Réka Kristóf (Corinna), Lukas Enoch Lemcke (Don Prudenzio), Jennifer O’Loughlin (Madame Cortese) © Anna Schnauss
Premiere / Münchner Erstaufführung +++ Die Reise nach Reims / Il viaggio a Reims +++ Gärtnerplatztheater, München, 16. Oktober 2026
Zehn stimmlich in den meisten Momenten voll überzeugende Hauptrollen. Das Orchester des Gärtnerplatztheaters unter Enrico Lombardi trifft den musikalischen Charakter Rossinis auf den Punkt. Die Produktion ist fluffig, blumig, bunt, prall und ausladend. Der Abend überzeugt. Das Premierenpublikum klatscht und jubelt.
Die Reise nach Reims / Il viaggio a Reims (1825)
Dramma giocoso
Musik von Gioachino Rossini
Libretto von Luigi Balocchi
Musikalische Leitung Enrico Lombardi
Regie Dirk Schmeding
Choreografie Kerstin Ried
Corinna Réka Kristóf
Marchesa Melibea Anna Agathonos
Comtesse Folleville Andreja Zidaric
Madame Cortese Jennifer O’Loughlin
Chevalier Belfiore Andrés Agudelo
Graf Libenskof Gyula Rab
Lord Sidney Ludwig Mittelhammer
Don Profondo Timos Sirlantzis
Baron Trombonok Levente Páll
Don Álvaro Matija Meić
Kurballett “Zur goldenen Lilie”
Chor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 16. Oktober 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend wird im Gärtnerplatztheater Rossinis Die Reise nach Reims – zum ersten Mal! – in München aufgeführt. Rossini kehrte in Paris wegen eines Auftrags: also wegen des Geldes zurück zur Komposition einer italienischen opera buffa. Zehn Sängerinnen und Sänger für Hauptrollen standen für die Uraufführung zur Verfügung. Die Handlung der Oper motivierende Krönung Charles X ist Rossinis Anlass für die Kreation. Menschen stecken im Hotel „Zur goldenen Lilie“ fest. Kutschen haben Pannen. Es gibt keine frischen Pferde. Es ist unmöglich, zur Krönung abzureisen. Die Oper zeigt die Kapriolen im Hotel. Im Auftrag inbegriffen: den König Charles X huldigen. Das ist handlungstechnisch nicht unbedingt förderlich. Zehn Hauptrollen müssen sängerisch ausreichend zur Geltung gebracht werden. Die Nationalitäten sollen Frankreich und dem König die Aufwartung machen. Das hätten wir gern Monsieur Rossini, bitteschön!

Stimmlich überzeugen alle zehn Hauptrollen in Intonation und stimmlichen Ausdruck. Hervorzuheben ist, dass neun der zehn Rollen hausintern besetzt werden (können). Nur Tenor Andrés Agudelo als Chevalier Belfiore kommt als Gast hinzu. Das spricht für die ausgeprägte Stimmen-Qualität im Gärtnerplatztheater. Rossini gibt allen zehn genügend Raum zur solistischen stimmlichen Entfaltung. Viel tiefgründige Handlung darf man dabei nicht erwarten. Rossini schnappt sich mit dem Hotel die durch den Auftrag vorgegebene internationale Plattform und kreiert für die internationalen Gäste herausfordernde Solopartien.
So dann: Corinna und Don Profondo sind aus Italien. Sopran Réka Kristóf als Corinna hat ihren großen Auftritt als Haupthuldigerin Charles X. Uijuiui, Beweihräucherung, bei der mir textlich anders wird. Gesanglich strahlt die Kristóf. Haut es gefühlig ehrfürchtig göttlich schwebend raus. Bassbariton Timos Sirlantzis als Don Profondo hat seinen großen Moment davor. Seine Stimme ist voller Elastizität und Schwung. Bariton Matija Meić ist der Spanier Don Álvaro. Er zeigt im Schlussbild sehenswerten Gogo-Hüftschwung. Alle Achtung! Die Rolle ist auf cool getrimmt. Stimmlich warm, zugleich straff. Toll, wie er sängerisch nach Corinna lechzt.

Der Baron Trombonok wir von Bass Levente Páll interpretiert. Die Rolle ist auf die deutsche Stärke der Organisation limitiert. Stimmlich bewältigt Páll die Partie souverän elegant. Bariton Ludwig Mittelhammer ist der englische Lord Sidney, zweiter Corina-Anhimmler neben Don Álvaro. Darf vor seinem Konkurrenten schauspielerisch wie stimmlich glänzen. Ein bisschen Klamauk beim Scheinflöten inbegriffen. Als guter Engländer überzeugt er mit prächtigem Volumen bei „God save the King“ in fulminanter Stärke.

Tenor Gyula Rab spielt den Russen Graf Libenskof im Liebeskampf um die polnische Marchesa Melibea trocken, humorlos, konsequent aufs Duellieren eingestellt. Das Orchester passt sich seiner Stimme an. Gegenüber den anderen Solistinnen und Solisten hat er eine etwas geringere stimmliche Durchschlagskraft. Sein stimmlicher Ausdruck ist präzise und klar. Mezzo Anna Agathonos gibt die Polin Marchesa Melibea stimmlich stark, raumfüllend und mit warmem Timbre. Spielerisch hat sie große Präsenz als Zankapfel zwischen den in sie verliebten Libenskof und Álvaro.

Das Paar aus Frankreich hält sich bei der königlichen Lobhudelei zum Ende der Oper eher zurück. Chevalier Belfiore alias Tenor Andrés Agudelo hat eine starke stimmliche Präsenz. Geschmeidg zugleich entschieden singend versucht er alle Frauen im Hotel einzuwickeln. Seine Strategie geht nicht auf. Er bekommt viele kalte Schultern gezeigt, etwa die von Corinna oder auch die der Comtesse Folleville. Diese singt und spielt Sopranistin Andreja Zidaric. Sie zeigt ziemlich zu Anfang tolles Schauspiel in der Hutszene, in der wirklich alles stimmt. Sie samt dem Ensemble spielt diese Szene ausgeprägt komisch. Lässt den Hauch Sarkasmus – „was die da oben bewegt, einfach nur daneben“ – durchscheinen, den Rossini in die Gesangspartie musikalisch auch an dieser Stelle einbaut. Andreja Zidaric gefällt mir mit ihrem alerten spannungsreichen feinen Sopran sehr gut.

Zuletzt Madame Cortese. Tirolerin, Hotelinhaberin, hier auch: Anstaltsleiterin. Ich habe den Eindruck, sie läuft am Schluss zu den Insassen über. Denn sie krönt sich am Ende selbst. Madame Cortese spielt und singt Sopranistin Jennifer O’Loughlin süffisant. Sie hat das erste Solo mit der Schnellsingsprecharie „Di vaghi raggi adorno“. Jennifer O’Loughlin intoniert diese Höchstschwierigkeitsarie exzellent, auf Kosten einer geringfügigen Mäßigung der Stimmenlautstärke.
Das Orchester bleibt aufmerksam unter ihrer Stimme. So soll es sein. Sonst dringt sie jederzeit stimmlich durch. Ihre helle, elastische und entschiedene Stimme passt sehr gut zu Chefinnenrolle. In der sich auch der weibliche Teil des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit sängerisch produzierter Aufmerksamkeit, die Madame Cortese in ihrer Arie einfordert hervorragend einfügt. Ebenfalls eine eindrucksvolle Szene.

Enrico Lombardi gibt dem Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz Zug und Schwung. Wunderbar werden Rossinis musikalische Raffinesse in Geschwindigkeit, deren Verlagerung, die klangliche Dynamik und zugleich der stete pointierte vorwärtstreibende Druck ausgeprägt. Dazu ist das Orchester jederzeit stimmenunterstützend den singenden Menschen auf der Bühne zugewandt. Der musikalische Charakter Rossinis wird auf den Punkt zu jeder Zeit getroffen. Klasse!
Insgesamt hat diese Produktion keine Angst vor großer Geste oder Pomp. Scheut nicht zurück vor Witz, egal ob subversiv musikalisch oder derb schuhplattelnd. Buffa im besten schönsten Sinn des Wortes. Im ersten Teil noch Hotel und Gäste, werden daraus nach der Pause in einer Anstalt Internierte. Die unter Waffengewaltandrohung mitmachen bei der Huldigung des Königs, bei der sich Madame Cortese am Ende selber krönt. Honi soit qui mal y pense – weh dem, der Böses dabei denkt und in dieser erzwungenen Huldigung eine Anspielung auf die heutige Zeit herbeidenkt. Kann ich, muss ich nicht.
Die pompös inszenierte Unterhaltung verantwortet Regisseur Dirk Schmeding mit seinem Team. Die Produktion ist fluffig, blumig, bunt, prall und ausladend. Der Abend als Ganzes überzeugt. Das Premierenpublikum klatscht und jubelt.
Frank Heublein, 17. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Franz Lehár, Der Graf von Luxemburg (1909) Gärtnerplatztheater, München, 27. März 2026, Premiere