WIEN: Die Australierin Nicole Car ist ein neuer Star am Sopranhimmel, und Frank Castorf nervt mit Brause-Schleichwerbung

Faust, Charles Gounod  Wiener Staatsoper, 23. Mai 2021

Die Australierin Nicole Car ist ein neuer Star am Sopranhimmel. Auch an diesem letzten Faust-Abend an der Wiener Staatsoper bot sie die beste Leistung in allen Akten. Lyrische wie dramatische Stellen gelangen ihr wunderbar.  Ihr Timbre ist einzigartig, unverwechselbar, mit absolutem Wiedererkennungswert. Und dann drehte die Australierin in den dramatischen Schlussakten so richtig auf. Die Stimme strahlte, bot viel Kraft, ohne dabei Wärme vermissen zu lassen. Nicole Car ist in Wien keine Unbekannte. Sie hat bereits mehrere Partien ihres lyrischen Faches im Haus am Ring gesungen. Für die Marguerite ist ihr gut geerdeter Sopran bestens geeignet, sie wird sowohl den lyrischen Passagen als auch den dramatischen Ausbrüchen gerecht. Ihr leicht abgedunkeltes Timbre hat sehr persönliche, individuelle Farben.

Lesen Sie gleich bitte den Beitrag von Jürgen Pathy von der ersten Vorstellung am Mittwoch: „Obwohl Startenor Juan Diego Flórez die Paradearie „Salut, demeure chaste et pure“ mit unheimlicher Grazie und Lyrik zu gestalten wusste, über weite Strecken stieß er als Faust an seine Grenzen. Vielleicht ist der Vorstoß ins dramatischere Fach doch nicht die beste Idee gewesen. Flórez, der als Tenore di grazia ohne Zweifel zu den Größten zählt, besitzt einfach nicht das Material, um im jugendlichen Heldenfach zu reüssieren. Zumindest nicht in dieser Partie. Und nicht an einem Haus wie der Wiener Staatsoper, wo das Orchester derart dominierend und exponiert in Stellung liegt.“

Die 5 Jahre alte Stuttgarter Inszenierung von Frank Castorf ist live etwas besser und intensiver als am Bildschirm daheim. Weniger (Live-)Videos wären sicher mehr gewesen. Ob der deutsche Regisseur den Seh-Geschmack des Wiener Opernpublikums traf, das an diesem Abend einen Altersschnitt jenseits der 60 hatte, ist fraglich. Noch am Mittwoch hatte es einen Buh-Orkan für die Regie gegeben. Anspielungen auf den Algerienkrieg (1954 – 1962) und Bilder davon bleiben ein Mirakel des Regisseurs. Überhaupt: Wer schon öfter Castorf gesehen hat, ist enttäuscht von der minimalen Wandlungsfähigkeit dieses Kulturschaffenden. Da ist so vieles der Abklatsch von so vielem. Wer den Castorf-Ring in Bayreuth gesehen hat, den langweilt die geistige Stagnation  dieses Künstlers. Tiefpunkt des Abends war die permanente Schleichwerbung für einen US-amerikanischen Brausehersteller auf großen Neon-Leuchten. In der Pause fragten sich Gäste, wie viel Dollar der Konzern der Wiener Staatsoper oder Herrn Castorf wohl überwiesen haben dürfte für dieses „product placement“.

Andreas Schmidt, Herausgeber, 24. Mai 2021 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Foto: © Michael Pöhn

Wiener Staatsoper, 19. Mai 2021
Faust, Charles Gounod

von Jürgen Pathy

Willkommen zurück in der Wiener Staatsoper“. Das waren die ersten Worte, die Staatsoperndirektor Bogdan Roščić am ersten Spieltag nach langer Zeit an das Wiener Publikum richten durfte – an das Livepublikum wohlgemerkt. Vorort. Im Saal. Keine Selbstverständlichkeit in Zeiten der Pandemie. Nach beinahe sieben Monaten, an denen das Haus geschlossen war, emotional ein wirklich großer Moment. Zwar wurden auch während des Lockdowns alle angesetzten Premieren gestreamt, aber „Life is Live“, wie kurz davor noch Vizekanzler Werner Kogler am Aufgang der Feststiege verkündete. Natürlich im Blitzlichtgewitter der Kameras.

Gemeinsam mit Bundeskanzler Sebastian Kurz, der nicht bekannt ist als großer Operngänger, nutzte die Spitze der österreichischen Bundesregierung diesen Moment, um sich medial wirksam in Szene zu setzen. Drinnen im Saal wurde auch noch gespielt: „Faust“ von Charles Gounod.

Womöglich ein zu gewagter Vorstoß

Dass dieser Abend künstlerisch allerdings nicht ganz zu einem wurde, der unvergesslich bleiben sollte, wie Roščić allen wünschte, lag an einigen Punkten. Hauptsächlich am Aushängeschild der Produktion, die Frank Castorf zu verantworten hat: Obwohl Startenor Juan Diego Flórez die Paradearie „Salut, demeure chaste et pure“ mit unheimlicher Grazie und Lyrik zu gestalten wusste, über weite Strecken stieß er als Faust an seine Grenzen. Vielleicht ist der Vorstoß ins dramatischere Fach doch nicht die beste Idee gewesen. Flórez, der als Tenore di grazia ohne Zweifel zu den Größten zählt, besitzt einfach nicht das Material, um im jugendlichen Heldenfach zu reüssieren. Zumindest nicht in dieser Partie. Und nicht an einem Haus wie der Wiener Staatsoper, wo das Orchester derart dominierend und exponiert in Stellung liegt.

Im Gegensatz dazu Nicole Car. Als Marguerite steht sie nicht nur in Gounods Werk aus dem Jahr 1859 im Zentrum der Geschichte. Auch an diesem Abend auf der Bühne der Wiener Staatsoper stand sie ganz klar im Focus der Aufmerksamkeit. Neben dem hervorragend disponierten Orchester der Wiener Staatsoper, dessen unverwechselbaren Klang man so sehnlichst vermisst hat, bot sie die beste Leistung an diesem Abend. Auch wenn die lyrischeren Stellen noch mit etwas Startproblemen behaftet waren, drehte die Australierin in den dramatischen Schlussakten so richtig auf. Die Stimme strahlte, bot viel Kraft, ohne dabei Wärme vermissen zu lassen.

Ein Teufelskerl, wie er im Buche steht

Sieht man mal vom Livestream am 29. April ab, präsentierte Bogdan Roščić mit Adam Palka einen Debütanten. Als Méphistophélès, den Regisseur Castorf – von Kameras umschwirrt– durch halb Paris hetzt, gibt der junge Pole eine klare Empfehlung für die Zukunft ab. Zwar verfügt er nicht über die Energie und das Volumen, das so mancher seiner Landsmänner ins Rennen wirft, allerdings punktet Palka mit feiner Stimmführung, teuflischer Gerissenheit und großer gestalterischer Vielfalt.

Die legt Bertrand Billy ebenso so an den Tag. Obwohl die Spannungsbögen noch weiter ausgedehnt werden könnten, das musikalische Gesamtkonzept und der dramaturgische Aufbau des Orchesterklangs gelingen dem Franzosen schon ziemlich gewaltig. Dieser Weg kann definitiv so weiter führen.

 

© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn… Pause vorbei

Beim Regiekonzept von Frank Castorf bin ich mir nicht ganz so sicher. Der deutsche Starregisseur, der aufgrund seines experimentellen Gebrauchs von Videokameras und Leinwänden beim jungen Publikum enorm beliebt ist, erntet im konservativen Wien noch massenhaft Buhs. Nicht ganz unverständlich. Das Bühnenbild, ein Rundflug durch Paris, bietet zwar viele subtile Anspielungen und Potenzial zur intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Sujet. Wer die Handlung allerdings wirklich verstehen möchte, ohne dabei das Programmheft zu studieren, der wird aus dem ganzen Treiben nicht ganz schlau. Zu viele Nebenschauplätze, an denen ständig hantiert wird, lenken zu stark vom Wesentlichen ab.

Letztendlich ist das an diesem Abend aber alles Nebensache. Alles was zählt: Es wird wieder gespielt – und zwar vor Livepublikum im Saal.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 20. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bertrand de Billy, Dirigent

Frank Castorf, Regie

Juan Diego Flórez, Doktor Faust

Nicole Car, Marguerite

Adam Palka, Méphistophélès

Étienne Dupuis, Valentin

Martin Häßler, Wagner

Michèle Losier, Siébel

Monika Bohinec, Marthe

 

 

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