Leoncavallos „Zingari“ sind eine lohnende Wiederentdeckung

CD-Rezension: Ruggero Leoncavallo, Zingari  klassik-begeistert.de 23. September 2022

Als akustisches Feuerwerk ist diese Produktion ein reines Vergnügen. Wieder hat Opera Rara ein Werk der Vergessenheit entrissen.

Ruggero Leoncavallo

Zingari

Royal Philharmonic Orchestra
Carlo Rizzi

ORC 61

von Peter Sommeregger

Das rührige Label Opera Rara, ein von vielen Sponsoren getragenes Projekt, hat sich mit der Wiederentdeckung und Einspielung vergessener Opern des 19. und 20. Jahrhunderts schon vielfach verdient gemacht. Jüngstes Projekt sind die „Zingari“ von Leoncavallo, ein für London 1912 geschriebenes Werk des vor allem durch seine „Pagliacci“ berühmten Komponisten.

Leoncavallo auf diese eine, extrem erfolgreiche Oper zu reduzieren ist mehr als ungerecht. Neben elf weiteren Opern schrieb er auch fast ebenso viele Operetten und war damit sehr erfolgreich. In den meisten Fällen verfasste er die Libretti für seine Bühnenwerke selbst. Kaum eines seiner Werke wird mit Ausnahme der „Pagliacci“ heute noch gespielt, was aufgrund ihrer Qualität schwer verständlich ist.

Die kurze zweiaktige Oper „Zingari“ spielt im Milieu der Roma und hat mit Ausnahme des Chores nur vier handelnde Figuren. Die Handlung erinnert ein wenig an „Carmen“, auch hier wendet sich die schöne Zigeunerin nacheinander zwei verschiedenen Männern zu, was erwartungsgemäß tödlich für sie endet. Im Falle dieses Werkes stammt das Libretto nicht vom Komponisten, vielleicht liegt darin der Grund für den dramaturgisch problematischen Handlungsverlauf. Die beiden Akte laufen fast identisch ab, weder die Zu- noch die Abwendung der Hauptfigur Fleana von ihren beiden Liebhabern wird logisch erklärt. Musikalisch erlebt man allerdings ein glutvolles veristisches Feuerwerk, das ist Leidenschaft pur. Das tödliche Beziehungsdreieck gibt den Sängern reichlich Anlass, sich vokal zu profilieren.

Die bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova, von der trotz ihrer Präsenz auf internationalen Opernbühnen kaum Aufnahmen existieren, stattet die Fleana mit dem Schmelz ihres warm timbrierten Soprans luxuriös aus. Das ist Gesangskultur auf höchstem Niveau. Ihr absolut ebenbürtig der armenische Tenor Arsen Soghomonyan, der erst kürzlich als Hermann in „Pique Dame“ unter Kirill Petrenko begeisterte. Sein strahlender, förmlich leuchtender Tenor von beeindruckender Kraft lässt die Leidenschaft des Edelmannes Radu für Fleana glaubwürdig miterleben. Dritter im Bunde ist der amerikanische Bariton Stephen Gaertner, der mit mächtig auftrumpfendem Bariton der Figur des Tamar das erforderliche Gewicht gibt.

Carlo Rizzi führt das Royal Philharmonic Orchestra und den Opera Rara Chorus mit Schwung und Stilsicherheit durch das komprimierte Werk.

An der Musik kann es nicht liegen, dass diese Oper nach anfänglichem Erfolg völlig von den Spielplänen verschwunden ist. Der Haken scheint die etwas ungeschickt erzählte Handlung sein, die bei aller Dramatik ein wenig banal ist. Man sieht an den „Pagliacci“ des Komponisten, die bis heute erfolgreich sind, dass das Bessere immer der Feind des Guten ist.

Als akustisches Feuerwerk ist diese Produktion ein reines Vergnügen. Wieder hat Opera Rara ein Werk der Vergessenheit entrissen.

Peter Sommeregger, 23. September 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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