Sommereggers Klassikwelt 85: Christa Ludwig – die Königin ist tot

Sommereggers Klassikwelt 85: Christa Ludwig – die Königin ist tot  klassik-begeistert.de

Unter Otto Klemperer spielte Christa Ludwig mit Fritz Wunderlich das „Lied von der Erde“ ein, eine Aufnahme, für die allein sich schon die Erfindung der Schallplatte gelohnt hätte.

von Peter Sommeregger

Mit Superlativen sollte man sparsam umgehen, aber wenn es eine Sängerin gibt, die gleich mehrere von ihnen verdient, so ist es Christa Ludwig. Bandbreite, Dauer und Qualität ihrer etwa fünfzigjährigen Karriere konnten und können wohl schwerlich jemals übertroffen werden, das Holz, aus dem man solche Ausnahmekünstler schnitzt, wächst nicht mehr nach.

Für Christa Ludwig war der Weg auf die Bühne bereits durch die Eltern vorgezeichnet, ihre Mutter Eugenie Besalla war selbst erfolgreiche Sängerin und blieb die zeitlebens einzige Gesangslehrerin ihrer Tochter. Schon früh holte Karl Böhm sie an die Wiener Staatsoper, die trotz ihrer Erfolge auch an anderen Häusern ihre künstlerische Heimat blieb. Als Stehplatzbesucher der Sechzigerjahre hatte ich ausgiebig Gelegenheit, Christa Ludwig in einem breiten Rollenspektrum zu erleben. Besonders spannend war es, wenn sie die Fachgrenzen ihres Mezzosoprans zu sprengen versuchte, aber ihre künstlerische Klugheit, vielleicht auch der Rat ihrer erfahrenen Mutter hielt sie von allzu gefährlichen Experimenten ab.

Unvergesslich ihre dunkel glühende Ortrud unter Karl Böhm, ihre geheimnisvoll sinnliche Kundry, ihre Verdi-Partien wie Amneris, Lady Macbeth, Eboli, Ulrica. Sie war Carmen ebenso wie Fidelio, dies allerdings eine Grenz- und Angstpartie. Gottfried von Einem schrieb ihr die Rolle der Claire Zachanassian in seiner Dürrenmatt-Oper „Der Besuch der alten Dame“ buchstäblich auf den Leib, ein Kabinettstück messerscharfer Gefährlichkeit.

Unter Karl Böhm in Salzburg wagte sie auch einmal die „Ariadne auf Naxos“, dauerhaft in ihr Repertoire aufnehmen wollte sie die Rolle aber nicht. Unvergessen ihr Octavian im „Rosenkavalier“, den sie später gegen die Marschallin tauschte, am liebsten hätte man sie in beiden Rollen gleichzeitig gehört. Auch ihre Clairon in „Capriccio“ und als Altersrolle die Klytämnestra waren praktisch konkurrenzlos.

Neben ihren Opernabenden konnte man Christa Ludwig auch regelmäßig auf dem Konzertpodium erleben. Neben einem breit gefächerten Lieder-Repertoire konnte man sie auch als Solistin in Mahler-Symphonien, im „Lied von der Erde“, in den Requien von Mozart und Verdi, in Schönbergs „Gurre-Liedern“ und vielen anderen Programmen hören. Unvergesslich ist mir das Alt-Solo in einer von Leonard Bernstein dirigierten „Missa Solemnis“ von Beethoven.

Christa Ludwigs Vermächtnis auf Schallplatten ist erfreulich umfangreich und vielschichtig. Im Studio wagte die Sängerin zum Teil auch Partien, die sie auf der Bühne mied. Ein interessantes Dokument ist ihre Adalgisa in der Callas-Aufnahme von Bellinis „Norma“, unter Leonard Bernstein ist sie eine hinreißende Old Lady in seinem „Candide“. Für Georg Solti sang sie die Kundry auch im Studio ein, später erzählte sie, Solti habe sie den Schrei der Kundry so oft wiederholen lassen, dass eine Stimmkrise die Folge war. Viele ihrer großen Partien sind auf Schallplatten dokumentiert, Octavian wie Marschallin, Venus, Waltraute und Fricka, die fulminante Ortrud ebenso wie die Ulrica im „Maskenball“ unter Solti. Unter Otto Klemperer spielte sie mit Fritz Wunderlich das „Lied von der Erde“ ein, eine Aufnahme, für die allein sich schon die Erfindung der Schallplatte gelohnt hätte.

Ebenfalls einen reichen Schatz an Liedaufnahmen hat uns die Künstlerin hinterlassen, selbst eine „Winterreise“ hat sie mit James Levine aufgenommen. Die Liederzyklen Mahlers, die Soli in dessen zweiter und dritter Symphonie gibt es in mehreren Versionen, auch Einems „Besuch der alten Dame“ ist auf Tonträgern erhältlich. Auch zwei ihrer Meisterklassen sind ebenfalls in Video-Mitschnitten erhalten und zeigen eine humorvolle, charmante Lehrmeisterin. In zwei autobiographischen Büchern und zahlreichen Interviews hat sie ihr künstlerisches Credo niedergelegt. Einmal beklagte sie, die heutigen Sänger hätten „kein Geheimnis mehr“.

Christa Ludwig starb an diesem Wochenende mit 93 Jahren. Ihre sicherlich vielen Geheimnisse hat sie mit ins Grab genommen.

Peter Sommeregger, 25. April 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview mit Christa Ludwig zum 90. Geburtstag am 16. März 2018 klassik-begeistert.de

Lieses Klassikwelt 23: Rosenkavalier, klassik-begeistert.de

Sommereggers Klassikwelt 82, Franco Corelli zum 100. Geburtstag, klassik-begeistert.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.