Piotr Beczała versinkt als Lohengrin in den Wirren eines grausigen Kriegsdramas

Bild Credits: Charles Duprat / Opéra national de Paris


Als ob der Mensch von grausigen Kriegsdramen aktuell nicht längst genug hätte, erschlägt einen die Lohengrin-Inszenierung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov an der Opéra national de Paris mit aller Gewalt. 
Ein Horrorschauplatz, der Wagners episches Meisterwerk so dermaßen entmystifiziert, dass eigentlich nur noch die nackte Realität obsiegen kann.


Richard Wagner
Lohengrin

Kiril Serebrennikov, Inszenierung

Piotr Beczała, Johanni von Oostrum, Wolfgang Koch, Ekaterina Gubanova u.a.

Paris Opera Chorus
Paris Opera Orchestra
Dirigent: Alexander Soddy

Opéra national de Paris, Medici TV-Übertragung am 01. November 2023

von Nicole Hacke

So mittendrin im Krieg und im katastrophalen Tumult menschenverachtender Verhältnisse spielt die Sage um den Schwanenritter Lohengrin und polarisiert ungemein. Schockiert ist man über die dem Werk entrückte Interpretation, die den Zauber der hochromantischen Musik Wagners komplett auflöst. Was man auf der Bühne sieht, hat nichts mehr mit der Musik und der Intention des Komponisten zu tun. „Richard Wagner, Lohengrin
Opéra national de Paris, Medici TV-Übertragung am 1. November 2023“
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Salome in Paris: ein Gesamtkunstwerk von einer Inszenierung und stimmliche Vollendung auf allerhöchstem Niveau

„Salome“ an der Pariser Bastille-Oper. Foto: Agathe Poupeney / Opéra national de Paris

 „Die haben alle ein Rad ab, einschließlich Jochanaan“, fasst meine Begleiterin auf dem Weg in die Pariser Nacht, nach der Aufführung der  Salome, die Oper zusammen und wiederholt damit, ohne es zu wissen, sinngemäß den Kommentar von Richard Strauss selbst, der die Figuren seines Werkes allesamt für pervertiert hielt.

Richard Strauss    Salome

Simone Young, Dirigentin
Orchestre de l’Opéra national de Paris

Lydia Steier, Regie
Momme Hinrichs, Bühne und Video
Andy Besuch, Kostüme
Olaf Freese, Licht

Elza van den Heever, Salome
John Daszak, Herodes
Karita Mattila, Herodias
Iain Paterson, Jochanaan
Tansel Akzeybek, Narraboth
Katharina Magiera, Page der Herodias

Opéra national de Paris, 21. Oktober 2022


von Sandra Grohmann

Dies ist die große Stärke der Pariser Neuinszenierung: Dass sie nicht nur – wie es der Tradition entspricht – den psychischen Niedergang der Titelheldin zeigt, sondern die Verderbtheit der ganzen Sippe des Tetrarchen Herodes und die ideologische Verblendung des Jochanaan. Auch der Prophet nämlich kapriziert sich auf die Anklage der Lüsternheit von Salomes Mutter Herodias. Salome weist er schroff zurück mit der die Adressatin völlig verfehlenden Empfehlung, sie möge in die Wüste gehen und sich dem anschließen, der dort predigt und Wunder tut und alle annimmt, die zu ihm rufen.

Das Elfte Gebot, das jener Wüstenprediger verkündet, das Gebot der Liebe, ignorieren jedoch alle Figuren – auch Jochanaan, der nur anklagen, aber nicht lieben kann. Zugleich sehnen sich alle nach der Liebe oder Gottesnähe, die ihnen völlig fremd ist. Ausgerechnet Salome, die sich zu Lust und Begierde bekennt und den Propheten schließlich morden lässt und dann das abgeschlagene Haupt küsst, ausgerechnet die Prinzessin beruft sich gegen Ende der Oper sogar auf die Liebe, deren Mysterium größer sei als der Tod. Es ist deshalb ausnahmsweise auch ein folgerichtiger Regieeinfall, ihre Figur zu doppeln und aus dem Satz über das Mysterium die gesungene Vision einer Himmelfahrt Salomes und Jochanaans (im Käfig des Jochanaan) abzuleiten, während sich der librettogemäße Fortgang der Oper mit der anderen Salome stumm auf dem Boden abspielt.

„Richard Strauss, Salome
Opéra national de Paris, 21. Oktober 2022“
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Und es leuchten die Opern-Sterne hell in der Pariser Oper

Foto: Opera National de Paris, © Vincent Pontet

Giacomo Puccini
Tosca

Paolo Bortolameolli, Dirigent
Orchestre et Choeurs de l’Opéra national de Paris    

Maîtrise des Hauts-de-Seine/Choeur d’enfants de l’Opéra national de Paris       

Pierre Audi, Regie
Christof Hetzer, Bühne
Robby Duiveman, Kostüme
Jean Kalman, Licht                         

Elena Stikhina, Floria Tosca
Brian Jagde, Mario Cavaradossi
Ambrogio Maestri, Barone Scarpia
Sava Vemić, Cesare Angelotti
Renato Girolami, Il Sagrestano
Michael Colvin, Spoletta
Philippe Rouillon, Sciarrone
Christian Moungoungou, Un Carceriere


Opéra national de Paris, 20. Oktober 2022

 von Sandra Grohmann

Gibt es Glück in diesen unseren interessanten bis schweren Zeiten? Aber ja. Sonst wären wir gar keine Menschen mehr. Deshalb leuchten, glücklicherweise, auch die Sterne am Opernhimmel weiter und helfen, uns in unserer Menschenwürde zu erhalten. Sie zeigen auf der Bühne die Verderbtheit von Macht um der Macht willen und zeigen uns zugleich, was Menschsein heißt: auch und gerade mit den Mitteln der Kunst. Kunst als Teil der conditio humana und zugleich als deren Ausdruck ist hierzu vielleicht sogar, darüber ist schon viel geschrieben worden, in besonderer Weise berufen – und sei es in der Form der veristischen Oper. Die muss man nur ernst nehmen, wie in Paris derzeit zu hören und zu sehen ist. „Giacomo Puccini, Tosca
Opéra national de Paris, 20. Oktober 2022“
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Gounods „Faust“ in Paris: Bruchlandung in der Tristesse der Pariser Banlieue

Schönheit pur für die Ohren, in krassem Gegensatz dazu die banale Tristesse der Szene, die zusätzlich noch durch zu sparsames Licht durchgehend stumpf wirkt. Zeitgenössische Theaterästhetik eben. Punkt.

Charles Gounod,  Faust
Aufführung vom 16. März 2021 Opéra Bastille, Paris, gesendet zeitversetzt am 26. März auf France 5

Foto: Opéra Bastille, Paris, © wikipedia.de

von Peter Sommeregger

 Innerhalb weniger Wochen findet nun die bereits zweite Premiere der Pariser Oper ohne Publikum nur im Livestream statt. Bei Gounods „Faust“ handelt es sich beinahe um so etwas wie die französische Nationaloper, in Deutschland dem „Freischütz“ vergleichbar. Ausgerechnet Goethe war der Schöpfer des Stoffes, und bei dieser Neuproduktion liegt die Regie ebenfalls in deutschen Händen.

Tobias Kratzer, der 2019 in Bayreuth mit seinem „Tannhäuser“ Furore machte, bringt ein komplettes deutsches Team mit an die Opéra Bastille. Am Pult steht Lorenzo Viotti, der im Begriff ist, sich in die vordere Reihe der Dirigenten seiner Generation zu schieben. Blendende Voraussetzungen also, möchte man meinen. „Charles Gounod,  Faust,
Aufführung vom 16. März 2021 Opéra Bastille, Paris., gesendet zeitversetzt am 26. März auf France 5“
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Jonas Kaufmann in Paris: Ausgeruht singt er die anspruchsvolle Rolle des Radamès ohne Fehl und Tadel

L’Opéra national de Paris, Livestream, 18. Februar 2021
Giuseppe Verdi,  Aida


Ein ausgeruhter Jonas Kaufmann zeigte, warum ihn viele für den derzeit besten Tenor der Welt halten. Auch wenn man nicht dieser Meinung ist, muss man einräumen, dass er die anspruchsvolle Rolle des Radamès ohne Fehl und Tadel sang. Sein falsettierter Schwellton am Ende seiner großen Arie war tatsächlich Weltklasse. Auch sonst überzeugte er durch gute Phrasierung und Präsenz. Ab dem dritten Akt verfiel er wieder ein wenig in seine Unart des Stemmens und Pressens, aber ein ägyptischer Feldherr in Nöten darf das.

Soloman Howard (Il re)
Ksenia Dudnikova (Amneris)
Sondra Radvanovsky (Aida)
Jonas Kaufmann (Radamès)
Dmitry Belosselskiy (Ramfis)
Ludovic Tézier (Amonasro)
Alessandro Liberatore (Un messaggero)
Roberta Mantegna (Sacerdotessa)
Orchestre de l’Opéra national de Paris
Michele Mariotti  Dirigent
Lotte de Beer  Regie

von Peter Sommeregger

Ein sehr französisches Ägypten bietet diese zwischen verschiedenen Stilen changierende Inszenierung. Man meint noch eine Spur des Ägypten-Kults nach Napoleons Feldzug zu erhaschen. Wahrscheinlich ist aber doch die Entstehungszeit der Oper gemeint. Seltsam mehrschichtig stellt sich der 1. Akt dar, ist es eine Vernissage in einem ethnologischen Museum? Blutig ernst wird es, als Radamès sich mit dem Schwert ritzt, und einen Totenschädel mit seinem Blut benetzt. Das deutet eher auf frühgeschichtlich heidnische Bräuche hin.

Es ist ein großes Verwirrspiel, das die Regisseurin Lotte de Beer hier inszeniert. Aida tritt in Form einer eher unschönen, lebensgroßen Gliederpuppe auf, die von drei Technikern bewegt wird. Die unglückliche Sondra Radvanovsky, die Sängerin der Partie, folgt in schwarzem Hosenanzug dieser seltsamen Gruppe und liefert den Gesang. „Giuseppe Verdi,  Aida
L’Opéra national de Paris, Livestream, 18. Februar 2021“
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Kommerz schlägt Kunst: Jonas Kaufmann sagt prestigereiche Radioaufnahme in Paris ab...

… und promoted seine peinliche Weihnachts-Doppel-CD

Opéra national de Paris, 20. November 2020
Foto: © Gregor Hohenberg / Sony Classical

Der Münchner Jonas Kaufmann, 51, scheint sich mal wieder verausgabt zu haben. Oder hat er keinen Bock mehr auf ernsthafte Musik? Kann er sie nicht mehr (passabel) darbieten? Meidet er unnötige Anstrengungen? Hat er Bedenken, sich in seiner derzeitigen Verfassung anspruchsvollen Radiohörern zu präsentieren? Oder alles zusammen?

Der Tenor, dem nichts wichtiger erscheine als Ruhm, Reichweite und Rubel, wie ein Kulturjournalist es formulierte, hat jetzt eine prestigereiche Produktion aus der Pariser Oper für France Musique von Richard Wagners „Die Walküre“, dem zweiten Teil des „Rings des Nibelungen“, abgesagt. Ihn als Siegmund ersetzen wird Stuart Skelton – was stimmlich gesehen eine Verbesserung ist. Die Opéra national de Paris hat diese Personalie am 18. November verkündet.

Eigentlich sollte der „Ring“ unter der Leitung von Philippe Jordan, directeur musical der Opéra national de Paris, mit allem Drum und dran in der Opéra Bastille ab dem 23. November erklingen. Corona ließ alle Aufführungen im November obsolet werden. Jetzt werden drei von vier Teilen Ende November in der Opéra Bastille aufgenommen, der dritte Teil (Siegfried) kommt Anfang Dezember unter Dach und Fach im Auditorium de Radio France.

Die Aufnahme der „Walküre“ ist mittlerweile seit dem 24. November unter Dach und Fach. „Jonas Kaufmann sagt prestigereiche Radioaufnahme in Paris ab
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Kein Entrinnen vor den Fängen der Macht: Verdis "Don Carlos" berührt in der Pariser Oper

Fotos: Copyright Vincent Pontent, OnP
Roberto Alagna (Don Carlos) und Étienne Dupuis (Rodrigo)

Opéra National de Paris, Opéra Bastille, 11. November 2019
Giuseppe Verdi, Don Carlos

von Lukas Baake

Es scheint, als ob die Pariser Oper in dieser Saison einfach nichts falsch machen kann. Jede Inszenierung ist ein Genuss und überzeugt durch ein Sängerensemble, das eine gute Mischung aus hochkarätigen Stars und vielversprechenden Newcomern bietet, eine interessante, stets kluge, aber immer maßvolle Inszenierung und grandiose Leistungen von Orchester und Dirigent. Dies gilt auch für Verdis „Don Carlos“, der in der fünfaktigen, italienischen Fassung in der Opéra Bastille zu sehen ist. „Giuseppe Verdi, Don Carlos,
Opéra National de Paris, Opéra Bastille, 11. November 2019“
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Kann man Liebe tanzen? Der Pariser Oper gelingt mit einer gewagten Inszenierung von Rameaus "Les Indes galantes" eine Sensation

Foto: Sabine Devieilhe (Hébé, Phani, Zima) © Little Shao, ONP

Opéra National de Paris, Opéra Bastille,
27. September 2019 (Premiere)

Jean-Philippe Rameau, Les Indes galantes

von Lukas Baake

Auch mit der dritten Premiere dieser Spielzeit sorgt die Pariser Oper für Jubelschreie beim Publikum. Nachdem die Saisoneröffnung durch Bellinis „I Puritani“ sowohl von Publikum als auch von Kritikern fast einhellig als gelungen bewertet wurde und eine digitalisierte „Traviata“ mit grandiosen Stimmen zum Stadtgespräch avancierte, konnten die Pariser Opernschaffenden noch eine Schippe drauflegen: Mit einer gewagten Neuinszenierung von Rameaus Ballettoper „Les Indes galantes“ gelang der große Wurf. „Jean-Philippe Rameau, Les Indes galantes,
Opéra Bastille, 27. September 2019 (Premiere)“
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So geht Oper: Bravo-Rufe ohne Ende in der Pariser Opéra Bastille - Traumstart mit Bellinis "I Puritani"

Copyright: Sebastian Mathé, ONP
Igor Golovatenko (Sir Riccardo Forth), Gemma Ní Bhriain (Enrichette Di Francia) und Javier Camarena (Lord Arjavierturo Talbot)

Opéra National de Paris / Opéra Bastille, 7. September 2019 (Premiere, Saisoneröffnung)
Vincenzo Bellini, I Puritani

von Lukas Baake

Die Pariser Oper Opéra Bastille zeigt, wo in Europa musikalisch der Hammer hängt. Während es an der Deutschen Oper Berlin zu Saisonbeginn zu einem Buh-Orkan und Brüllduellen kommt (Frank Castorf inszenierte Giuseppe Verdis „Die Macht des Schicksals“), an der Staatsoper Hamburg, also in der zweitgrößten deutschen Stadt, die Menschen artig und ohne jegliches Bravo eine Oper für absolute Insider mit höflichem Applaus bedenken und bei zwei zeitversetzten Open-Air-Filmaufführungen im Stadtzentrum und in HH-Harburg großes Desinteresse und Befremdung dominieren (Dmitri Schostakowitsch, Die Nase); während an der sonst meist für Sternstunden sorgenden Wiener Staatsoper nach Auffassung der meisten Beobachter mit Verdis „La Traviata“ ein glanzvoller Start in die Opernsaison ausbleibt, vor allem weil Sänger mit großen Namen wenig prachtvoll singen (Charles Castronovo, Thomas Hampson), stimmt  an der Seine musikalisch und darstellerisch fast alles – und die Zuschauer sind RICHTIG aus dem Häuschen: auf dem Programm steht Vincenzo Bellinis „I Puritani“.

Sicher ist es im Jahr 2019 auch einfacher und schlicht und ergreifend erfolgreicher, mit Bellini als mit Schostakowitsch eine Opernsaison zu eröffnen. In Hamburg fragen sich indes viele Menschen und Opernliebhaber, wer auf die „Schnapsidee“ gekommen ist,  mit der „Nase“ in die Spielzeit zu starten. „Vincenzo Bellini, I Puritani,
Opéra National de Paris / Opéra Bastille, 7. September 2019 (Premiere, Saisoneröffnung)“
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