Carmen an der Volksoper Wien: feuriges Liebesdrama? Fehlanzeige!

George Bizet, Carmen,  Volksoper Wien

Die Sänger stolpern in deutscher Sprache über die vielen, kantigen Silben hinweg. Hinzu kommt eine lieblos wirkende Carmen, der man ihre verführerische Wirkung auf die Männerwelt nicht abkauft. Und ein Orchester, das durch die schnellen, rhythmisch grazilen Stellen der Komposition schrammt. Leider eher ein Schlag ins Wasser als ein feuriges Liebesdrama.

Volksoper Wien, 21. Jänner / Januar 2020
Foto: Marco Di Sapia: Vincent Schirrmacher, Stepanka Pucalkova,
Johanna Arrouas, Chor © Barbara Pálffy

Carmen, eine Oper in vier Akten von George Bizet (Musik), Henri Meilhac und Ludovic Halévy (Libretto)

Dirigentin Anja Bihlmaier
Carmen Stepanka Pucalkova
Micaëla Anita Götz
Don José Vincent Schirrmacher
Escamillo Luke Stoker
Frasquita Johanna Arrouas
Mercédès Ghazal Kazemi
Zuniga Yasushi Hirano
Moralès Alexandre Beuchat
Orchester der Volksoper Wien
Chor, Zusatzchor, Jugend- und Kinderchor der Volksoper Wien

von Julia Lenart

Temperament, Inbrunst, Verführung. Daran denkt der Opernbesucher, wenn er Carmen hört. Die Neuaufnahme an der Wiener Volksoper kann diese Erwartungen nicht erfüllen. Stattdessen bekommt man hier kühles Liebesspiel, holprige Melodien – und fliegende Taktstöcke geboten.

Doch von vorne. Beim Betreten des Opernsaales begrüßt den Zuschauer das schlichte, aber passende Bühnenbild von Johannes Leiacker. Keine aufwändigen Schnörkel, keine Extravaganzen, lediglich kastanienbraune Holzwände, viele Stühle und eine gelbe Trennwand. Gelb dominiert die Ausstattung – die Farbe der Eifersucht. Escamillo sitzt schon da, in eine Zeitung vertieft. Der wissende Blick, den er ins Publikum wirft, wirkt wie eine schreckensvolle Vorahnung. Soweit kann man nichts aussetzen.

Ein heftiger Orchesterschlag eröffnet das gefährliche Liebesspiel. Es ist vielmehr der Auftakt zu einem eher unrunden Opernabend: Mühsam schleppt sich das Orchester durch die rhythmisch heiklen Melodien der Ouvertüre. Das Schlagwerk treibt, das Blech hinkt hinterher. Es ist kein würdiger Einstieg. Dirigentin Anja Bihlmaier – der im ersten Akt der Taktstock entgleitet – versucht Elan hineinzubringen. Doch der Klangkörper ist träge. Im dritten Akt wird sie beweisen, dass das Volksopern-Orchester einer Carmen gerecht werden kann, aber wahre Meisterklasse hört sich anders an. Zu steif klingen die ansonsten lockeren, animierenden spanischen Rhythmen, die der Oper ihren Reiz geben.

Die orchestralen Startschwierigkeiten übertragen sich auf die Bühne. So richtig will Carmen nicht in Schwung kommen. Vielleicht liegt es an der übersetzten Version (die kantige deutsche Sprache verdirbt jegliche Poesie des Französischen) oder an dem wackeligen Unterbau des Orchesters. Wahrscheinlich liegt es vor allem daran, dass dem Ganzen die verführerische Spannung und das erotische Feuer fehlt. Carmen war bei der

Uraufführung 1875 ein handfester Skandal, wenn man der Legende Glauben schenken will. Eine selbstbewusste, stark erotisierte Zigeunerin in der Hauptrolle, die noch dazu am Ende stirbt: Das hatte es an der opéra comique bis dahin noch nie gegeben.

Heute braucht es mehr, um Aufmerksamkeit zu erregen. Auf jeden Fall mehr, als Stepanka Pucalkova, die ihr Debut an der Volksoper feiert, in die Rolle einbringt. Ihr Mezzosopran klingt schön, keine Frage, aber die Leidenschaft fehlt. Sie wirkt (gesanglich wie schauspielerisch) zurückhaltend, nicht wie eine femme fatale, die die Männerwelt um den Finger wickelt. Da hat man schon verführerischere Darstellungen gesehen. Es ist wenig verwunderlich, dass Don José – gesungen von einem soliden Vincent Schirrmacher – ihr zu Beginn keinerlei Beachtung schenkt. Die über die Opernwelt hinaus bekannte Habanera verliert angesichts der wackligen Orchesteruntermalung und der steifen deutschen Übersetzung, vermengt mit Pucalkovas unbeholfen wirkendem Spiel jegliche Überzeugungskraft. So verführt man niemanden.

© Pálffy

Die Unstimmigkeiten ziehen sich durch den gesamten ersten Teil. Micaëla (Anita Götz), Carmens Gegenpart, das brave Mädchen aus dem Norden, entpuppt sich als Höhepunkt des Abends. Ihr herzerweichendes Solo im dritten Akt wird dem Publikum einen kleinen Jubelsturm entlocken. Allerdings fällt ihr energischer Sopran in den Höhen dem Vibrato zum Opfer, was ihre Stimme schrill klingen lässt. Das anfängliche Duett mit Don José wird hingegen zur Farce, als Orchester und Sänger versuchen, sich gegenseitig zu übertönen. Kein Wunder, dass aus den beiden nichts wird.

Zweiter Akt: Auftritt der Zigeuner. Das marode Schiff kämpft sich weiter durch die Strömung. Carmen zeigt wiederum eher unerotische Verführungsversuche, während Don José langsam in seine Rolle findet. Zumindest seine Zerrissenheit zwischen Beruf und Liebe wirkt glaubhaft – auch wenn man seine plötzliche Hingabe zu Carmen nicht nachvollziehen kann. Sogar Frasquita (Johanna Arrouas) hat ein Leichtes, ihm schöne Augen zu machen.

Nach der Pause nimmt das Orchester allmählich Fahrt auf. Auf der Bühne bleibt die Darstellung von Erotik und Verführung kantig. Diesmal zu beobachten beim Tanz der drei Zigeunerinnen. Dieser ist vieles, aber sicher nicht verlockend. Hinzu kommen Unstimmigkeiten der Lichttechnik: Micaëla steht bei ihrem fesselnden, oben bereits erwähnten Solo teilweise im Dunkeln. Dabei hätte das einer der darstellerischen Höhepunkte sein können.

Carmens Ende kommt wenig überraschend. Don Josés schwere Schritte hallen durch den Zuschauerraum, als er im letzten Akt voll Eifersucht und Liebesschmerz die Bühne betritt. In einem letzten Duett zeigt Vincent Schirrmacher noch einmal, dass er dem Don José gewachsen ist. Leider wird das tragische Liebespaar zeitweise vom Orchester übertönt. Als Don José Carmen ersticht, macht die blutrote Kulisse einer schwarzen Wand mit gelb leuchtendem Ausgang Platz. Die Eifersucht hat gesiegt.

Vielleicht hätte man sich an die französische Fassung der Oper halten sollen. Der Verständlichkeit tut die deutsche Sprache keinen Gefallen, vielmehr zerstört sie jegliche Melodie. Die Sänger stolpern über die vielen, kantigen Silben hinweg. Hinzu kommt eine lieblos wirkende Carmen, der man ihre verführerische Wirkung auf die Männerwelt nicht abkauft. Und ein Orchester, das durch die schnellen, rhythmisch grazilen Stellen der Komposition schrammt. Leider eher ein Schlag ins Wasser als ein feuriges Liebesdrama.

Julia Lenart, 21. Januar / Jänner 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Inszenierung Guy Joosten
Bühne Johannes Leiacker
Kostüme Karin Seydtle
Licht Benny Ball

6 Gedanken zu „George Bizet, Carmen,
Volksoper Wien“

  1. Unsäglich primitiv geschriebene Kritik voll Vorurteilen und Nichtssagendem. Beispiel gefällig? Was sind „rhythmisch grazile Stellen“?

    Ernst Kopica

    1. Sehr geehrter Herr Kopica,

      die Kritik meiner Autorin ist spritzig, frisch und lebendig geschrieben – und dazu
      fachlich fundiert und sehr informativ… voller anschaulicher Hör-, Seh- und Sinneseindrücke.
      Haben Sie irgendwo eine präzisere Kritik über „Carmen“ in der Volksoper gelesen?

      Herzlich Grüße,

      Andreas Schmidt, Herausgeber

  2. Habe die Aufführung auch erlebt und schließe mich voll der Kritik von Frau Lenart an!!!
    Obwohl ich erst die Aufführung gesehen (absichtlich) und danach die Kritik gelesen habe.
    Elisabeth Beneder

  3. Es mag sein, liebe Frau Kollegin, dass Sie das damals in anderer Besetzung erlebt haben, wie sie schreiben. Ich kann über die gestrige Aufführung in der Wiener Volksoper nur das Gegenteil berichten:

    Eine wirklich großartige Carmen!
    Die einzige Oper, die ich in fast allen großen Häusern der Welt gesehen habe – meist im französischen Original. Wie (fast) immer in der Volksoper auf Deutsch. Und diese Übersetzung ist nicht die bekannte, sondern eine ganz subtile und feine, die den Inhalt wunderbar erschließt. Schwer für die SängerInnen zu singen, weil manchmal vom Versmaß her nur schwierig passend. Und doch den HauptdarstellerInnen gerade noch zumutbar.
    Ein genial reduziertes Bühnenbild – vor allem im letzten Akt. Da sitzt der Chor in den ersten Logen. Escamillo geht durch den Zuschauerraum ab. Die Interaktion mit dem Publikum gelingt.
    Eine stimmlich perfekte Micaëla (Anja-Nina Bahrmann) und eine schauspielerisch brillante Carmen (Zoryana Kushpler). Sie spielt die laszive, dominante, verführerische Zigeunerin perfekt, die das Leben des Soldaten ruiniert. Und ihr eigenes verliert. Die perfekte femme fatale. Bravo!
    Wirklich sehenswert!
    Und wer mich besser kennt, weiß, dass ich hier über meine Lieblingsoper schreibe.

    Harald Preyer

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