Ein Komiker, so bekannt wie Buddha, Jesus und Mao, verzaubert die Laeiszhalle Hamburg

Charlie Chaplin (1889-1977), Ein Filmkonzert, Symphoniker Hamburg (Laeiszhalle Orchester)  Laeiszhalle Hamburg, 25. November 2021, Großer Saal

Symphoniker Hamburg (Laeiszhalle Orchester)
Dirigent: Stefanos Tsialis

Charlie Chaplin (1889-1977)
Ein Filmkonzert – Stummfilme mit Live-Musik
“How to Make Movies” 1921
“The Kid” 1918

Laeiszhalle Hamburg, 25. November 2021, Großer Saal

von Teresa Grodzinska

Schon während der ersten Aufnahme, als ein Männchen mit Schnurrbart, Stock und übergroßen Schuhen in Watschelschritt auf uns zukam, ging ein Raunen, ein Seufzen durch den Saal. Da ist er ja! Wie eh und je unser aller Charlie Chaplin. So bekannt wie Buddha, Jesus und Mao…

Beide gestern gezeigten Filme entstanden vor gut 100 Jahren in Zeiten der Grippepandemie, auch Influenza oder spanische Grippe genannt. Die Zahl der Toten betrug je nach Quelle 27 bis 50 Millionen Menschen weltweit.

Zum Vergleich: während des I. Weltkrieges kamen  ca. 17 Millionen Menschen um…

Aus dieser Zeit kommt eine Kunstfigur, ein Strichmännchen in Lumpen daher und lehrt uns: aneinander gereihte Momente unmöglicher, absurder Tollpatschigkeit bereichen, entspannen, kitzeln aus uns das Allheilmittel in jeder verzweifelten Lage:

spontanes Lachen.

Sir Charles Spencer Chaplin war von Anfang an ein Überlebenskünstler: Die ersten 10 Jahre seines Lebens verbrachten er und sein ältere Bruder Sydney in diversen Waisenhäusern Englands. Vater Alkoholiker, Mutter gemüts- bzw. schwer psychisch krank starb, als er 10 war. Später verdingte er sich als Schauspieler in diversen Wandertheater-Truppen, bis er seinen Weg fand. Und der Charlie Chaplin wurde.

“The Kid”, das ist er, der kleine Charlie (Jackie Coogan), alle 5 Minuten mit einem Bein im Gefängnis, mit dem anderen unbeirrt in Richtung Freiheit strampelnd… Schwarzumrandete Augen seines Beschützers (Charlie Chaplin) schauen oft direkt in die Kamera.  Mich traf gestern dieser Blick mitten ins Herz.

Die Menschen ändern sich wenig über eine Zeitspanne von 100 Jahren; das von Corona geplagte Hamburger Publikum jauchzte, lachte, schniefte  und  dankte mit langem, herzlichem, ehrlichem Applaus für alles. Für echte Unterhaltung, für Mitgefühl für die Schwachen ohne Lobby, für subtile und weniger subtile Seitenhiebe gegen die unsterbliche Obrigkeit… Auf dem rechten Balkon sass ein Kleinkind, das man offensichtlich in die Abendvorstellung schmuggelte. Sein Gekicher, immer auf der richtigen Stelle, habe ich immer noch im Ohr…

Charlie Chaplin

Die Idee gerade jetzt uns diese beiden Werke zu zeigen ist genial. Die Kommentare reichten von “Klasse wie immer” bis – “O Gott wie lange hab ich nicht mehr so herzlich gelacht!”

Eine Dame, die in die Toilette stürzte, sagte, selbst darüber erstaunt: ich hab die ganze Zeit nicht einmal an dieses verfluchte Virus gedacht!

Das können nur die Großen. Uns mitnehmen, verzaubern und am Ende… vergnügt in die Wirklichkeit entlassen.

Wer die Erwähnung der musischen Begleitung des Abends bis jetzt vermisst hat, dem sei gesagt, dass sie bewusst in den Hintergrund trat. Die künstlerisch und handwerklich tadellose Performance der Symphoniker Hamburg unter Stefanos Tsialis war Demut pur. Er traf die einzig richtige Entscheidung: wir sind die zweitbesten hier. Wir liefern Hintergrund für den Auftritt eines Genies.

Und so geschehen: das Orchester vergass man im besten Sinne dieses Wortes. Alles war da: der Suspense bei Gefahr für den Säugling, die breiten Walzerschritte während des Tagtraums, die schmalzige Dramatik der Schwarzcharaktere und ihrer Finten… und immer blitzsauber, blitzschnell, auf die  Viertelsekunde genau – die Begleitung der Kampfszenen… Chapeau.

Übrigens als einziger trug der Herr Dirigent kein Jackett. Stilgerecht erschien er im weissen Hemd mit Fliege. So sahen die Stummfilmmusiker in den 20er Jahren des XX. Jahrunderts aus…Rührend sein Mut zum Bäuchlein. Sehr uneitel, sehr sympathisch. Kein Windhund aus dem Fitnesstudio. Danke.

Teresa Grodzinska, 26. November 2021, für
Klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Julia Lezhneva, Concerto Köln, Arienabend Elbphilharmonie Hamburg, 24. November 2021

Symphonischer Chor Hamburg, Flensburger Bach-Chor, Sonderjyllands Symfoniorkester, Matthias Janz, Robert Schumann, Das Paradies und die Peri Laeiszhalle Hamburg, 21. November 2021

Martha Argerich Festival, Konzert #5, Laeiszhalle, Hamburg, 23. Juni 2021

 

 

 

 

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