Foto: TARMO PELTOKOSKI, FPGC DKam Copyright Peter Rigaud
2. Premieren-Abonnementkonzert: Junge Weltstars
Zoltán Kodály Tänze aus Galánta
Robert Schumann Violinkonzert d-Moll Woo 1
Felix Mendelssohn Bartholdy Sinfonie Nr.3 a-Moll op.56 “Schottische”
Daniel Lozakovich Violine
Tarmo Peltokoski Dirigent
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 26. Februar 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Die Konzertankündigung „Junge Weltstars“ weckt hohe Erwartungen. Dabei stellt sich weniger die Frage nach fachlichen und spieltechnischen Qualitäten; denn dabei kann man zweifellos von einem Höchstmaß ausgehen. Ob dies allerdings auch mit gleichermaßen ausgeprägter künstlerischer Reife einhergeht, ist nicht selten ungewiss.
Nicht so beim 25-jährigen Tarmo Peltokoski. Und schon gar nicht in Bremen, wo er, als Dirigent der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen anfangs eher noch wie ein Kuriosum beäugt, das Publikum bereits diverse Male begeistern konnte als ebenso verlässlicher wie aufregender Interpret.
Das geschieht auch diesmal, gleich von Beginn an. Zoltán Kodálys „Tänze aus Galánta“ versetzen die Zuhörenden mit wehmütigen Melodien mitten hinein in die Weite der ungarischen Puszta; mitreißend wilde Rhythmen, bei denen das Orchester wie entfesselt aufspielt, lassen die aufgeheizte Atmosphäre ausgelassen bunter Volksfestivitäten entstehen. Ein perfekter Aufwärmer für das nachfolgende Schumann-Violinkonzert.
Hochgradige Spannungsintensität
Das Werk, das mitunter gar als unspielbar deklariert wurde, hat bis zu seiner erst späten Uraufführung anno 1937 für allerhand Kontroversen gesorgt. Wie würde der 24-jährige schwedische Geiger Daniel Lozakovich damit zurechtkommen? Nach der langen orchestralen Einleitung bringt er sich mit dem auffallend satten, tragfähig warmtönigen Timbre seiner „ex-Sancy“-Stradivari energisch ein ins Geschehen. Strich- und grifftechnische Raffinessen, mit denen das Konzert wahrhaft zuhauf gespickt ist, gehen ihm durchweg locker und schlafwandlerisch sicher von der Hand.

Und dann ist da noch der interpretatorische Anspruch, der sich in einem hohen Maß an Einfühlsamkeit ausdrückt. Das sanfte Singen des Instruments, ein subtiles Rubato bei äußerst stark zurückgenommener Dynamik, oder geradezu emphatisch gestrichene Fortissimos wirken nicht wie simple Show-Effekte, sondern sind ein deutliches Indiz ausgeprägter Reife beim eindrucksvollen, tiefen Ausloten der vielschichtigen musikalischen Substanz.
Der Mittelsatz „Langsam“ erweist sich als ruhiges, indes niemals schleppendes Dahinfließen in mattseidenen Klangfarben und Harmonien, mitunter verträumt anmutend, und dennoch von hochgradiger Spannungsintensität. Die heiter-unbeschwerte, teils folkloristisch gefärbte Note des Finalsatzes verführt gerne zu stark angezogenem Tempo; aber Schumann hat ihn gewiss mit Absicht als „Lebhaft, doch nicht zu schnell“ bezeichnet. Was von Peltokoskis Dirigat optimal umgesetzt wird, so dass die unzähligen schnellen Figurationen nicht in orchestralem Gewusel untergehen, sondern ein weitestgehend transparentes Klangbild erhalten bleibt.
Dass der Solist seine ungemein diffizilen Partien mit höchster Bravour absolviert, ist indes aufgrund des hin und wieder allzu zu energischen Orchesterspiels streckenweise eher optisch als akustisch wahrnehmbar. Das Ende kommt überraschend, ohne Knalleffekt; der Beifall erfolgt zunächst noch etwas verunsichert, dann umso heftiger.
Eine Solo-Kadenz hat Schumann nicht vorgesehen. Der frenetisch gefeierte Jungstar lässt es sich nach lang anhaltendem Applaus, Bravo-Rufen und regem Fußgetrampel daher nicht nehmen, mit einer Zugabe – der violinistisch höchst anspruchsvollen, souverän angegangenen Paganiniana (Variations) von Nathan Milstein – erneut seine stupenden fingerakrobatischen Fähigkeiten ausgiebig zu demonstrieren.
Entfesselte Naturgewalten und melancholische Erinnerungen
Nach der Pause beginnt das Orchester die bekannte „Schottische“ von Mendelssohn mit feierlichem Maestoso. Der ausgedehnte, weitgehend sehr klangdicht ausgeführte Kopfsatz erinnert mit seinen markanten, mitunter bis ins Extreme gesteigerten Wechseln von Dynamik und Tempo an das Spiel mariner Naturgewalten, an dichte Wälder und tosende Stürme. Der scherzohafte 2. Satz Vivace non troppo überzeugt hingegen mit heiter unbeschwerter Stimmung und weckt Bilder filigran flirrender Sonnenstrahlen über weitem Meer.
Mendelssohn mag sich gegen eine Programmatik seiner Sinfonie ausgesprochen haben, dennoch lässt auch der mit Inbrunst weit ausgreifend intonierte 3. Satz Andante unwillkürlich melancholische Erinnerungen an längst vergangene Zeiten aufsteigen. Scharf konturiert und von effektvoll tackerndem Bläser-Stakkato angetrieben, verdichtet sich der Finalsatz zu strahlglänzend triumphalem Jubel. Noch ein kurzes überraschendes Innehalten, ein furios akzelerierender Endspurt, donnernde Schlussakkorde.
Der mit Verve und Einsatzfreude dirigierende, ansonsten eher zurückhaltend bescheiden auftretende Peltokoski hat bei seiner Präsentation von Mendelssohns grandioser Sinfonie nicht mit romantischer Verbrämung, sondern weit mehr durch eine substanzdichte und mitreißend kraftvolle Darbietung auf ganzer Linie überzeugt.
Dr. Gerd Klingeberg, 27. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
6. Philharmonisches Konzert: Die Seele der Natur Bremer Konzerthaus Die Glocke, 2. Februar 2026
1. Abonnentenkonzert „Meisterhafter Klavierzauber“ Bremer Konzerthaus Die Glocke, 15. Januar 2026