Wann Maestro Afkham doch mal die Hutschnur platzen könnte …Teil I

kb im Gespräch mit Maestro David Afkham Dirigent, Teil I  klassik-begeistert.de, 19. Oktober 2026

David Afkham © Gisela Schenker

David Afkham kehrt nach Hamburg zurück, privat wie beruflich. In der wunderschönen Laeiszhalle dirigiert der in Bayern lebende Maestro Beethoven und Brahms, in der Hamburgischen Staatsoper sieht er mit Frau und Kindern Humperdinck, Ravel und Strawinsky. Dies nicht zuletzt, weil seine Gattin, die Sopranistin Christiane Karg, dort Mitglied im Internationalen Opernstudio der Staatsoper Hamburg war. Im Vorfeld des Konzerts haben wir unter anderem über Humanismus, fliegende Partituren und seinen Mentor Bernard Haitink (1929-2021) gesprochen.

 Jörn Schmidt im Gespräch mit David Afkham (Teil 1)

klassik-begeistert: Bernard Haitink beschrieben in einem Satz, wie würden Sie Ihren Mentor charakterisieren?

David Afkham: Er war ein großer Meister, ein musikalischer Vater – auch jenseits von Musik und Konzertsaal … Aber selbst das greift viel zu kurz, Bernard Haitink passt nicht in einen Satz. Unbedingt hinzusetzen möchte ich noch, dass ich von ihm eine Art des Dirigierens gelernt habe, die heute immer mehr verloren geht. Keine Effekthascherei, statt dessen strukturelle Klarheit, immer auf der Suche nach Wahrheit, ein Führen von Innen. Auch auf psychologischer Ebene war er ein großartiger Mentor.

klassik-begeistert: Wenn Sie jetzt noch mal Gelegenheit hätten, Maestro Haitink um einen Rat zu bitten, was würden Sie ihn fragen?

David Afkham: Allein jetzt, in dieser Sekunde, da schießen mir etliche Fragen durch den Kopf. Wahrscheinlich, bis ich mich festgelegt hätte auf diese eine Frage – da wäre die Gelegenheit verstrichen …

David Afkham © Gisela Schenker

klassik-begeistert: Hat Ihnen Bernard Haitink von der Ochsentour eines deutschen Kapellmeisters abgeraten?

David Afkham: Nein, das hätte er nie gemacht. Er war ja selber ein großer Operndirigent, Music Director des Glyndebourne Opernfestival und des Royal Opera House. Bei mir hat sich das einfach so ergeben, dass ich einen anderen Weg gegangen bin. Mit Assistenzen und Wettbewerben direkt nach dem Studium unmittelbar Richtung Sinfonik.

klassik-begeistert: Nur auf der Ochsentour habe man genügend Zeit zu reifen, sich ein Repertoire zu erarbeiten, sagt man. Auch lerne man nur so den Opernbetrieb kennen. Das fehlt Ihnen jetzt alles?

David Afkham: Ich habe mir das anders erarbeitet, habe immer viel Oper gemacht. Auch jetzt noch, allein letztes Jahr Daphne, Elektra, Wozzeck und Zauberflöte. Neue Produktionen einzustudieren, ist wichtig. Nicht zuletzt, weil sich Oper und Sinfonik gegenseitig befruchten … Was Administration und Institutionen bzw. den Umgang damit betrifft: Wie Sie wissen, war ich 12 Jahre Chefdirigent und künstlerischer Leiter des spanischen Nationalorchesters und Nationalchors Orquesta y Coro Nacionales de España (OCNE). Meine Tätigkeit dort war fortlaufend mit administrativen Themen verbunden bis hin zu Terminen mit Ministern und Gewerkschaften.

klassik-begeistert: Wenn man Ihren Werdegang liest, könnte man denken: Sie wurden quasi über Nacht Dirigent. Da waren Sie gerade 15 Jahre alt …Kann ich mir das so vorstellen?

David Afkham © Gisela Schenker

David Afkham: Das war … wie für die meisten von uns … eher ein Weg. Natürlich muss man für unseren Beruf brennen, Blut lecken.  Das eint alle Dirigenten. Aber ob und wie man den Beruf ausfüllt – das muss sich entwickeln.

klassik-begeistert:  Wie sah dieser Weg bei Ihnen aus?

David Afkham: Ich habe Violine und Klavier gespielt, auch Theater hat mich fasziniert. Aber irgendwann muss man sich entscheiden, schon aus Zeitgründen heraus. Zu dirigieren, das hat für mich all das zusammengefasst, was mich an der Musik fasziniert. Dann war klar, das ist meine Berufung.

klassik-begeistert: Sie engagieren sich stark in der musikalischen Jugendförderung. Wenn Sie merken, ein Junge hat im Dirigieren seine Berufung gefunden. Allein, in seinem Streben nach Perfektion, da ist er gnadenlos und hat ein fast schon cholerisches Temperament. Wird schnell wütend und wirft auch schon mal die Partitur Richtung Orchester – ganz so, wie man zuweilen Arturo Toscanini beschreibt. Verordnen Sie eine Therapie oder beenden gar die Zusammenarbeit?

David Afkham: Diese Zeiten sind endgültig vorbei … Das zu vermitteln wäre dann meine Aufgabe. Zunächst würde ich sagen: Ohne Musiker geht es nicht, dann stehen wir ohne Klang da … Ich würde auch zu Selbstreflexion raten. Man muss sich stets fragen, warum lief es mit diesem Orchester besser und mit dem anderen schlechter.

klassik-begeistert: Aber dass man sich mal einen kurzen Augenblick lang vergisst, das muss doch wohl drin sein …

David Afkham: Nun, wenn mal im Orchester Land unter ist … da darf es schon mal einen leidenschaftlichen Disput geben. Aber es sollte eben nichts zu Bruch gehen, auch nicht zwischenmenschlich. Also ein Pult auseinanderschrauben und in die Luft werfen, das darf nicht sein …

David Afkham © Gisela Schenker

klassik-begeistert: Bleiben wir beim Thema Disput. Gerade ist es stark in Mode, Ideologien in die Kultur hineinzutragen. Man nimmt aufgrund der Nationalität des Künstlers eine pauschale Zuschreibung zu prominenten Konflikten vor – sei es Gaza oder Ukraine – und dann geht’s los: Wenn man sich nicht gleich einen Boykott-Aufruf fängt, wird man aufgefordert, sich von diesem und jenem zu distanzieren. Wo führt das hin und wie kann man das stoppen?

David Afkham: Es kommt immer darauf an, wie man Konflikte austrägt. Ich bin in einem humanistischen, international geprägten Haus aufgewachsen. Für mich war es von klein auf selbstverständlich, Konflikte im Dialog zu lösen, mit Respekt und Vernunft. Nicht zuletzt deshalb nutzen wir das Kindergartenprojekt „Be part of it“, um frühzeitig humanistische Kernwerte zu vermitteln … nur in diesem Sinne, mit dieser Einstellung, darf und muss zum Beispiel die Aufführung einer Sinfonie von Schostakowitsch als einen Konflikt in den Konzertsaal tragen.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jörn Schmidt, 19. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit David Afkham lesen Sie Montag, 19. Oktober 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.

David Afkham, Gautier Capuçon, Münchner Philharmoniker, Philharmonie im Gasteig, München

Wiener Symphoniker, David Afkham, Anton Sorokow, Pablo Ferrández, Musikverein Wien

Grafenegg Festival, Anja Harteros, Elisabeth Kulman, David Afkham,London Symphony Orchestra, Janine Jansen, Semyon Bychkov, Tonkünstler-Orchester, Grafenegg, Niederösterreich

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