Zurück in die Wirklichkeit – war was? Was war?

Der Ring des Nibelungen, Zweiter und Dritter Tag,  Deutsche Oper Berlin, 7. und 9. Januar 2022

Sollten Sie Ihren Chef plötzlich Hagen nennen, besorgen Sie sich bitte sofort einen tiefenanalytischen Therapieplatz.

Foto: Götterdämmerung (c) Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin, 7. und 9. Januar 2022

Richard Wagner, Siegfried
Richard Wagner, Götterdämmerung

von Sandra Grohmann

Zurück in die Wirklichkeit, lautet die Devise am Schluss der Götterdämmerung nach einer vom Ring geprägten Woche: Das Schlussbild fragt, während die Frau vom Putzdienst das Konfetti zusammenfegt, mit bereits aufgeräumter Bühne: „War was?“

Aber was heißt das, zurück in die Wirklichkeit? Stefan Herheims Inszenierung, oszillierend zwischen (Selbst)Referenzen auf Theaterspiel und Theaterpublikum und beides vermengend, hat uns (bei aller schmerzlichen Fragwürdigkeit einzelner Bilder) gegeben, was wir in diesen Zeiten brauchen: Wirklichkeit außerhalb der eigenen vier Wände. Die Wirklichkeit des Theaters, die Verdichtung durch Kunst überhaupt (auch durch populäre Kunst, aber ja: Popkultur ist mehrfach in Bezug genommen), die wiederum ein Teil unserer Wirklichkeit ist. Wundern wir uns also nicht, wenn wir in der neu beginnenden Woche die Kollegin versehentlich mit Flosshilde anreden. (Sollten Sie Ihren Chef allerdings plötzlich Hagen nennen, besorgen Sie sich bitte sofort einen tiefenanalytischen Therapieplatz.)

Schließlich und vor allem aber hat uns die Deutsche Oper Berlin mit diesem Ring eine große Feier geschenkt und damit das, als was der Ring gedacht ist: Ein Festspiel. Schon wahr, das Wagnerpublikum ist a priori stärker in Jubellaune als irgendein anderes. Es bejubelte noch den gesanglich streckenweise durchaus anstrengenden zweiten Tag (Siegfried), an dessen Ende man sich dezent fragte, wohin insbesondere einige der Männerstimmen eigentlich noch dämmern sollten. Dabei war Clay Hilley als Siegfried anfangs zwar unbedacht, aber von passabler Stimmfülle gewesen.

Ya-Chung Huang konnte als Mime-Wagner-Häftling nichts dafür, dass aus seiner Figur streckenweise eine quäkende Knallcharge wurde, und beeindruckte mit seiner Kondition, die ihm ermöglichte, einwandfrei zu singen, während er über die Bühne hüpfte. Iain Paterson als Wanderer/Wotan hätte man von dieser Kondition mehr gewünscht, und auch Hilley war in der Schlusszene hörbar am Ende seiner Kräfte, weshalb die Musik schier auseinanderfiel. Lag es an einem Fluch hinter der Bühne? Waren deshalb auch die Pausen verlängert, so dass die Aufführung des „Siegfried“ eine halbe Stunde später endete als angekündigt? Wie soll Götterdämmerung gelingen, wenn unsere Bühnengötter schon zuvor erschöpft darniedersinken?

Der letzte Tag aber erlöste, den Göttern sei‘s gedankt, von diesen düsteren Gedanken: Welchen Zaubertrank auch immer insbesondere Clay Hilley genommen haben mag, die Stimme war nun kräftig und frisch, und Nina Stemmes schon gewohnt kraftvolle – wenn auch gelegentlich zu einigem Vibrato und auch Schärfe neigende – Brünnhilde konnte sich nun mit ihm so wunderbar zoffen, wie sich beider Stimmen zuvor nicht hatten lieben können.

Auch sonst bot die Götterdämmerung, von kleinen Patzern abgesehen, Hörgenuss. Schon die Nornen gaben einen fein abgestimmten Auftakt, allen voran Beth Taylor mit ihrem unter die Haut gehenden Alt (als erste Norn und ja, ich weiß, dass sie ein Mezzo ist), die schon im Rheingold mit ihrem Rollendebüt als Erda hatte überzeugen können. In der Gibichungenhalle in Form des nachgebauten Opernfoyers trafen sodann ein ausgewogen und volltönend singender Gunther (Thomas Lehman) und eine unschuldig-mädchenhafte Gutrune (Aile Asszonyi) auf den fiesen Joker: Albert Pesendorfers Hagen, der die clowneske Fratze im Laufe des Abends immer mehr von seinem Vater übernahm (als Alberich sehr prägnant Jordan Shanahan).

Hagen, im grauen Anzug, war einer der in jeder Hinsicht Großen dieser Götterdämmerung und füllte den Saal noch mit seiner Stimme, als er aus der ersten Publikumsreihe zur Bühne hin sang. Aus dieser ersten Reihe hatte er zuvor Waltraute verscheucht, in deren Rolle Okka von der Damerau wie erhofft Vorfreude in Wirklichkeit wandelte. Eindringlich und mit warmem, satten Ton sang sie Brünnhildes furchtvolle Schwester und bot damit einen der Höhepunkte des Abends, der schließlich unter Runnicles wieder sehr organischem Dirigat mit dem Liebesmotiv verklang.

Wohin führte das alles? War was? Was war? Lag nicht der Drache Aufzug für Aufzug im Orchestergraben und atmete, deutlich hörbar, so ruhig wie bedrohlich weiter, als hätte Siegfried ihm nicht den Garaus gemacht? Wohin ging er, als die Musiker à la Staatsoper auf die Bühne kamen? Zum Ristorante „Don Giovanni“ etwa, und dann nach Hause wie wir? Oder ist er zu Konfetti zerfallen und längst aufgefegt? Das bleibt ebenso offen wie das Schicksal von Hagen, der am Ende einfach von der Bühne ging, statt sich in die Tiefen des Rheins ziehen zu lassen. Vielleicht, wer weiß, sitzt er heute doch wieder in irgendeiner Chefetage, zurück in der Wirklichkeit.

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