Hai-Kyung Suh: „Beim Busoni-Wettbewerb wusste man nicht mal, wo Korea liegt“, Teil I

kb im Gespräch mit der Pianistin Hai-Kyung Suh, Teil I  klassik-begeistert.de, 21. Oktober 2026

© Kwi Sub Park

Die Pianistin Hai-Kyung Suh gehört zu den gefeierten Künstlern der letzten Jahrzehnte. Als eine der ersten koreanischen Musikerinnen, die in Europa und den USA reüssierten, errang sie Spitzenpreise beim Busoni-Wettbewerb und beim ARD-Musikwettbewerb, spielte zahlreiche Aufnahmen für die Deutsche Grammophon und Decca ein und kehrte nach einer Krebserkrankung, die ihr Leben und ihre Laufbahn beinahe beendet hätte, auf die großen Bühnen wie den Barbican Center, den Seoul Arts Center, der Berliner Philharmonie und der Carnegie Hall, wo sie im Oktober dieses Jahres ein von Publikum und Presse umjubeltes Solorezital spielte, zurück.

Im ersten Teil unseres Interviews spricht sie über ihre musikalischen Anfänge beim Besuch der Kasernen Südkoreas, Familiendruck und über die Carnegie Hall.  

Johannes Karl Fischer im Interview mit Hai-Kyung Suh, Teil I

klassik-begeistert: Frau Suh, Sie sind inzwischen seit sechzig Jahren Musikerin. Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Musik und dem Klavier erinnern?

Hai-Kyung Suh: Wir hatten zu Hause kein Klavier. Meine Mama hat mich dabei beobachtet, wie ich auf einer Papier-Klaviatur, die zufällig am Boden lag, versucht habe, zu spielen. Daraufhin hat sie mir ein kleines Klavier gekauft. Als ich drei war, entdeckte sie meine Liebe für die Bühne. Wir waren zu Besuch bei einigen Soldaten – Wehrdienst ist in Südkorea ein großes Thema – und da habe ich halt getanzt. Die anderen Kinder sind dann nach Hause gegangen, aber ich habe mich von meinen Fans, sozusagen als kleiner Star, feiern lassen. Und dann habe ich auch noch Tong-Il Han spielen sehen –  er hatte damals als erster Koreaner überhaupt den Leventritt Internationalen Klavierwettbewerb gewonnen. Das war ein großes Ding in Korea, man hat ihn im Hubschrauber eingeflogen und er hat in einem Konzertsaal vor 4.000 Leuten gespielt. Ich wollte wie er sein, die Menschen mit dieser wahnsinnig schönen Musik berühren.

klassik-begeistert: Sehr interessant, wie sah Ihr Weg von der Kaserne bis zur Weltbühne aus?

Hai-Kyung Suh: Naja, als ich beim Busoni-Wettbewerb erfolgreich war, wurde streng genommen kein erster Preis ausgegeben. Aber ja, ich war die erste asiatische Frau, die dort den für das damalige Jahr besten Preis gewonnen hat. Nachdem ich mit fünf Jahren angefangen hatte, Klavier zu lernen, habe ich schon mit acht meine ersten Wettbewerbe gewonnen.
Mein Vater war prinzipiell dagegen, dass ich mich so intensiv mit dem Klavier beschäftige. Er wollte mich bestenfalls an einer Frauenuniversität studieren lassen, damit ich danach einen Mann, der vielleicht an der Seoul National University (die beste Universität in Südkorea) studiert hatte, heiraten könne. Als Frau war ich in seinen Augen Bürger zweiter Klasse. Das wollte ich so nicht hinnehmen.

Dann bekam ich schon mit 12 Jahren aus aller Welt, unter anderen aus Deutschland und den USA, Angebote für Stipendien. Damals war es sehr schwierig, aus Südkorea auszureisen, geschweige denn wegzuziehen, man brauchte die Erlaubnis vom Staat. Und auch da war mein Vater natürlich dagegen. Schließlich hat er sich darauf eingelassen, mich nach Japan zu schicken. Mein Lehrer dort meinte, ich wäre viel zu begabt, um einfach in Japan weiterzustudieren. So bin ich dann doch schnell an die Juilliard gekommen, nach New York, wo ich bis heute lebe.

klassik-begeistert: Und dann ging es direkt weiter zum ARD und Busoni-Wettbewerb? 

Hai-Kyung Suh: Beinahe. Mein Vater hat gesagt, wenn du nicht bis zu deinem zwanzigsten Lebensjahr eine Karriere als berühmte Solistin geschafft hast, bringe ich dich nach Hause zurück und verheirate dich.

Aus diesem Grund habe ich dann, kurz nachdem ich 20 wurde, am internationalen Busoni-Wettbewerb teilgenommen. Dort wusste man nicht einmal, wo Korea liegt und ich selbst war vorher noch nie in Europa gewesen. Ich hatte mich sehr gut vorbereitet, weil ich wollte nicht von meinem Vater in eine Ehe gedrängt werden. Ich habe die Paganini-Variationen von Brahms gespielt, das ist so ungefähr das schwerste, was man in der Klavierliteratur findet. Damit war ich dann sehr erfolgreich. Und dann kam eine Phase, wo ich so viel geübt habt, dass ich Muskelkrämpfe hatte und meinen Körper nicht mehr kontrollieren konnte. Der ARD-Wettbewerb 1983 war dann mein Comeback, danach nahm meine Karriere an Fahrt auf.

klassik-begeistert: Was würden sie einer jungen Künstlerin raten, die heute in einem Wettbewerb wie ARD, Busoni oder den Internationalen Chopin Wettbewerb, einsteigt?

Hai-Kyung Suh: Üben, üben, üben! Natürlich ist das schwer, und noch schwerer, nebenbei zumindest ein bisschen sein eigenes Leben zu haben. Auch diese Hürde habe ich geschafft, trotz mehreren größeren Operationen und obwohl ich zwei Kinder habe. In New York gibt es eine Redewendung, wenn jemand fragt „How do you get to Carnegie Hall?“, sagt man oft einfach „Practice, practice, practice“. Selbst, wenn die meisten Leute darauf wissen wollen, ob sie lieber mit dem Taxi oder mit der U-Bahn fahren sollen.

klassik-begeistert: Apropos Carnegie Hall: Da haben Sie schon öfters gespielt. Was macht diesen Saal so besonders?

Hai-Kyung Suh: Carnegie Hall ist der Gipfel der Klassikwelt. Ich habe auch schon im Lincoln Center, im Barbican Center in London, in der Berliner Philharmonie und in vielen anderen Sälen vor ausverkauftem Publikum gespielt, aber Carnegie Hall ist der perfekte Raum für mich, gerade die Zankel Hall [Anm.: der Kammermusiksaal]. Da ist die Akustik einfach auf jedem Platz zauberhaft. Nur in Wien habe ich leider noch nie gespielt …

klassik-begeistert: Noch gar nicht?

Hai-Kyung Suh: Nein, ich wurde da noch nie eingeladen. Aber ich würde dort gerne mal spielen.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Johannes Karl Fischer, 21. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und 
klassik-begeistert.at

Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit Hai-Kyung Suh lesen Sie Donnerstag, 22. Oktober 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.

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