Er spielt Klavier, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist – David Helfgott begeistert im Musikverein Wien

David Helfgott, Klavier, Rhodri Clarke, Klavier,  Musikverein Wien, Goldener Saal

Foto: © Archiv fine arts management
Musikverein Wien, Goldener Saal, 23. Oktober 2018
David Helfgott,
Klavier
Rhodri Clarke,
Klavier

von Julian Dworak

Am 23. Oktober war die Gästeschar im Goldenen Saal des Musikvereins Wien ein wenig breiter gefächert. Zu den wortwörtlich klassischen Konzertgängern gesellten sich Cineasten und Liebhaber der Popkultur. Mit Sicherheit saß auch der ein oder andere sensationslüsterne Voyeur im Publikum. Doch diesem Umstand sollte man nicht viel Beachtung schenken. Der Protagonist des Abends war besonders – sein Name: David Helfgott, 71. Die Lebensgeschichte des Pianisten fand sogar in Hollywood Anklang.

David Helfgott wuchs in Australien auf und wurde früh von seinem Vater an das Klavier herangeführt. Leider mit der falschen Motivation. Peter Helfgott setzte seinen Sohn stark unter Druck, das Klavier war für ihn alles, und der Sohn musste Folge leisten. Dennoch verzeichnete David Helfgott zahlreiche Erfolge bei Wettbewerben und debütierte umjubelt in der Royal Albert Hall mit Rachmaninows 3. Klavierkonzert.

Seine Kindheit und Jugend überstand Helfgott allerdings nicht ohne Wunden. Im Alter von 24 Jahren erlitt er einen Nervenzusammenbruch und verbrachte das folgende Jahrzehnt in psychiatrischen Einrichtungen. Schizoaffektive Störung lautete die Diagnose. Auf Umwegen hat der Pianist dennoch den Weg zurück auf die Konzertbühne gefunden. Seine heutige Ehefrau Gilian gab ihm den nötigen Mut. Der australische Regisseur Scott Hicks wurde auf Helfgotts einzigartige Lebensgeschichte aufmerksam und verfilmte Helfgotts Schicksal im Oscar prämierten Film „Shine“.

Als David Helfgott auf die Bühne hopste, erhob sich das Auditorium. Der Herr im silber-türkisen polnischen Hemd wirkte ungemein sympathisch. Einigen Besuchern, die in seiner Reichweite saßen, reichte er höflich die Hand. Mit breitem Grinsen und den Daumen nach oben genoss er sichtlich den lauten Applaus. Mit Buckel setzte er sich an den Bösendorfer.

Stürmisch und unausgewogen spielte der bereits 71-jährige die Promenade aus dem Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgskij. Während er spielte, murmelte und stöhnte er und beanspruchte das Pedal häufig und viel zu stark. Wer unvoreingenommen zu einem Klavierabend gegangen war, wurde überrascht. Aber für diesen Abend konnte im besten Falle auch der engstirnigste Klassikfan seine normativen Maßstäbe an den Interpreten adaptieren – denn Helfgott tickt ein wenig anders. Er spielt frei nach Gefühl, manchmal wild, dann wieder zart aber oft mit voller Energie. An diesem Abend pausierte er zwischendurch kurz und sprach etwas ins Publikum. Die Zuhörer erfreute es.

Musikalische Feinfühligkeit und technisch höchstes Niveau besitzt Helfgott dennoch. Ungewohnt aber spannend, wie er von den harten Akkorden des vertonten Bildes „Bydlo“ zu den sanften Klängen der Promenade wechselte. Solch abrupte Übergänge kennt man aus den gewohnten Interpretationen nicht. Durch das „Ballett der unausgeschlüpften Küken“ raste er regelrecht – aber charmant und verspielt. Helfgott vermittelte neue Perspektiven auf bekannte Stücke!

Nach der Pause interpretierte Helfgott gemeinsam mit seinem australischen Kollegen Rhodri Clarke Rachmaninows 3. Klavierkonzert in d-Moll, in einer Reduktion für zwei Klaviere.

Die Klavierpartitur enthält bereits unendlich viele Noten, dafür ist Rachmaninows Werk berüchtigt. Ein zweites Klavier und ein impulsiver Helfgott trieben die Klangfülle auf die Spitze. Intensität lautete das Stichwort! Zahlreiche emotionale Steigerungen und Kulminationen prägten das Klangbild. Es fiel zuweilen schwer die Orientierung zu behalten.

Während der Solopassagen des Orchesters, die Clarke am Klavier übernahm, wandte sich Helfgott gemütlich zu seinem Nachbarn und beobachtete liebevoll dessen Spiel.

Nach einem gemächlicheren zweiten Satz, der dennoch mit virtuosen Passagen ausgestaltet war, erschöpfte der dritte Satz. Irgendwann waren es nur noch Noten, Wellen an Klangschwallen und Schlüsse, welche doch keine waren. Konzentration fiel schwer. Mit einem Rumms war es vorbei!

Der Applaus war gewaltig. Helfgott ist eine Ausnahme-Figur in der Klassikwelt. Es herrschte eine Stimmung wie bei einem Popkonzert.

David Helfgott ist infantil, dies auf sehr sympathische Weise. Gleichzeitig ist er ein hoch virtuoser Pianist, der auch die schwierigsten Stellen wie morgendliches Zähneputzen aussehen lässt. Diese Diskrepanz macht das Faszinosum Helfgott aus. Der Mensch dahinter ist freundlich und demütig.

Die Zugaben hatten allesamt Ohrwurm-Charakter: Rachmaninows beliebte 18. Variation über ein Thema von Paganini, der legendäre Hummelflug und zum Abschied der Säbeltanz – jedes der Stücke wurde mit Standing Ovations gefeiert.

David Helfgott steht mit großer Freude auf der Bühne. Was die Menschen in ihn hineinprojizieren, kann er natürlich nicht beeinflussen. Im besten Falle nehmen sie ihn einfach so, wie er ist: Als emotionalen Pianisten, der nicht perfekt sein will, sondern frei aus den Gefühlen heraus interpretieren möchte. So kann man Erfrischendes in seinem Spiel entdecken, ganz ohne Scheuklappen.

Julian Dworak, 26. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

Modest Petrowitsch Mussorgskij
„Bilder einer Ausstellung“ für Klavier
Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow
Klavierkonzert d-Moll, op. 30; Version für zwei Klaviere
Zugabe:
Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow

Hummelflug (Bearbeitung Rachmaninow für Klavier zu zwei Händen)
Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow
Rhapsodie über ein Thema von Paganini Variation 18 für zwei Klaviere
Aram Chatschaturjan
Säbeltanz

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