Eine Winterreise für die Ewigkeit

Franz Schubert, Die Winterreise, Florian Boesch, Bariton,  Theater an der Wien, 29. Januar 2022

Der Winter scheint das Theater an der Wien fest im Griff zu haben. Nach der für viele skandalösen Kušej-Inszenierung von Puccinis „Tosca“, schlugen Florian Boesch und Malcolm Martineau nun leisere Töne an. Schuberts Winterreise in szenischer Fassung traf damit genau ins Schwarze. 

Foto: Florian Boesch © Andreas Weiss

Theater an der Wien, 29. Januar 2022
Franz Schubert, Die Winterreise

Florian Boesch, Bariton
Malcolm Martineau, Klavier
Ingo Kerkhof, Szenische Einrichtung
Franz Tscheck / Frank Storm, Licht

von Jürgen Pathy

Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. Wer kennt sie nicht, die eröffnenden Worte, mit denen der verzweifelte Wanderer sich auf die beschwerliche Winterreise begibt. Eine nicht enden wollende, über Höhen und Tiefen führende Odyssee, die der Dichter Wilhelm Müller 1824 schrieb. Berühmtheit erlangten die 24 Gedichte aber erst, als sein Zeitgenosse Franz Schubert diese Rohdiamanten 1827 vertonte und damit ein Vermächtnis erschuf, über das sich jeder seriöse Liedsänger wagen muss. Der Bassbariton Florian Boesch erforscht sie nun seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Florian Boesch (c) Lukas Beck

Wann genau, er den kompletten Liederzyklus zum ersten Mal auf der Bühne gesungen habe, wisse er nicht mehr: „Das muss Ende der 90er-Jahre gewesen sein – vermutlich 1998.“ Dass der mittlerweile 50-jährige Sänger, damals noch kein derart erschütterndes Psychogramm auf die Beine gestellt haben dürfte, wie Samstagabend im Theater an der Wien, kann man sicherlich mit gutem Gewissen behaupten: Beeindruckend, sensationell, das Ereignis des Jahres – endlos könnte man nach Superlativen suchen, um zu beschreiben, was Boesch und und sein kongenialer Partner am Klavier, Malcom Martineau, da auf die Bühne gezaubert haben. Fündig würde man nie werden.

Wenig Requisiten erzielen große Wirkung

Bereits beim Anblick der Bühne dämmerte es: Hier stand mehr auf dem Spiel als „nur“ ein gewöhnlicher Liederabend. Hier hat man Größeres in Angriff genommen. Halbszenisch oder eigentlich schon szenisch war es, was man dem Publikum wird bieten wollen. Das wurde sofort klar.

Erstens: Weil passend zum Sujet einige Teile des Bühnenbilds der „Tosca“, die zurzeit für Brisanz sorgt, auf der Bühne verblieben sind – eine Unmenge an Kunstschnee und ein blattloser Baum, dessen Äste genügend Platz fänden, um einer gequälten Seele die Flucht in den Suizid zu gewähren. Ob geplant oder nur aus Mangel an Alternativen, der erste geniale Schachzug. Immerhin assoziieren viele mit Schuberts wohl bekanntestem Lied aus diesem Zyklus, dem Lindenbaum, des Wanderers frühe Liebäugelei mit dem Freitod.

Florian Boesch (c) Andreas Weiss

Und zweites: Weil die restlichen Requisiten, die eindeutig kein Überbleibsel der „Tosca“ waren, den Rückschluss erlaubten. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Eimer voller Wasser und eine Tür, durch die der Wanderer seine Reise beginnen und wieder beenden würde. Alles mit Absicht ein Teil der düsteren Winterreise. Das war eindeutig.

Ob Florian Boesch dies genauso deutet, wie einige andere, blieb allerdings offen – zumindest beim Lindenbaum. Sonst hätte der überragende Liedinterpret, der mit Größen wie Nikolaus Harnoncourt und Teodor Currentzis gearbeitet hat, nicht den Tisch erklommen, sondern den Stuhl präferiert, um die Flucht in den Freitod deutlich zu symbolisieren. Alles andere ließ aber keinen Raum für Spekulationen.

Eine Winterreise für die Ewigkeit

Schon gar nicht, was Florian Boesch in puncto Schauspiel und Gesang an diesem Abend auf die Bühne gezaubert hatte. Das war Weltklasse, sängerisch als auch die überwältigende Darstellung des Schauspiels. Obwohl er in erster Linie natürlich wegen der musikalischen Gestaltung der 24 Lieder für ewig in Erinnerung bleiben wird, hätte Boesch alleine für die Burgtheater reife Deklamation einen Preis verdient. Der Irrsinn und die Verzweiflung des Wanderers fanden in seiner Gestik ebenso Ausdruck wie die Hoffnung, die über weite Strecken der sonst so beklemmenden Winterreise niemals ganz erlischt.

Das Erfreuliche, wenn man bei diesem von Düsternis geprägten Drama überhaupt dieses Wort in den Mund nehmen darf: Das roch alles authentisch nach Schubert. Nach Staub und Schmutz aus der Wiener Gosse, den Boesch mittels zermalmter Kreide auch regelmäßig in die Luft wirbelte. Fast schon gespenstisch wirkte das. Auf jeden Fall hat Florian Boesch aufgeräumt mit all den antiquierten Interpretationen, die teils im keimfreien Raum agieren und vor überbordender Rührseligkeit fast schon ins Groteske gleiten. Bei dieser Winterreise hat man gehustet, gefröstelt und gerotzt, was das Zeug hält.

(c) Jürgen Pathy

Zum Glück aber nur auf der Bühne, wodurch alles authentischer wirkte; man bedenke nur die Zeit, während Schubert und Müller über diesem Werk brüteten. Beider Tage waren gezählt. Im Publikum wagte es keiner, die von verklärter Magie umhüllte Stille auch nur für einen Moment zu durchbrechen. Selbst die kultivierte Dame im Parkett, Reihe 4, Platz 5, wusste auf den passenden Moment zu warten, um sich Erleichterung zu verschaffen. Momente dafür gab es reichlich.

Das schafft im Augenblick sonst keiner

Immerhin bediente Boesch nicht nur alle Farben seiner edlen Stimme, sondern auch alle Register. Vom verzweifelten Forte bis zum leisesten, kaum noch zu vernehmenden fünffachem Piano, wie bei den letzten beiden Zeilen von »Die Nebensonnen«. Ein Geniestreich übrigens, um zu verdeutlichen, dass hier Schluss mit lustig ist. Ende, Sense – denn dessen Herr, der Sensenmann, klopft beim vorletzten Lied der Winterreise mehr als deutlich an der Tür. Mit den Worten „Ging nur die dritt‘ erst hinterdrein! Im Dunkel wird mir wohler sein“, erlischt nicht nur der Lebensmut des Wanderers, sondern auch seine Existenz. Darüber ließen Boesch und sein kongenialer Gefährte am Klavier keinen Zweifel.

(c) Udo Reinemann International Masterclasses

Mit Malcolm Martineau steht Boesch seit Jahren ein profunder Liedbegleiter zur Seite. Der servierte dem gebürtigen Saarbrücker, der in Wien lebt, überhaupt alles auf dem Silbertablett. Die Gewichtung der Stimmen war allerdings ganz klar. Auch wenn Malcolm Martineau mit seinem subtilen Anschlag und einem wunderschönen Ton immer die Tür geöffnet hat, um Boesch in die passende Atmosphäre zu geleiten, dominierte die Dramaturgie und die facettenreiche Interpretation des Bassbaritons. Die ist im Augenblick überhaupt unerreicht.

Vielleicht mag es Sänger seiner Stimmlage geben, die bei den höchsten Tönen nicht in die Kopfstimme flüchten – zwei davon haben das zur Blüte ihrer Karriere geschafft: Thomas Hampson und Christian Gerhaher. In puncto Ausdruck, Intensität und Schauspiel kann ihm zurzeit allerdings keiner das Wasser reichen. Denn mit dieser Winterreise haben Florian Boesch und Malcolm Martineau erreicht, was bislang unmöglich schien: Es fror das Blut, während gleichzeitig die Tränen flossen.

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