Verdi-Festival für alle Sinne: Publikumsliebling Plácido Domingo verzaubert Wien

Giuseppe Verdi, Simon Boccanegra  Wiener Staatsoper, 18. September 2020

Ein Domingo, den man in dieser stimmlichen Verfassung vermutlich nur mehr selten, wenn überhaupt jemals wieder erleben können wird. Opernherz, was willst du mehr?!

Foto: Plácido Domingo als Simon Boccanegra in der Wiener Staatsoper, Foto: Michael Pöhn

Giuseppe Verdi, Simon Boccanegra
Wiener Staatsoper, 18.
September 2020

von Jürgen Pathy

Bravo Plácido! Ein Altstar erlebt seinen zweiten Frühling. Obwohl Plácido Domingo, der letzte echte Opernstar von Weltrang, seinen Zenit schon länger überschritten hat, bewies er gestern Abend mal wieder, weshalb er noch immer zurecht auf der Bühne der Wiener Staatsoper steht. Der Spanier, der seit Jahren als Bariton durch die Welt tourt, brilliert in der Titelpartie von Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“. In diesem – zu Unrecht – unterschätztem Meisterwerk, das musikalisch als auch dramaturgisch, großes Kino bietet, feiert der Publikumsliebling einen sensationellen Erfolg.

Bereits 2009, als er mit Simon Boccanegra sein internationales Debüt als Bariton aufs Parkett zauberte, war der Lobgesang hoch. Jetzt, elf Jahre später, einige Skandale und Jährchen mehr am Buckel – offiziell ist er 79 Jahre alt, man munkelt er hätte die 80 jedoch schon überschritten – kann er es noch immer. Und wie!

Domingo, dessen Ruhm in Wien ungebrochen anhält, schimmert nicht nur altbekannt, sondern strahlt regelrecht, beinahe wie in alten Zeiten. Bronzefarben, voller Wärme und Güte der Gesang. Ausdruckstark das Schauspiel. Nicht nur in der Sterbeszene, bei der ein Raunen, ein richtiger Ruck durch das Publikum zieht – derart schockierend echt wirkt der Tod des alten Mannes, der aus Rache vergiftet wurde, sondern den ganzen Abend lang, beeindruckt der Meister mit energiegeladenem Gesang und realistischem Schauspiel. Plácido in Hochform! Plácido, wie ihn die Leute sehen und hören wollen! Angesichts seines Alters, der großen Partie und all der Umstände rund um seine Person, eigentlich ein wahres Wunder. Viva Placido!

Najmiddin Mavlyanov, Placido Domingo, Hibla Gerzmava. Foto: Michael Pöhn/ Wiener Staatsoper

Durch die Bank hervorragend besetzt

Ebenso beeindruckend die restlichen Protagonisten des Abends. Edelbass Günther Groissböck zeigt, dass er als Fiesco nicht nur im tiefen Register brummen kann wie ein Bär, sondern schwingt auch wunderschöne lyrische Bögen und Übergänge. Dan Paul Dumitrescu gefällt als Pietro, Attila Mokus als Paolo.

Überraschungen des Abends: Najmiddin Mavlyanov als Gabriele Adorno und Hibla Gerzmava als Amelia. Dass die beiden, die bereits in vielen großen Häusern auf der Bühne standen, nicht ebenso viel Applaus erhalten wie Superstar Placido Domingo, ist eigentlich unverständlich. Mavlyanov, der in Usbekistan geboren wurde, glänzt im Stile eines klassischen Spinto, der sowohl zarteste Piani, geschmeidige Übergänge als auch strahlende Höhen beherrscht. Gerzmava, unterstützt vom beseelten, tiefgehenden Dirigat Evelino Pidos, besticht mit einer frischen, lebendigen und in allen Lagen aufblühenden Stimme, wie man sie im jugendlich-dramatischen Sopranfach nur viel zu selten zu hören bekommt. Außerdem beweisen beide, dass neben einer ausgezeichneten Technik, der Ausdruck, der große Oper erst möglich macht, nicht zu kurz kommen muss. Najmiddin Mavlyanov und Hibla Gerzmava – zwei Namen, die man sich dick hervorstreichen sollte!

Summa summarum eine Sternstunde der Wiener Staatsoper. Ein Abend der Superlative! Größer, besser geht nicht mehr. Ein in Topform agierendes Sängerensemble, das durch Peter Steins Inszenierung und Moidele Bickels Kostüme mit warmen Farben kontrastreich in Szene gesetzt wurde. Ein in hervorragender Form aufspielendes Staatsopernorchester – obwohl die vermeintliche „A-Garnitur“ in Schönbrunn beim Sommernachtskonzert war. Und last not least: Ein Domingo, den man in dieser stimmlichen Verfassung vermutlich nur mehr selten, wenn überhaupt jemals wieder erleben können wird. Opernherz, was willst du mehr?!

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 19. September 2020, für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

5 Gedanken zu „Giuseppe Verdi, Simon Boccanegra
Wiener Staatsoper, 18. September 2020“

  1. Warum glauben einige Plácido Domingo seine Altersangabe nicht? Er gab als Dreißigjähriger das gleiche Geburtsjahr an. Damals hatte er keinen Grund sich zu verjüngen.

    Lothar Schweitzer

    1. Warum manche Domingo sein von ihm genantes Alter ( Jahrgang 1941) nicht glauben?
      Weil auf seiner ersten Plattenaufnahme mit Arien sein „echtes“ Geburtsjahr angegeben war ( im Merkerforum hatte vor einigen Jahren ein älteres Mitglied ein Photo von der Rückseite des Covers eingestellt. Und da stand noch das Geburtsjahr aus den 1930ern.
      Zudem wäre er mit seinem „echten“ Geburtsjahr, als er in den 60ern in Europa anfing, kein junger Tenor mehr gewesen. Mit über 30 wäre ein Tenor damals als „Anfänger“ im italienischen Fach schon alt gewesen – es dürften also „Werbegründe“ gewesen sein, dass er sich dann sehr schnell auf dem Papier jünger machte.
      Zudem wäre er, Jahrgang 41 vorausgesetzt, noch ein Minderjähriger (16!) bei seiner ersten Hochzeit in Mexiko gewesen.

      Zudem: Domingo ist und bleibt Tenor! Seine Stimme hat keinen Baritonklang, seine Interpretationen singt er mit einer baritonal gefärbten ( nicht einer wirklichen Baritonstimme) Tenorstimme und weil er die Höhe für sein eigentliches Fach nicht mehr hat „beglückt “ er die Opernwelt seit 2009 ( ich habe ihn mir damals angehört und er war auch schon damals kein Bariton!) in Verdi´s Baritonpartien.
      Es bringt halt immer noch viel Geld ein – Name und Alter machen´s halt aus.

      Stefany Zöbisch

      1. Ja sicher, und seine Mutter, die 1918 geboren wurde, wäre bei seiner Geburt 14 gewesen, wenn das ihm zugedacht „echte“ Geburtsjahr 1934 stimmen würde.
        Andrea

  2. Ich hatte das Glück am 18. September 2020 in der Wiener Staatsoper zu sitzen und „Simon Boccanegra“ zu genießen. Dabei war es mir völlig gleichgültig, wie alt Plácido Domingo ist. Hätte mir jemand gesagt, er sei 20 Jahre jünger – ich hätte es geglaubt. Niemand sollte aufgrund seines Alters diskriminiert werden. Ein Künstler muss an seiner Leistung gemessen werden! Es war die Leistung von Domingo, die diesen Abend so besonders gemacht hat. Natürlich waren die anderen Sänger ebenso professionell und hochkarätig. Doch der Zauber ging von Domingo aus. Sowohl stimmlich als auch schauspielerisch konnte er mehr als überzeugen. Nicht zu vergessen die menschliche Seite, Wärme und Sympathie, die er seinen Fans nach der Aufführung schenkte. Für mich wird Domingo der einzige Sänger bleiben, der mich in jeder Rolle berührt.
    Dabei zählt nicht das Alter und keine sogenannten Skandale. Ich war mit 19 Jahren bereits Domingo-Fan, heute bin ich 41. Manche Leute meinten, ich sei mit 19 zu jung, um Domingo zu verehren. Auch das war mir egal.
    Wenn es nach mir geht, soll Domingo noch lange singen. Ein Sänger, der soviel Leidenschaft und Können besitzt, wird nie zu alt sein.

    Sabine Loipfinger

    1. Liebe Sabine! Ich kann Ihnen nur aus ganzem Herzen beipflichten.
      Ein Opernabend mit Placido Domingo ist immer aufregend und
      wunderbar, ob früher als Tenor oder
      jetzt als Bariton, es ist sein einzigartiges Timbre und seine
      großartige Darstellung der Rolle.
      Ich hoffe sehr, dass wir ihn noch
      öfter hören und bewundern können.

      Elfriede Wengust

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