Der Konfettiregen beginnt (Foto: RW)
Ballettdirektor Lloyd Riggins ernennt Charlotte Larzelere, Olivia Betteridge und Louis Musin zu neuen Ersten Solisten
Lloyd Riggins ist es gelungen, das Hamburger Ballett sicher in eine erfolgversprechende künstlerische Zukunft zu führen. Er wird das für Hamburg als Kunststadt kennzeichnende, bleibende Vermächtnis von John Neumeier wie kein besserer verwahren und daneben dem Ensemble auch Möglichkeiten eröffnen, neue choreographische Handschriften zu erlernen.
Hamburg Ballett: Nijinsky-Gala LI, Living Legacies („lebendige Vermächtnisse“)
16 Werke verschiedener Choreographen, verschiedene Komponisten
Philharmonisches Staatsorchester, Leitung: Simon Hewett
Klavier: Michal Bialk, Petar Kostov, Georgiy Dubko
Moderation: Lloyd Riggins
Hamburgische Staatsoper, 5. Juli 2026
von Dr. Ralf Wegner
Das Hamburg Ballett konsolidiert sich unter der künstlerischen Leitung von Lloyd Riggins. Anders als im letzten Jahr wurden die frei gewordenen Stellen der Ersten Solisten neu besetzt. Wir erinnern uns: Neben Madoka Sugai kündigten unter Demis Volpi u.a. Alexandr Trusch, Alessandro Frola und Christopher Evans. Daraufhin hatte Volpi alle freien Stellen mit Nachwuchstänzern besetzt, so dass eine Rückkehr der genannten herausragenden Ersten Solisten unmöglich wurde.
Jetzt zumindest rücken die Spitzenkräfte des Hamburger Ballettgartens nach. Die unvergleichliche Charlotte Larzelere, die als Natalia im Schwanensee, als Kleine Meerjungfrau oder jüngst als Romola in Neumeiers Ballett Nijinsky mit Anmut, Eleganz und Hingabe beeindruckte, ihre Kollegin Olivia Betteridge, die als Marie im Nussknacker und während der Ballett-Tage als Alice (Wunderland) reüssierte sowie der wohl aktuell beste Hamburger Tänzer der jüngeren Generation Louis Musin rücken nach oben und werden zukünftig für die tänzerische Qualität des Hamburger Balletts bürgen. Hinzu kommt Callum Linnane, der als Erster Solist vom Australian Ballet nach Hamburg wechselt.

Von der Vielzahl der zwischen 18 Uhr und 23: 30 Uhr (zwei Pausen) aufgeführten Stücke beeindruckten mich vor allem die Leistungen von Charlotte Larzelere, die ein phantastisches Solo als Cinderella auf die Bühne brachte, der zappelphilippartige Auftritt von Silvia Azzoni und Emilie Mazon sowie der wunderschöne Italien-Pas de deux aus Anna Karenina mit der nach wie vor stupenden Anna Laudere, von ihrem Gatten Edvin Revazov vorzüglich gepartnert.
Warum faszinierte vor allem Silvia Azzoni in dem zappeligen Stück And so am I (Choreographie Neshama Nashman). Es liegt offenbar an ihrem inneren Körperschwerpunkt. Sie tanzt so, als ob sie losgelöst von der Gravitation eine Art Magnet im Körper hat, der sie Bruchteile eines Millimeters über dem Boden schweben lässt. Wenn sie ihren Oberkörper und ihre Arme mit eckigen ruckartigen Bewegungen zum Tanzen bringt, bleibt der Unterkörper wie schwebend still auf dem Boden. Sie muss zudem ein inneres biegsames Stahlskelett besitzen, von dem aus ihr Stütz- und Bewegungsapparat willentlich jede Form annehmen kann, ohne die graziöse Linie zu verlieren.
Silvia Azzoni tanzte mit Emilie Mason, die das Hamburger Ballett leider verlässt und sich, wie Lloyd Riggins in seiner Abschiedsrede erwähnte, weiter mit Ballett beschäftigen wird, aber nicht solistisch, sondern lehrend. Mit Hose und Hemd und zurückgebundenen Haaren war sie zunächst kaum zu erkennen. Sie tanzte mit Azzoni wie mit einer Vertrauten, wie mit einer guten Freundin und wirkte keineswegs traurig, sondern eher befreit über ihren mit 30 Jahren ja durchaus vorzeitigen Abschied. Wir werden sie immer als eine mit einer herausragenden Bühnenpräsenz begabten und ausgesprochen balancensichere Tänzerin in Erinnerung behalten.
Zum Glück ist ihre großartige Leistung als Kitty in Neumeiers Anna Karenina filmisch niedergelegt, ich erinnere mich aber auch an ihre überzeugenden Auftritte als Julia, Nussknacker-Marie, Nina (Die Möwe) oder Prinzessin Aurora in Neumeiers Dornröschen. Wir wünschen ihr für ihren zukünftigen Lebensweg alles Gute.

Was gab es sonst noch bei der Nijinsky Galla zu sehen. Lloyd Riggins hat den in Hamburg ansässigen Tanz ganz in den Vordergrund gestellt. So traten die Schülerinnen und Schüler der Ballettschule mit Neumeiers Yondering auf, Das Hamburger Kammerballett zeigte eine Choreographie von Edvin Revazow (Distant Light) und das Bundesjugendballett wagte sich an Ausschnitte aus Neumeiers Matthäuspassion, zum Gedenken an den verstorbenen Günter Jena. Wie Riggins ausführte, wäre ohne ihn dieses Passionsballett nicht so geworden, wie es auf der Bühne zu sehen ist.
Weiterhin wurde Martha Graham gedacht (Lamentation und Satyric Festival Song, mit der Tänzerin Anne Souder von der Martha Graham Company) sowie Maurice Bejart, für den Alexandre Riabko und Marijn Rademaker von WINN Dance einen physisch und tänzerisch beeindruckenden Männer-Pas de deux hinlegten (Opus 100 – für Maurice, Choreographie John Neumeier). Der zuvor gezeigte Frauen-Pas de deux von Emma Porter namens Islands geriet da schon weniger spektakulär. Es tanzten Heather Ogden und Emma Ouellet vom National Ballett of Canada. Einen weiteren Pas de deux mit einem recht schlangenhaften Bewegungsstil zeigten Xie Xin und Liu Xue vom Xie Xin Dance Theatre (Auszug aus From In + & Plus, Choreographie Xie Xin).

Auch die Hamburger Tänzerinnen und Tänzer zeigten ihr vielfältiges Können. Futaba Ishizaki, Charlotte Kragh und Francesco Cortese wagten sich an den leicht aussehenden, aber schwer zu tanzenden Pas de trois aus La Ventana von Auguste Bournonville. Besonders der erste, deutlich statisch dominierte Teil geriet bei den Damen noch nicht so standsicher, so dass der Eindruck von Leichtigkeit zumindest anfangs verflog.
Hayley Page und Florian Pohl überzeugten mit ihrem Pas de deux aus Aleix Martinez‘ Choreographie Äther und vor der zweiten Pause zeigte Louis Musin mit Sprungkraft und Charme, warum er zum Ersten Solisten befördert wurde. Seine Partnerin war die anmutige Ana Torrequebrada (Tarantella, Choreographie George Balanchine).
Die beiden letzten Stücke fand ich eher schwierig, zumindest wirkten die Ausschnitte aus John Neumeiers Epilog doch etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Es tanzten, sehr elegisch, differenziert Alina Cojocaru, Lennard Giesenberg, der übrigens ein in Henstedt-Ulzburg geborener Hamburger ist und deswegen nicht wie Giesnbörg ausgesprochen wird, Aleix Martinez und Caspar Sasse, ebenfalls ein Hamburger.
Am Schluss vereinte sich das gesamt Hamburger Ballett bei John Neumeiers Shall We Dance. Ida Praetorius und Matias Oberlin, beide befrackt, tanzten mit Eleganz das zentrale Paar. So ein richtiger Rausschmeißer ist Shall We Dance mit den zahllosen Frackträgern und Frackträgerinnen für mich aber nicht. Eine Assoziation, die mir dabei nicht aus dem Kopf geht, zeigt eine rotierende Pinguinversammlung. Schade, dass man sich nicht dazu entschließen kann, wieder einmal Neumeiers formidable Choreographie auf Bernsteins Candide-Ouvertüre als die Gala abschließendes Ensemblestück zu etablieren.

Es wurde auch sehr gut gesungen: Katja Pieweck (Äther) mit ihrem klangschönen Mezzosopran, Daniel Ochoa mit seinem höhensicheren, schallstarken sowie sonoren Bass (Matthäus-Passion) und die über eine glutvolle Höhe verfügende Maria Bengtsson (Epilog, Strauss: Beim Schlafengehen).
Der Jubel des Publikums war, wie üblich, groß und anhaltend, wurde allerdings von der Technik, wie zuletzt häufiger, abgebrochen. Der Vorhang schloss trotz weiteren Beifalls und das Licht ging im Saal an. Man hatte den Zuschauerraum zu verlassen. Was unterschied sich noch von früheren Galas: Alle Solisten und nicht nur die Gäste erhielten wunderschöne Blumenbuketts überreicht und Lloyd Riggins verkündete die Beförderungen von Solisten zu Ersten Solisten coram publico: Eine schöne, viel bejubelte Geste, die die Zuschauerinnen und Zuschauer in das Hamburger Ballettensemble einschloss.
Später ernannte Riggins auch noch folgende Ensemblemitglieder zu Solisten: Haley Page und Ida Stempelmann sowie Francesco Cortese und Artem Prokopchuk. Damit hat das Ensemble wieder 9 Erste Solisten sowie 9 Solisten. Die ehemaligen Ersten Solisten und jetzigen Sonderdarsteller Silvia Azzoni und Alexandre Riabko dazugezählt, hat das Hamburg Ballett, nach tagesaktuellem Stand, mit insgesamt 20 solistisch eingesetzten Tänzerinnen und Tänzern ein Potential, um wirklich große Leistungen auf der Bühne zu zeigen.
Lloyd Riggins ist es damit gelungen, das Hamburger Ballett sicher in eine erfolgversprechende künstlerische Zukunft zu führen. Er wird das für Hamburg als Kunststadt kennzeichnende, bleibende Vermächtnis von John Neumeier wie kein besserer verwahren und daneben dem Ensemble auch Möglichkeiten eröffnen, neue choreographische Handschriften zu erlernen. Dabei wird er stark auf hier arbeitende eigene Choreographen setzen, um den Hamburger Stil zu fördern, aber auch auswärtige Choreographen nicht vernachlässigen.
Es muss ja nicht reine Akrobatik sein, wie es Hervé Koubi mit seinem Gastspielensemble zum Erstaunen und zur Begeisterung des Publikums während der Ballett-Tage gezeigt hatte. Aber auch ein opulentes Ausstattungsstück wie Ratmanskys Wunderland, welches uns beim zweiten Sehen ob der nicht ganz so hoch gezogenen Erwartungen deutlich besser gefallen hat als bei der Premiere, wird den Saal weiterhin füllen und sicherlich viele Kleinen für die Form klassisches Ballett begeistern.
Dr. Ralf Wegner, 6. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
kb im Gespräch: Lloyd Riggins, Teil I, Der Tänzer Hamburgische Staatsoper, 25. April 2026
kb im Gespräch: Lloyd Riggins Der Ballettmeister, Teil II Hamburgische Staatsoper, 26. April 2026
kb im Gespräch: Lloyd Riggins Der Ballettdirektor, Teil III Hamburgische Staatsoper, 27. April 2026