Die Wiener Symphoniker unter Katharina Wincor feiern 20 Jahre Exilarte

Exilarte Jubiläumskonzert / Wiener Symphoniker  Wiener Konzerthaus, 23. September 2026

Katharina Wincor und die Wiener Symphoniker im Großen Saal des Wiener Konzerthauses. Foto: privat.

Vor 20 Jahren wurde der Verein exil.arte gegründet, vor 10 Jahren wurde er als Exilarte – Zentrum für verfolgte Musik in die mdw eingegliedert. Zum doppelten Jubiläum musizierten die Wiener Symphoniker und die Pianistin Mitra Kotte unter der Leitung von Katharina Wincor. Drei Werke von Wilhelm Grosz, darunter eine Uraufführung, und die Zweite Symphonie von Hans Winterberg standen auf dem Programm.

Wiener Konzerthaus, 23. September 2026


Wilhelm Grosz
Serenade op. 5 für großes Orchester
Tanz op. 7 für Orchester
Española – The Spanish Rhapsody op. 41 für Klavier und Orchester (Uraufführung)

Hans Winterberg
Symphonie Nr. 2 (Österreichische Erstaufführung)

Wiener Symphoniker

Mitra Kotte, Klavier
Katharina Wincor, Dirigentin

von Dr. Rudi Frühwirth

Wilhelm Grosz wurde 1894 in Wien in eine jüdische Familie geboren. Er studierte Komposition, Klavier und Dirigieren an der Wiener Musikakademie, wo Franz Schreker einer seiner Lehrer war. Nach einem Jahr als Kapellmeister in Mannheim lebte er zunächst in Wien, bis er 1927 nach Berlin übersiedelte. 1933 wurde er von den Nationalsozialisten vertrieben und kehrte nach Wien zurück. Der auch hier herrschende Antisemitismus trieb ihn die Emigration, zunächst nach England, dann auf Anraten von Erich Wolfgang Korngold nach New York. Dort verstarb er überraschend im August 1939 im Alter von nur 45 Jahren.

Wilhelm Grosz. Foto von Georg Fayer, gemeinfrei. Quelle: ÖNB, Bildarchiv Austria.

Die beiden Orchesterwerke Serenade op. 5 und Tanz op. 7 wurden 1916 bzw. 1917 komponiert und sind charakteristisch für Grosz’ Anfänge als klassischer Komponist. Sie wurden 1921 in Dresden von der dortigen Staatskapelle uraufgeführt und bald darauf von den Wiener Philharmonikern unter Felix Weingartner dem Wiener Publikum vorgestellt.

Serenade und Tanz bestechen vor allem durch ein prächtiges Orchesterkolorit, das die Symphoniker unter der temperamentvollen Leitung von Katharina Wincor glänzend realisierten. Formal verlassen die beiden Stücke den klassischen Kanon. Die Serenade ist ein durchkomponierter Satz, melodisch einfallsreich, mit originellen harmonischen Wendungen, mehr impressionistisch als symphonisch gestaltet. Der Tanz ist eine Abfolge von Episoden mit wechselnden Rhythmen und Tempi, wieder äußerst raffiniert instrumentiert. In ihm zeichnet sich bereits die Wendung zur Unterhaltungsmusik ab, in der Grosz später große Erfolge feiern sollte.

Die Dirigentin Katharina Wincor. © Katharina Wincor

In einer kurzen Ansprache würdigte Ulrike Sych, Rektorin der mdw, die Arbeit von Exilarte, dem an der mdw beheimateten Zentrum für verfolgte Musik. Das Zentrum forscht zur Geschichte ermordeter, vertriebener oder verfemter Komponistinnen und Komponisten, sammelt und bewahrt ihre Nachlässe, und entreißt ihre Musik in weltweiten Aufführungen der Vergessenheit.

Der erste Teil endete mit der Uraufführung von Grosz’ op. 41, der Spanischen Rhapsodie Española. Das Werk entstand 1937 im englischen Exil und lag nur im Manuskript vor. Es ist eine glückliche, äußerst effektvolle Synthese von Klassik, Jazz und Unterhaltungsmusik, vergleichbar der, die George Gershwin in den USA schuf. Die Parallelen zwischen Grosz und Gershwin sind ja unübersehbar – die jüdische Herkunft, die verblüffend ähnlichen Lebensdaten, der frühe Tod, und eben jene gelungene Synthese der musikalischen Welten. Die Symphoniker mit Wincor am Pult und Mitra Kotte am Klavier begeisterten mit einer rhythmisch präzisen und tänzerisch ausschwingenden Wiedergabe von Grosz’ Spätwerk. Das Saxophonquartett und das Schlagwerk zeigten, dass auch ein klassisches Orchester jazziger Klänge fähig ist.  Mit zwei reizenden Improvisationen für Klavier von Wilhelm Grosz bedankte sich Mitra Kotte für den herzlichen Beifall.

Die Pianistin Mitra Kotte. © Andrej Grilc. Mit Erlaubnis der Künstlerin

Nach der Pause folgte dann die Österreichische Erstaufführung von Hans Winterbergs Zweiter Symphonie. Winterberg wurde 1901 in Prag in eine deutsch-österreichisch-jüdische Familie geboren. Er studierte an der 1920 gegründeten Deutschen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Prag, unter anderem bei Alexander Zemlinsky. Nach der Okkupation der Tschechoslowakischen Republik durch das nationalsozialistische Deutschland erhielt er 1940 Berufsverbot. 1942 wurde er von seiner nichtjüdischen Frau und von seiner Familie getrennt, musste Zwangsarbeit leisten und konnte nur im Verborgenen komponieren. 1945 wurde er schließlich nach Theresienstadt deportiert, überlebte aber bis zur Befreiung.

Die Komposition der Zweiten Symphonie fällt in diese dunkelste Phase seines Lebens, und wenn eine Musik dem Motto des Abends, Echo des Unerhörten, gerecht wird, dann der erste Satz dieser Symphonie. Sie beginnt mit schmerzhaften Dissonanzen, reißt den Zuhörer mit durch stetiges Vorwärtsdrängen, beunruhigt durch pochende Rhythmen und drohende Tubenakkorde. Die herbe Harmonik verrät den Einfluss Janáčeks, ist aber doch ganz individuell geformt. Winterbergs Stil lässt sich keiner Schule zurechnen, verrät vielmehr den eigenständigen Künstler, der aus bitterem Erleben seine persönliche musikalische Welt schafft.

Hans Winterberg. © Peter Kreitmeir. Lizenz CC BY-SA 3.0

Der zweite Satz bringt keine Erlösung aus der Qual des ersten. Impressionistische Klangflächen, elegische Entwicklungen, schwirrende Figuren in den Holzbläsern rufen eine eisige Landschaft hervor, in der der Mensch verloren umherirrt.

Der dritte Satz entstand zwar nach der Befreiung aus Theresienstadt, ist aber durchaus kein triumphales Finale. Zu stark lastet noch die Erinnerung an den durchlittenen Schrecken, allzusehr ist noch die Unruhe des ersten Satzes zu spüren. Sehnsüchtige Melodien in den Holzbläsern, volksliedhafte Einsprengsel bringen Beruhigung, ehe zum Ende eine gewaltige Steigerung endlich Licht in die Dunkelheit bringt.

Katharina Wincor führte das Orchester mit suggestiver Schlagtechnik und fast tänzerischer Körpersprache zu starkem Ausdruck. Sorgfältige dynamische Abstufungen, klares Herausarbeiten der thematischen Arbeit und feine Balance der Orchesterstimmen vereinten sich zu einem ergreifenden Gesamteindruck.

Nach dem Krieg folgte Winterberg seiner aus der Tschechoslowakei vertriebenen Frau und Tochter nach Bayern. Seine Werke wurden wieder aufgeführt und zunächst freundlich aufgenommen. Diese Anerkennung war jedoch nicht von Dauer. Zu fremd erschien sein Schaffen dem konservativen Publikum, und als zu gemäßigt wurde es im Licht der radikalen Ästhetik eines Boulez oder Stockhausen betrachtet. Umso verdienstvoller sind die Bemühungen von Exilarte, den bemerkenswerten Komponisten wieder in die Konzertsäle zu bringen.

Das Publikum des Abends zeigte sich begeistert und dankte der Dirigentin und dem Orchester mit hochverdientem, lautstarkem Beifall.

Dr. Rudi Frühwirth, 24. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Erich Wolfgang Korngold, Violanta Deutsche Oper Berlin, 25. Januar 2026 PREMIERE

Arnold Schönberg, Kammerensemble mit Mitgliedern der Wiener Philharmoniker, Katharina Wincor Arnold Schönberg Center Wien, 26. März 2024

Buch-Rezension: Fritz Kreisler Ein Kosmopolit im Exil Klassik-begeistert.de, 23. September 2023

CD-Rezension: Constance Heller & Gerold Huber, Fantasie von übermorgen – Lieder im Exilklassik-begeistert.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert