfende Steigerung in der Finalcoda.

Schade, dass die Pauke nur einfach besetzt war; natürlich ist wie erwartet eingetreten, dass die langen Paukenwirbel am Schluss des ersten und des vierten Satzes manchmal „genagelt“ wirkten. Da war das Konzept mit der doppelten Pauke bei diesen Stellen dann doch besser, so wie es die Wiener machten. Herbert von Karajan hatte in dieser Hinsicht doch recht; er führte diese Doppelbesetzung der Pauken schon  1979 bei seinem unvergesslichen Konzert im Musikverein ein. Karajan ließ auch damals die zusätzlichen Blechbläser in der Finalcoda hören, die die „12 Apostel“ symbolisieren sollten. So wird das leider heute nicht mehr gespielt.

Dieser Abend war eine feierliche Saisoneröffnung für das Wiener Konzerthaus; besser kann man sich das gar nicht wünschen. Und es ist zu hoffen, dass noch viele Veranstaltungen in dieser Qualität folgen werden.   

Herbert Hiess, 12. September 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Der Zyklus ist nun vollendet – Thielemann, Wiener Philharmoniker, Bruckners Neunte Großes Festspielhaus, Salzburg, 30. Juli 2022

Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, Anton Bruckner, Symphonie Nr. 9 d-Moll Musikverein Wien, Goldener Saal, 31. Mai 2022

Sächsische Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, Anton Bruckner, Neunte Sinfonie in d-moll, Semperoper Dresden, 13. Februar 2022

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