Jeremy Boulton (Arzt), Sophie Rennert, Manuela Linshalm (Claire Zachanassian), Matija Meić (Lehrer) © Markus Tordik
Gute Unterhaltung! Auch. Schöpft zugleich das Potenzial voll aus, mich zum Nachdenken zu bringen. Über die Zeit, in der ich lebe. Über meinen moralischen Kompass. Wie schmal der Grat ist: schwupps! ist die Moral in die Tonne getreten. Die Musik wühlt auf, die Stimmen gefallen, alle! Das Duo Mezzo Sophie Rennert und Puppenspielerin Manuela Linshalm machen mir die gnadenlose Claire Zachanassian höchst lebendig.
Der Besuch der alten Dame (1971)
Musik von Gottfried von Einem
Libretto von Friedrich Dürrenmatt
Musikalische Leitung Michael Balke
Regie Nikolaus Habjan
Bühne Heike Vollmer
Puppenbau Soffi Povo
Claire Zachanassian Stimme: Sophie Rennert, Puppenspielerin: Manuela Linshalm
Alfred Ill Ludwig Mittelhammer
Der Bürgermeister Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Chor, Statisterie und Kinderstatisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Gärtnerplatztheater, München, 3. Juli 2026, Premiere
von Frank Heublein
An diesem Abend hat im Münchner Gärtnerplatztheater von Einems „Der Besuch der alten Dame“ Premiere. Aktueller den je. Was sticht? Moral oder Geld? Sie kennen die Antwort. Und Sie selbst, liebe Leserin, lieber Leser? Dürrenmatt selbst adaptierte sein Theaterstück zu einem Libretto. Die „alte Dame“, die Milliardärin Claire Zachanassian, macht den Bürgern von Güllen ein unmoralisches Angebot. Sie erhalten eine Milliarde unter der Bedingung, dass jemand den Krämer Alfred Ill tötet. Ihre Jugendliebe hatte sie geschwängert und sich mit falschen Zeugen aus der Affäre gezogen. Sie wurde aus dem Dorf vertrieben, wurde zur Dirne. So hat sie ihren ersten der acht Ehemänner kennengelernt, der sie zur reichen Frau werden ließ.
Dürrenmatts zentrale Idee ist im Heute schmerzhaft aktuell: ein unmoralisches Angebot entpuppt – das ist eine weitere Bedeutungsebene der Inszenierung mit der Puppe – die Verwerflichkeit menschlicher Gier. In der sprachlichen Verkleidung und dem Schönreden dieser Gier höre ich den Widerklang öffentlicher Worte in meiner Wirklichkeit. Ich bekomme eine Assoziation an Peter Thiel, wenn die alte Dame Claire Zachanassian davon singt, als Milliardärin „leistet man sich eine Weltordnung“. Oder wenn der Bürgermeister die Phrase drischt „noch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden“: im Zuge der politischen Lösungsansätze um Geflüchtete hörte ich vergleichbares. Am Ende obsiegt die Gier in Güllen. Auch egal, wenn wir deshalb in der moralischen Hölle schmoren. Ein zeitloses bestechendes Libretto! Das fängt schon bei den Namen an: Zachanassian: Zaster und Assassin (=Mörder) höre ich heraus. Ill auf englisch krank. Er ist die Krankheit, die es auszumerzen gilt.

Und die Musik? Die Trommel verheißt Aufruhr, Unbill. So fängt die Oper an. Die Güllen Kulisse grau und düster. Der Chor grau und düster. Die Musik wuchtig, treibend, düster. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter der Leitung von Michael Balke balanciert die treibende Wucht hervorragend aus. Es gelingt den Musikern, Drama, Überraschung, atemlose Konzentration in mir zu erzeugen, die in der Plötzlichkeit von leisen Tönen und von Stille liegt. Oder auch im bedrohlichen leisen grummelnden Trommelwirbel, der zum Übergang viele der nächsten Szenen ankündigt. Dann wieder abrupt einsetzender voller orchestraler Wumms. Huch! Ich zucke innerlich.
Regisseur Nikolaus Habjan ist der „Mann mit den Puppen“. Im Stück werden zwei pointiert eingesetzt. Die Puppe alte Dame und ihre Sängerin Mezzosopranistin Sophie Rennert spalten sich an einigen Stellen auf. Wenn die innere, sich erinnernde Stimme der alten Dame spricht, darf Sophie Rennert mitspielen. Tolle Idee, funktioniert großartig.
Der Puppen-Panther an der Seite Zachanassians hat funkelnde Augen. Ich verstehe dieses Puppentier als Sinnbild dessen, was Zachanassian vorschlägt. Auch die weitere Ausstattung ist klug gewählt. Am Anfang grau, dann erst ein zwei rote Fleckchen, eine Krawatte hier, ein Tuch da. Am Ende dann sind die Bürger Güllens komplett in rot gewandet. Sie sind in der moralischen Hölle angekommen.
Die Bühne erinnert an ein depressives Bild Lionel Feuchtwangers, das er nie gemalt hat. Nur der Wald, ein einzelner Baum auf der Bühne reicht mir als Signal, entwickelt eine größere Helligkeit. Die Szenen dort vermitteln mir Hoffnung, Erleichterung, Milde. Jedoch: auch diese Umgebung, dieser Weg ist Teilstück auf dem Weg in die Hölle.

Die Stimmen sind allesamt sehr gut. Beim Schlussapplaus scheint die Bühne fast zu klein für die große Crew. Drei stechen der Größe und Wichtigkeit der Rolle geschuldet heraus.
Mezzo Sophie Rennert singt die Claire Zachanassian. Die Puppenspielerin Manuela Linshalm macht mir die Puppe der Claire Zachanassian sowas von lebendig. Wow! Ein tolles Duo. Sophie Rennert nimmt die Rolle mit viel Vibrato. Ihre klare Stimme vermittelt ihre Skrupellosigkeit. Sie will die Güllner Weltordnung bestimmen, beherrschen. Warum? Weil sie es kann. Dabei hat sie auch gute Erinnerungen, die ihr absolut gleichwertig erscheinen. In diesen Erinnerungsmomenten wird die innere Stimme in Form von Sophie Rennert wärmer, zarter. Trennt sich in diesen Momenten visuell ab von der harten alten Puppendame, die die Hölle nach Güllen verlegen will.

Bariton Ludwig Mittelhammer zeigt als Alfred Ill stimmlich und spielerisch die innere Veränderung seiner Figur. Mittelhammers Stimme ist fest, konzentriert. Am Anfang überheblich abwehrend verharmlosend: die fallengelassene schwangere Klara ist „ein Jugendstreich“. Dann sieht und erkennt er, wie der Hase läuft in Güllen. Wie ausweglos sein Schicksal ist. Er gewinnt Würde, indem er sich dem Schicksal fügt, nicht ohne dem Bürgermeister klar zu machen, dass er den Güllern das Handeln nicht abnehme. So klar sagt das niemand, aber jedem im Theaterraum ist klar: der Bürgermeister fände schön, ans Geld zu gelangen, ohne sich die Hände blutig zu machen. Dass das der Ill nicht verstehen will? Zu blöd. Dann machen wir es als Masse, dann war es kein Einzelner. So darf sich jeder unbesudelt fühlen.

Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gibt wie per Libretto vorgegeben den „Held“(-entenor) als Bürgermeister. Er fädelt ein, wiegelt ab, strahlt auf Abruf zur rechten Zeit. Stimmlich immer auf den Punkt. Handelt nach Brechts „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“
Der Chor hat wenige, aber sehr wichtige Szenen. Er rahmt die Oper ein. Vermittelt stark die jeweilige Emotion. Düsteren Frust am Anfang. Diabolische Erleichterung am Ende. Zeigt stimmlich und als Masse, dass Menschen im Rudel zu wilden Tieren werden können. Der letzte Sangeston ist ein ausgestoßener Laut der begeisterten Erleichterung. Alfred Ill ist tot. Das Wort „umbringen“ wurde erfolgreich vermieden. Das Geld fließt. Die Welt in Güllen dreht sich endlich! weiter. So hört die Oper auf.
Das Publikum beklatscht – wie ich – begeistert die gesamte Crew.
Frank Heublein, 4. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Bayrisches Staatsballett, Konstellationen Prinzregententheater, München, 19. Juni 2026
Franz Lehár, Der Graf von Luxemburg (1909) Gärtnerplatztheater, München, 27. März 2026, Premiere