„Così fan tutte“ in Salzburg: Von der Beredsamkeit weißer Wände und Türen

DVD-Rezension:  Wolfgang Amadeus Mozart, „Così fan tutte“

DVD-Rezension:

Wolfgang Amadeus Mozart,“Così fan tutte”
Unitel Erato 0190295050320

Libretto von Lorenzo  Da Ponte

Salzburger Festspiele 2020

von Peter Sommeregger

Diese Aufführung war im Corona-Sommer 2020 die große Sensation in Salzburg.

Deutlich über zwei Stunden agieren sechs Personen vor einer weißen Wand mit zwei ebenfalls weißen Türen. Den größten Teil der Zeit tragen sie unauffällige Alltagskleidung. Möbelstücke, Requisiten? Fehlanzeige.

Was wie der Alptraum eines Opernbesuchers klingt, löste an diesem Abend im Salzburger Haus für Mozart frenetischen Jubel aus. Man erlebte die Premiere einer der besten Inszenierungen der letzten Jahre, nicht nur der delikatesten Oper Mozarts. Aus der Not einer durch Corona notwendig gewordenen Einschränkung der traditionsreichen Salzburger Festspiele machte man in diesem Fall eine Tugend. Für diese ursprünglich gar nicht geplante Così-Inszenierung konnte Christof Loy gewonnen werden, der diese Arbeit buchstäblich wie das sprichwörtliche weiße Kaninchen aus dem Hut zauberte. Aber welch ein Hut! Welch ein Kaninchen!

Es ist kein Geheimnis unter Opernfans, dass dieser Regisseur ein Meister der subtil erarbeiteten Personenregie ist. Darin besteht ja das eigentliche Regie-Handwerk. Die Fachkollegen, die mit kruden Umdeutungen ganzer Werke punkten wollen, dabei aber gleichzeitig ödestes Rampentheater abliefern, entlarvt Loy hier als Scharlatane. Ja, man kann eine Geschichte ohne Kulissen, ohne aufwendige Kostüme erzählen, wenn man den tieferen Sinn einer Handlung begriffen hat und ihn mit Hilfe der Körpersprache der Akteure illustriert.

Hochkarätige Aufführungen von Così fan tutte haben in Salzburg eine lange Tradition. Die letzten Inszenierungen fielen allerdings eher unbefriedigend aus, aber das ist ab sofort Geschichte. Vielleicht waren es gerade die kurze Vorlaufzeit und die problematischen Arbeitsbedingungen, die dieses kleine Theaterwunder begünstigten.

Durch das Fehlen optischer Ablenkungen liegt die ganze Verantwortung für das Gelingen auf den Schultern der sechs Protagonisten, bei deren Auswahl man mehr als nur eine glückliche Hand hatte. Così fan tutte ist eine Ensembleoper, Stimmen und Temperamente müssen zusammen passen, um die dringend notwendige Harmonie innerhalb des Ensembles zu gewährleisten. In einem homogenen Ensemble entsteht im günstigen Fall eine Art von Gruppendynamik, bei der sich die einzelnen Künstler an der Leistung des jeweils anderen hochschaukeln. So entstehen Sternstunden, und man ist geneigt, diesen Opernabend als solche einzustufen.

Befeuert von der jugendlichen Dirigentin Joana Mallwitz entfalten die Wiener Philharmoniker ihre Mozart-Kompetenz in eindrucksvoller Weise. Mallwitz’ Interpretation ist spritzig, flott, spart aber auch die schwermütigen Elemente der Partitur keineswegs aus, schließlich ist diese Komödie doch eher eine der bitteren Art.

Der Strippenzieher der verhängnisvollen Wette, Don Alfonso, hat in Johannes Martin Kränzle einen Darsteller, der auch die Nachdenklichkeit und Traurigkeit des alten Zynikers abzubilden weiß. Mit seiner warm timbrierten Stimme schafft er den sonoren Unterbau für die Ensembles. Seine Gegenspielerin, die schnippische Magd Despina wird von Lea Desandre abseits des Klischees des oberflächlichen Kammerkätzchens verkörpert. Diese Despina ist nicht frei von Skrupeln und zeigt am Ende durchaus so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Auch die Stimme bietet mehr als das oft in dieser Partie zu hörende Zwitschern.

Die beiden betrogenen Betrüger, Ferrando und Guglielmo, sind bei Bogdan Volkov und  Andrè Schuen in guten Händen. Schuens geschmeidiger Bariton mischt sich vortrefflich mit dem schönen und lyrischen Tenor Volkovs.

Das Schwesternpaar Fiordiligi und Dorabella findet in Elsa Dreisig und Marianne Crebassa wunderbar harmonierende Stimmen und kontrastierende Temperamente. Kann Elsa Dreisig nicht nur mit der grandios gesungenen Felsenarie, sondern auch insgesamt fein ziselierten Details ihrer Gesangslinie punkten, steuert das deftigere Temperament Crebassas die etwas handfesteren dunkleren Passagen bei.

Alle sechs verschmelzen stimmlich optimal zu einem Mozart-Ensemble der selten gehörten Extraklasse. Loy weiß auch klug die darstellerischen Talente seiner Sänger zu nutzen, ihre beredte Mimik und ihre Spielfreude sind mehr Farbe und Illustration als es die aufwendigsten Kulissen oder Kostüme sein könnten. Ein berührender Moment bleibt besonders in Erinnerung: Während Ferrandos Arie „Un’aura amorosa“ stellen sich Despina und Alfonso neben den Sänger und blicken nachdenklich und eher traurig ins Weite. Dieses kleine Detail gibt der Geschichte einen durchaus so gewollten Zug ins Melancholische.

Von vorgenommenen Strichen ist eigentlich wenig zu bemerken, so geschickt und sensibel wurden sie vorgenommen. Dass die Aufführung keine Pause hat, trägt zur Erhaltung des Spannungsbogens positiv bei. Am Ende ist das Publikum begeistert und erkennt, dass weniger manchmal sehr viel mehr sein kann.

Als Dokument dieses ungewöhnlichen Festspieljahrgangs, aber auch einer begeisternden Ensembleleistung kann man die DVD uneingeschränkt empfehlen!

Peter Sommeregger, 24. April 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

  • Elsa Dreisig (Fiordiligi)
  • Andrè Schuen (Guglielmo)
  • Johannes Martin Kränzle (Don Alfonso)
  • Marianne Crebassa (Dorabella)
  • Bogdan Volkov (Ferrando)
  • Lea Desandre (Despina)

Wiener Philharmoniker
Dirigentin: Joana Mallwitz

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