Daniels Anti-Klassiker 33: Rimski Korsakow – „Scheherazade“ (1888)

Daniels Anti-Klassiker 33: Rimski Korsakow – „Scheherazade“ (1888)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung und der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Scheherazade – frei nach dem Märchen von Tausendundeiner Nacht – ist eine der populärsten, wenn nicht sogar die populärste Komposition von Rimski Korsakow. Nicht nur der Stoff der Erzählung selbst berauscht. Die Musik gilt als Meisterwerk der Instrumentation, als eine herausragend in Töne gegossene Erzählung. Nicht selten wird sie sogar als die beste Komposition des russischen Komponisten bezeichnet. Und doch – trotz dieses herausragenden Rufs gibt es da etwas, was an dieser Komposition herausfällt. Denn, wie sich zeigt, ist nicht alles Gold, was glänzt…

Die Geschichte von Scheherazade ist eine alte Märchensammlung aus Persien. Inhaltlich setzt sie sich mit Sultan Schahryâr auseinander, der von seiner Gemahlin mit einem Sklaven betrogen wurde und nie wieder einer Frau vertrauen will. Dafür heiratet er täglich eine neue Frau und lässt sie am nächsten Morgen hinrichten. Auch Scheherazade wird auf diese Weise von ihm geehelicht, hält sich aber am Leben, indem sie ihm jede Nacht eine neue Geschichte erzählt. Dies hält sie 1001 Nächte lang durch, bis der Sultan sich erbarmt und sie – von ihrer Treue überzeugt – am Leben lässt.

Mit Sicherheit haben schon viele davon gehört – der Stoff ist bereits durch die Jahrhunderte gegangen und inspirierte Künstler wie Komponisten gleichermaßen. Es verwundert also nicht, dass auch Rimski Korsakow – einer der mächtigen vier, die in Russland das 19. Jahrhundert dominierten – sich ebenfalls damit auseinandersetzte. Im Sinne russischer Tradition zauberte er aus dieser Vorlage allerdings eine Erzählung mit bittersüßem Ende und verwarf sie später gänzlich. Die Titel, die heute den einzelnen Sätzen zugeteilt werden, lassen sich entsprechend unterschiedlich deuten.

Die eine Deutung ist, dass bei Korsakow Scheherazade in den Harem des Sultans entführt wird und dort ebenfalls diese 1001 Nächte überlebt, woraufhin der Sultan sie heiratet. Die Feier findet auf einem Schiff statt, das in einen Sturm gerät und an Felsen zerschellt. Im Gegensatz zum Märchen ereilt Scheherazade und den Sultan hier also ein tödliches Ende. Für diese Deutung sprechen unter anderem die Verwendung der musikalischen Themen, die dem Sultan und Scheherazade zugeordnet werden können. Auch Aussagen Korsakows lassen sich entsprechend deuten.

Die Satztitel lassen aber auch die Deutung zu, dass es sich bei den einzelnen Sätzen um Geschichten handelt, die Scheherazade dem Sultan erzählt. Jedenfalls sind die Titel „Das Meer und Sindbads Schiff“, „Die Geschichte vom Prinzen Kalender“, „Der Junge Prinz und die junge Prinzessin“ und „Feier in Bagdad. Das Meer. Das Schiff zerschellt an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter“ selber alle Namen von weiteren Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Ein gewisser inhaltlicher Zwist, der womöglich Anlass für Korsakow war, das Programm zurückzuziehen.

Unbelastet von diesem Zwist erscheint die Musik zunächst ähnlich fantastisch wie die Handlung. Am Anfang geht Korsakows Komposition in einem fast natürlich anmutenden Fluss runter wie Butter. Markige, bunte Themen in schillernden Orchesterfarben ausgestaltet, eine kontrastreiche Instrumentation ohne extravagante Experimente und viel Leidenschaft in der Notation – es gibt wenige Werke, die auf so einem Niveau mithalten können. Mit dem im zweiten Satz stets drohenden Todesurteil kreierte Korsakow durch ein eingängig schmissiges Motiv in den Trompeten und den Posaunen gar eine Phrase mit Ohrwurmcharakter. Dieses Werk beweist zurecht seinen populären Stand im Konzertbetrieb.

So gesehen ist es eigentlich ein Unrecht, diese Komposition in einer Reihe über überbewertete Klassiker zu behandeln. Der Ruf eines Meisterwerks kommt nicht von ungefähr, auch seine Popularität spricht für sich. Und zu guter Letzt ist die Musik auch nicht, wie andere Beispiele dieser Reihe, durch penetrante Nutzung in Film und Marketing aufgefallen. Man kann dieser Musik also nicht vorwerfen, ausgelutscht oder überstrapaziert zu sein.

Was aber ist dran an dem Prädikat des Meisterwerks? Ist Korsakows Scheherazade wirklich diese Sternstunde der Orchestertradition, für die sie immer verkauft wird? Beim Anhören schleicht sich jedenfalls der Eindruck ein, dass die Komposition im Verlauf des dritten Satzes abflacht. Nicht nur lässt die ursprüngliche Spannung nach, die Korsakow in den ersten beiden Sätzen erzeugt. Auch Instrumentation und Satztechnik fahren hier im Vergleich zurück bis zu einem Tiefpunkt, den man im vierten Satz ausmachen muss – nicht nur musikalisch, sondern auch dramaturgisch.

Nach dem Titel dieses Satzes wäre ein feuriges Fest mit ausgelassener Feier auf einem Schiff, viel Freude, Spannung gefolgt von einem tosenden Gewitter zu erwarten, in dem das Schiff letztendlich versinkt. Eine Handlung, die eine großartige Grundlage für ein schillernd tragisches Finale einer bis dahin bereits herausragenden Komposition liefern würde.

Leider aber wirkt die von Korsakow dazu geschriebene Musik dünn, fast schon infantil – ganz besonders im Vergleich zum Rest der Komposition. Was er präsentiert, ist kein wild durch alle Instrumentenklassen wirbelnder Feierrausch mit wulstigen Rhythmen, ausdauernden Läufen oder vollen Tänzen. Nachdem er erst die Solovioline als Sinnbild für Scheherazade ihr Thema vorpreschen lässt, beschränkt er die Instrumentation in einem zu diesem Punkt nicht nachvollziehbaren Akt der Askese fast ausschließlich auf Holzbläser und die kleine Trommel. Dazu bietet er ab und an Akzente vom Schlagzeug und stotternde Blechbläser-Staccati. Ein irritierender Kontrast zu den schillernden und vollen Passagen der drei Sätze davor. Erst beim Losbrechen des Sturms greift er wieder zum vollen Orchesterklang.

Vielleicht ist mir an dieser Stelle etwas entgangen und Korsakows Zurückhaltung bezieht sich auf traditionelle Wurzeln im arabischen Raum oder Zentralasien. Wenn dem nicht so ist, muss ich aber feststellen, dass seine Musik hier enttäuscht. Wie eine Sultanshochzeit klingt das, was er da geschrieben hat, jedenfalls nicht.

Eher drängt sich der Eindruck eines Kindergarten-Festes auf. Was Korsakow programmatisch als Tanz der Scheherazade verkaufen möchte, kaufe ich ihm beim Einsatz der Solovioline noch ab. Spätestens aber, nachdem die Melodiefetzen nur noch durch die Flöte und die begleitenden Holzbläser wandern und ein paar zirpende Streicher sich dazwischen finden, sehe ich nichts mehr von einer festlichen, ausladenden Stimmung höfischer Hochzeiten. Das könnte ebenso gut ein privates Intermezzo zwischen Sultan und Scheherazade sein – musikalisch mache ich da keinen Unterschied aus. Deshalb ist dies ein Beispiel für Musik, bei der ich felsenfest überzeugt bin, dass sie ausdrucksstärker und damit besser hätte sein können.

Bedauerlich daran ist nicht nur der dadurch entstehende dramaturgische Knick. Es bleibt auch beim darauffolgenden tragischen Ende der Eindruck, es hier mit einer nicht ausgereiften Komposition zu tun zu haben. Als das Schiff in den Wellen auf- und abtürmt, können die Hörner grandios den Kampf ums Überleben schildern, während Streicher und Piccoloflöten durch ihre Läufe den Sturm eindrucksvoll schildern.

Doch das Rohren in der Tiefe oder das bedrohliche Donnern bleiben uns vorenthalten. Schuld daran ist nicht nur eine merkwürdig fad komponierte Basslinie in den Posaunen und der Tuba. Auch Pauke und große Trommel, genauso wie die Kontrabässe oder das Kontrafagott hätten hier viel eindrucksvoller gesetzt werden können und den drohenden Untergang mit einem Fundament untermauern können, dem man seine Fatalität auch wirksam abkauft.

Besinnen wir uns nur zurück auf Beethoven, der mit einem vergleichbaren Orchester ein beeindruckendes Gewitter in seiner sechsten Sinfonie zaubert. Oder an Richard Wagner, dem man im fliegenden Holländer das Tosen der zerstörerischen See sofort und unvermittelt abnimmt. Doch bei Korsakow erscheinen die Wellen mehr wie kleine Rinnsale und der Wolkenbruch wie ein lauer Nieselregen.

Aufgrund dieses Klangeindrucks mache ich im vierten Satz der Scheherazade eine einschneidende Schwachstelle aus, die mir auch bei jedem Anhören die Freude am genialen Rest der Komposition trübt. Korsakows Musik erlaubt über fast 30 Minuten einen Einblick in eine bunte, klangstarke und fantastische Welt, von der man gerne mehr hören würde. Es ist deshalb ernüchternd, dass sein Finale mit diesem Einstieg nicht mehr mithält. Was Korsakow letztendlich dazu bewegte, es so zu komponieren, wird nur er selber wissen. Für mich ist aber als Fazit ganz klar: Wenn es ein Werk gibt, das eine Revision verdient hätte, dann wäre es die Scheherazade. Denn so, wie Korsakow sie hinterließ, ist das Ende eher eine Enttäuschung, als ein einschneidendes Erlebnis für eine sonst wunderbare Musik.

Daniel Janz, 15.Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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