Premiere – "La Bohème" in München:
Unterhaltsam, aber nicht seelenvoll

Giacomo Puccini, La Bohème, Staatstheater am Gärtnerplatz, München, Premiere am 28. März 2019

Foto: © Marie-Laure Briane
Staatstheater am Gärtnerplatz
, München
Giacomo Puccini, La Bohème, Premiere am 28. März 2019
Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa
Nach »Scènes de la vie de bohème« von Henri Murger

von Barbara Hauter

Die Bohème der Postmoderne sind materiell gesättigte Kids, die in schicken Altbauwohnungen mit subkulturell anmutendem Graffiti-Design an den Wänden ein hedonistisches Künstlerdasein leben. Lässig-alternative Urbanität, grell inszeniert von Regisseur Bernd Mottl.

„Arm aber sexy“. So bewirbt das Gärtnerplatztheater die Neuinszenierung der Puccini-Oper über das Leben als mittelloser Künstler. Sexy sind die Künstler bei Bernd Mottl. Er  versieht sie mit Hipster-Accessoires. Angesagte Kopfhörer, Tablets, mit denen das Leben das WG-Leben fotografisch dokumentiert wird, selbst die Second-Hand-Klamotten wirken trendy. Wer Hunger hat, holt sich bergeweise Streetfood und trinkt Softdrinks aus XXL-Bechern dazu. Armut ist in dieser La Bohème des Gärtnerplatztheaters maximal eine Attitüde, mit der man sich schmückt ohne zu leiden. Im zweiten Akt tritt der Chor dick bepackt mit luxuriösen Einkaufstüten auf. Die Künstler feiern an einer schicken Eisbar, ein gut trainierter Weihnachtsmann strippt. Konsumkritik, ganz dick aufgetragen.

Der Kontrast zwischen diesen sehr plakativen Regieeinfällen und Puccinis tiefgründiger  und hoch-emotionaler Musik könnte kaum größer sein. Diese Inszenierung zielt jedenfalls nicht darauf, mitzufühlen mit den existentiellen Problemen der Protagonisten. Mimi, gesungen von Camille Schnoor, ist keine zerbrechliche, todkranke Stickerin. Sie wirkt robust und selbstbewusst und man fragt sich unwillkürlich am Ende, warum sie überhaupt sterben muss. Geld genug für ärztliche Behandlung wäre in jedem Fall da.

Schnoors Stimme ist – auch hier wieder im Kontrast zu ihrer Robustheit – wunderbar lyrisch und betörend. Lucian Krasznec als Rodolfo beweist heldentenorhafte Stimmkraft, wirkt trotzdem aber irgendwie schüchtern. Und Musetta, von Puccini bereits exaltiert angelegt, erhält von Mária Celeng eine in den Höhen klirrende neue hysterische Facette. Die Stimmen der restlichen WG-Bewohner (Musiker Schaunard: Christoph Filler, Maler Marcello: Matija Meic, Philosoph Colline: Levente Páll) harmonieren in ihrer Unterschiedlichkeit wunderbar. Das Orchester unter Anthony Bramall ist exakt wie immer, aber vor allem laut und unsentimental. Schade, denn wenn das Orchester Mimis Tod beweint, öffnen sich normalerweise alle Herzen. Bei dieser Inszenierung benötigt der Zuschauer keine Taschentücher.

Prädikat: Unterhaltsam, aber nichts für die, die sich der seelenvollen Musik Puccinis hingeben möchten.

Barbara Hauter, 31. März 2019, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Regie: Bernd Mottl
Bühne: Friedrich Eggert
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger
Choreinstudierung: Pietro Numico
Dramaturgie: Daniel C. Schindler
Rodolfo: Lucian Krasznec
Schaunard: Christoph Filler
Marcello: Matija Meić
Colline: Levente Páll
Benoît: Martin Hausberg
Mimì: Camille Schnoor
Musetta: Mária Celeng
Parpignol: Stefan Thomas
Alcindoro: Holger Ohlmann
Sergeant: Thomas Hohenberger
Zöllner: Martin Hausberg
Chor, Kinderchor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

 

 

 

 

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