Janine Jansen © Marco Borggreve
In der Kölner Philharmonie geben Janine Jansen und Denis Kozhukhin einen phänomenalen Kammermusikabend.
Johannes Brahms (1833-1897) – Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 A-Dur op. 100; Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 G-Dur op. 78
Francis Poulenc (1899-1963) – Sonate für Klavier und Violine FP 119 (1942-43, rev. 1949)
Olivier Messiaen (1908-1992) – Thème et variations (1932) für Violine und Klavier
Maurice Ravel (1875-1937) – Sonate für Violine und Klavier G-Dur (1923-27)
Janine Jansen, Violine
Denis Kozhukhin, Klavier
Kölner Philharmonie, 1. April 2025
von Brian Cooper
Gibt es eine Urform der Kammermusik? Das Streichquartett wird bisweilen als die perfekte Manifestation intimer Vierstimmigkeit angesehen. Noch intimer ist vielleicht nur das Duo als die klassischste Form, die Reinform, etwa in Werken für Violine und Klavier. (Oder, im Falle von Beethovens Kreutzer-Sonate, „für Klavier und Violine“.)
An diesem Abend wurde die Violine durchweg an erster Stelle genannt, was nicht heißen soll, dass sich Janine Jansen in den Vordergrund gespielt hätte – das ist ohnehin ihre Sache nicht – und der fabelhaft kantabel spielende Denis Kozhukhin zum Begleiter degradiert worden wäre.
Nein, es war durchweg ein sehr inniges und intimes Spiel auf absoluter Augenhöhe, das einen zutiefst anrührte, wie dies nur selten geschieht. Sämtliche Werke eines durchdacht zusammengestellten Abendprogramms gewannen durch die klangliche Verschmelzung beider Instrumente. Die erste Konzerthälfte bestand aus zwei Brahms-Sonaten; die zweite war mit Poulenc, Messiaen und Ravel rein französisch.
Janine Jansen hörte ich überhaupt das allererste Mal vor etwa 20 Jahren als Kammermusikerin und war sehr beeindruckt. Es ist immer gut, wenn Profis und Weltstars nicht nur mit großen Orchestern auf Tournee gehen, sondern immer wieder auch zur kleinen, zur leisen, Form zurückfinden. Ähnlich ist es in der Schauspielerei: Echte Weltstars des Kinos kann man immer wieder in den großen Metropolen der Welt auf der Bühne erleben.
Die beiden Brahms-Sonaten bestachen durch inneres Lodern, von dem man nicht genug bekam. In der A-Dur-Sonate begeisterte Jansens Zupacken in den Akkorden. Ihr sinnlicher Geigenton harmonierte aufs Allerschönste mit dem wundervollen Klavierklang Kozhukhins. Und wie immer in Köln klang der Steinway einfach nur großartig.

Natürlich ist das Aufeinander-Hören Grundvoraussetzung für gutes Zusammenspiel. Doch hier kam eine höhere Dimension hinzu: Im Abwechseln von Stimmen und Melodieführung sowie in winzigsten agogischen Feinheiten, kürzesten Verzögerungen und, ja, auch in den wilderen Passagen war man zutiefst ergriffen vom Zusammenspiel zweier auch in ihrer Bühnenpräsenz angenehm auftretender Menschen.
Auch die Frühlingssonate op. 78 von Brahms – Sie lesen richtig, der Frühling brach zart und leise aus, auch wenn die Sonate dieses Namens von Beethoven stammt – hatte in der Interpretation von Jansen und Kozhukhin viele ergreifende Passagen. In der Klaviereinleitung des langsamen Satzes wünschte man sich gedanklich, von Kozhukhin den späten Brahms zu hören, etwa das op. 117. Zu Beginn weiß man nicht, wohin die Tonart-Reise geht, bis man wieder im sanften Es-Dur-Hafen anlegt und die zum Weinen schöne Coda einen mit Schönheit überflutet.
Janine Jansen spielt das sanglichste Pizzicato, das ich kenne. Und davon profitierten auch die französischen Werke. Poulencs selten gespielte Sonate beginnt wild und eruptiv; der erste Satz ist mitunter ruppig und hat schon alles, was man von Poulencs Esprit und Humor so kennt. Etwa das Konzert für zwei Klaviere und Orchester, von dem gewisse Stellen im dritten Satz durchschimmern. Der Mittelsatz wirkte wie eine Meditation, mit herrlichen Akkorden und Kantilenen – und eben singenden Pizzicati.
Auch Messiaens Werk kam beim insgesamt recht disziplinierten Publikum gut an. Akkorde wie Kirchenglocken, man erkennt recht schnell seine Tonsprache. Hier musizierten die beiden mit größter Intensität, bevor der Ravel’sche Rausschmeißer den Abend mit atemberaubender Virtuosität beendete. Im ersten Sonatensatz setzte Janine Jansen ihr Vibrato sehr sparsam ein, was herrlich klang, und am Ende, als Kozhukhin das Thema noch einmal aufgriff, schien das alles wie eine sehr, sehr angenehme Erinnerung aus längst vergangenen Zeiten. Der Blues-Mittelsatz strotzte nur so vor Sinnlichkeit, und der irrsinnig schwere Finalsatz ließ das Publikum jubeln und aufstehen, was Fritz Kreislers Syncopation als Zugabe nach sich zog.
Ein großer Abend.
Dr. Brian Cooper, 2. April 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Orchestre national du Capitole de Toulouse, Sol Gabetta Kölner Philharmonie, 12. März 2025
London Symphony Orchestra, Sir Antonio Pappano, Janine Jansen Tonhalle Düsseldorf, 24. April 2024