Auf den Punkt 83: Vorsicht vor Schlagerfuzzis

Auf den Punkt 83: Vorsicht vor Schlagerfuzzis  Deutsche Oper Berlin, 1. März 2026

RIGOLETTO von Giuseppe Verdi, Deutsche Oper Berlin, copyright: Bettina Stöß

Giuseppe Verdi / Rigoletto

Melodramma in drei Akten
Libretto von Francesco Maria Piave
Uraufführung am 11. März 1851 in Venedig
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 21. April 2013

Orchester der Deutschen Oper Berlin
Roberto Rizzi Brignoli  / Dirigent

Deutsche Oper Berlin, 1.  März 2026

 von Jörn Schmidt

DISCLAIMER I – Es ist nichts falsch daran, Schlager zu mögen oder zu singen. Für die dringendst gebotenen Differenzierungen lesen Sie bitte hier bei klassik-begeistert meine Interviews mit den Opernstars Romana Amerling und Mariangela Sicilia.

DISCLAIMER II – Schlager schaden  Ihrem Herzen.

Ein Disclaimer ist eine rechtliche Erklärung, die typischerweise verwendet wird, um sich von Haftung für bestimmte Inhalte zu befreien. Funktioniert nicht immer, aber mit ist besser als ohne.

Konkret habe ich meiner Kolumne den ersten Disclaimer vorangestellt,  damit Andreas Schmidt, der Herausgeber von klassik-begeistert, vor äußerungsrechtlichen Abmahnungen geschützt ist. Denn nicht jeder Künstler findet es vielleicht lustig, als Schlagerfuzzi (s.u.) dazustehen.

Gleichzeitig möchte ich einen verantwortungsbewussten Umgang mit Schlagern anempfehlen. Das ist ein wenig wie mit Zigaretten…was passieren kann, wenn man gewieft ist im Umgang mit Schlagern, das habe ich mir an der Deutschen Oper Berlin angesehen.

Gegeben wurde Rigoletto von Giuseppe Verdi, Tenor Andrei Danilov gab den Herzog von Mantua. Und machte aus dem Adligenmit freundlicher Unterstützung von Jan Bosses als Comedy aufgemachter Inszenierung und Roberto Rizzi Brignolis mutlos-harmlosem Dirigat – das,  was er ist…

RIGOLETTO von Giuseppe Verdi, Deutsche Oper Berlin, copyright: Bettina Stöß

…ein mieser kleiner Schlagerfuzzi. Das ist ein ziemliches Kunststück, denn das Libretto von Francesco Maria Piave zeichnet den Herzog als zynisches Arschloch. Giuseppe Verdi dagegen hat ihm himmlische Schlager auf den Leib komponiert.

Die Ballata Questa o quella zum Beispiel, mit ordentlich Italianità vorgetragen  – welches Herz schmilzt da nicht dahin? Und La donna è mobile, selbst wenn furchtbar schlecht gesungen und umgetextet – das  reicht immer noch, um den Verkauf von Choco Crossies anzukurbeln.

RIGOLETTO von Giuseppe Verdi, Deutsche Oper Berlin, copyright: Bettina Stöß

Danilov kombiniert Piave und Verdi, kraftvoll und mit verschlagen-doppelbödigem Verzicht auf den lalleretzten tenoralen Höhenschmelz. Schon  bei der ersten Silbe wird klar: Hier bahnt sich Unheil an – Rigoletto heuert mit Sparafucile (Tobias Kehrer) einen zwielichtigen Auftragsmörder an, der nach einigem Hin und Her Rigolettos Tochter um die Ecke bringt.

Und eben nicht wie ausbedungen den sexsüchtigen Herzog. Wie konnte das passieren? Nun, etliche Fehlentscheidungen münden in einer Verkettung unglücklicher Umstände. Das ist zum Beispiel Rigoletto, in Berlin gesungen von Juan Jesús Rodríguez.

Der Spanier wurde als einer der wichtigsten  Verdi-Baritone gelabelt. Tatsächlich  entfaltet er auch in Berlin immer noch klangschöne Bärenkräfte – so dass ich mich unweigerlich gefragt habe, warum er den Herzog nicht einfach ordentlich vermöbelt hat…

RIGOLETTO von Giuseppe Verdi, Deutsche Oper Berlin, copyright: Bettina Stöß

…sondern statt dessen Sparafucile beauftragt hat. Klar, der Preis war gut. Ein Schnäppchen. Aber hätte es nicht eine ordentliche Abreibung getan? Gilda –  in Berlin vornehm und  engelsgleich gesungen von der jungen Armenierin Lilit Davtyan – hätte die Oper dann vermutlich überlebt.

Aber die Gründe liegen tiefer – ohne seine sanglichen Darbietungen wäre der Herzog ein Nichts. Schon gar nicht wäre  Gilda  ihm ohne  diese wie Karamell auf der Zunge schmelzenden Schlager verfallen. Und alles wäre gut ausgegangen.

Jörn Schmidt, 1. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Auf den Punkt 80: Großartige Dorfdisco-Volten Laeiszhalle, 14. Dezember 2025

Auf den Punkt 78: Hör mal, wer da hämmert… MUK Lübeck, 23. November 2025

Auf den Punkt 76: Prima la musica 2.0 – Valerio Galli Hamburgische Staatsoper, 14. November 2025

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert