Erwin Schrott und sein Ensemble präsentieren teuflisch guten Tango-Sound

Erwin Schrott: „Tango Diablo“  Bremer Konzerthaus Die Glocke, 9. April 2026

Erwin Schrott © Patric Leo

Erwin Schrott: „Tango Diablo“

Programm:
Opern-Arien, Lieder und Instrumentalwerke von Charles Gounod, Giacomo Meyerbeer, Hector Berlioz, Arrigo Boito, Enrique Cadícamo, Heraclio Fernández, Ariel Ramírez, Jorge Caldara und Astor Piazzolla


Erwin Schrott   
Bassbariton
Santiago Cimadevilla
und Lysandre Donoso   Bandoneon
Jonathan Bolívar   
Gitarre
Federico Lechner
und Michael Häringer   Klavier

Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 9. April 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Es dauert einige Zeit, bis Erwin Schrott im stark abgedunkelten Saal anhebt zu singen. Der Bassbariton, ein charmanter Plauderer und lockerer Conférencier, ergeht sich nach seiner Begrüßung zunächst einmal in unterschiedlichsten Themen, angefangen von seinen kölnischen Wurzeln bis hin zur Programmidee von „Tango Diablo“.
Einmal alles Belastende für zwei Stunden vergessen zu lassen, das sei es, was er mit seiner Auswahl aus Opern- und Tangomusik für die Zuhörer anstrebt.

Zur Einstimmung erklingt ruhig pulsierend Chopins „Trauermarsch“ (Satz 3 der Klaviersonate Nr. 2), der Klang des Klaviers ist dabei kunstvoll untermalt mit zarten Figurationen des Bandoneons.
Dann endlich startet Schrott mit der ersten Arie: „Vous qui faites l’endormie“ (aus Gounods „Faust“) mit dem fies-höhnischen Gelächter des Méphistophélès. Die Aussteuerung lässt leider einiges zu wünschen übrig, der Gesang wirkt eher blechern. Was glücklicherweise ab dem folgenden Vortrag korrigiert wird.

© Patric Leo

Diabolische Totentanz-Atmosphäre

 Begleitet von der faszinierenden Klangfarbenmelange von Gitarre, Klavier und zwei Bandoneons erstellt Schrott mit wandlungsfähig sonorem, teils stark voluminösem Timbre, dann wieder ins Narrative wechselnd, eine wahrhaft diabolische Atmosphäre bei „Voici donc les débris … Nonnes, qui reposez“ (aus Meyerbeers „Robert le diable“). Liszts „Totentanz“, von dem jungen Pianisten Michael Häringer mit äußerst wuchtigem Anschlag präsentiert, unterstreicht die mitternächtlich düstere Stimmung.

© Patric Leo

Eine weitere Méphistophélès-Arie – „Voici des roses“ (aus Berlioz’ „La Damnation de Faust“) – nutzt Schrott zum gefühlvollen Schmachten in allerfeinster lyrischer Färbung; es ist ein beseelter Gesang voller Ruhe und Andacht, der ähnlich auch in der Arie des Jupiter „Que les songes heureux“ (aus Gounods „Philémon et Baucis“) vorherrscht. Dazwischen donnert indes noch Liszts „Mephisto-Walzer“ als kraftstrotzender Parforceritt über das gesamte Tastenfeld des Klaviers. Doch die fetzigen südamerikanischen Rhythmen von „Son lo spirito che nega“  (Mefistofele-Arie aus Arrigo Boitos „Mefistofele“) vermitteln auch eine erste Ahnung vom Tango-Feeling, das nach der Pause im Vordergrund stehen wird.

Ausgeprägte Tango-Melancholie in expressiven Gesängen

Mit Federico Lechner sitzt jetzt ein versierter Tango-Spezialist am Flügel, der gemeinsam den beiden Bandoneonisten und dem Gitarristen mit hart attackierenden, scharf akzentuierten Sound einen wahrhaft authentischen „Tango del Diablo“ (A. Piazzolla) inszeniert; das ungewöhnliche Quartett hat jede Menge Tango-Feeling im Blut und in den Fingern.

Artistische Zupfqualitäten in schier atemberaubender Rasanz beweist Jonathan Bolívar bei seinem grandiosen Gitarrensolo „El Diablo Suelto“ (H. Fernández). Die unendliche Wehmut, die ausgeprägte Melancholie, aber auch die vulkanische Leidenschaft sowie die intensiven erotischen Untertöne kommen indes bei Schrotts zutiefst gefühlsbetontem, teils theatral dramatischem, hochgradig nuanciertem Gesang in starken klangfarbigen Bildern zum Ausdruck.

© Patric Leo

Etwa wenn er die trüben Nebel der Erinnerung „Niebla del Riachuela“ oder retrospektiv die Freuden und Leiden der Liebe in „Nostalgias“ (beides: E. Cadícamo) beschwört. Es ist ein genüssliches Baden in Emotionen, Romantik pur, ein Abtauchen in Sphären süßer Schwermut, das in den herzbewegenden Harmonien von „Alfonsina y el mar“ (A. Ramírez), in Piazzollas „Oblivion“ oder in J. Caldaras „Pasional“ sanglich und instrumental in starker Expressivität vermittelt wird. „Vuelvo al sur“ (Piazzolla) führt zu guter Letzt zurück: zur Liebe, zum Schicksal, in den sonnigen Süden … Und verklingt schließlich in verklärend sanften Tönen.

Eine geraume Weile vergeht, bis die Zuhörenden nach derart hochgradiger Gefühlsschwelgerei zurückgefunden haben in die Realität. Aber dann setzt stürmischer Beifall ein, den Schrott und sein Ensemble zum Anlass nehmen, mit Pablo Zieglers „Rojotango“ noch eine mitreißend schwungvolle Zugabe nachzulegen.

Fazit: Mit „Tango Diablo“ präsentiert Erwin Schrott ein vor allem nach der Pause ungemein packendes Konzertprogramm, dessen erster Teil jedoch – auch zwecks tangomäßiger Spannungsintensivierung – durchaus noch von etwas Raffung profitieren könnte.

Dr. Gerd Klingeberg, 10. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview: kb im Gespräch mit Erwin Schrott, Bassbariton, Teil I klassik-begeistert.de, 4. März 2026

Interview: kb im Gespräch mit Erwin Schrott, Bassbariton, Teil II klassik-begeistert.de, 5. März 2026

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