Eine doppelte Energie-Explosion eröffnet das SHMF in Lübeck!

Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festival 2026  Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 5. Juli 2026

Eröffnungskonzert mit Anastasia Kobekina, Schleswig-Holstein Musik Festival, 4. Juli 2026 (c) Felix König

Endlich hat es begonnen, das Schleswig-Holstein Musik Festival 2026. Mit den beiden Böhmen Antonín Dvořák und Gustav Mahler startete das SHMF in der Lübecker Musik- und Kongresshalle am 5. Juli 2026 – und das Publikum wurde von einem Energiesturm überwältigt!

Antonín Dvořák, Cellokonzert h-Moll op. 104
Gustav Mahler, Symphonie Nr. 1 D-Dur

Anastasia Kobekina, Violoncello
Karina Canellakis, Dirigentin

NDR Elbphilharmonie Orchester

Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 5. Juli 2026

von Dr. Andreas Ströbl

„Menschlichkeit ist ein Crescendo”

Die SHMF-Eröffnungen sind bekannt für ihre kurzweiligen und engagierten Ansprachen, und entsprechend hielt die Stellvertretende Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Aminata Touré, eine ausgesprochen einnehmende Rede. „Begegnungen der Schwerelosigkeit“ seien es, in denen Menschen in und mit der Musik zusammenfänden; als ehemaliges Flüchtlingskind mit Kenntnis all der Schwere einer angefochtenen Existenz lag ihr besonders am Herzen, dieses Miteinander zu beschwören.

SHMF-Intendant Dr. Christian Kuhnt baute darauf auf: „Menschlichkeit ist ein Crescendo”, bekannte er, sie wüchse, wenn wir uns alle zusammen dafür einsetzten. Gewohnt launig begrüßte der geborene Mainzer auch eine Landsfrau von sich – Bundestagspräsidentin Julia Klöckner saß an diesem Abend in der ersten Reihe.

Eine Symphonie mit obligatem Violoncello – und einer entflammten Solistin

Antonín Dvořák hätte sein Cellokonzert op. 104, charakteristischerweise in h-Moll komponiert, vielleicht als vertontes Heimweh beschreiben können. Schließlich hatte er das Stück auf seiner großen USA-Reise zwischen dem November 1894 und dem Februar 1895 fern der Heimat komponiert. Dass er ausgerechnet dem Violoncello eine prachtvolle Solo-Rolle zugestand, einem Instrument, das, wie er sagte, „oben kreischt und unten brummt“, ist schon bemerkenswert. Entstanden ist „eigentlich eine Symphonie mit obligatem Violoncello“, wie der tschechische Musikwissenschaftler Jaroslav Markl treffend bemerkte.

Anastasia Kobekina ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmekünstlerin, denn bereits der erste entschiedene Strich ihres Cellos erreicht sofort alle Mitwirkenden des NDR Elbphilharmonie Orchesters und vor allem das Publikum. Es ist, als hätte sie im Nu ein Feuer entfacht, das mit einem Mal hoch auflodert und bis zum letzten Ton nicht nachlässt.

Eröffnungskonzert mit Anastasia Kobekina, Schleswig-Holstein Musik Festival, 4. Juli 2026 (c) Felix König

Die Cellistin versprüht eine unbändige Energie; ihre Lust am Spiel spricht aus ihrer Mimik und den lebhaften Bewegungen. Oft wirkt sie in bester Weise kindlich, weil sie mit sympathisch offenem Blick scheinbar gar nicht glauben kann, was sie da alles zaubert. Das wirkt nicht aufgesetzt oder posiert, sondern ist schlichtweg mitreißend ehrlich. Dass sie barfuß auftritt, hat den Grund, dass sie die Vibrationen des Cellos auf dem Podest und damit dessen fließende Energie spüren kann.

Der eigentlich heroische Duktus des ersten Satzes gerät so deutlich leichtfüßiger, wenngleich die Cellistin auch die schweren Töne tief ausschöpft und manchen Passagen einen kratzigen Charakter verleiht. Der Beifall nach diesem Satz ist tatsächlich nachvollziehbar, zumal mit seinem kraftvollen Finale. Die überaus sympathische Solistin bedankt sich lächelnd dafür.

Leuchtend-prachtvoll spielt das Orchester, und man kann Karina Canellakis mit Fug und Recht attestieren, an dramatischen Momenten nicht zu sparen. Der Taktstock der Dirigentin scheint Funken zu sprühen, die sofort überspringen. Wer das Glück hat, seitlich und nahe genug zu sitzen, freut sich über ihre begeisterte, zugewandte, ja fröhliche Mimik; zugleich ist ihr Dirigat aber punktgenau und exakt. Dann wirken ihre fließenden Armbewegungen wieder, als würde sie durch die Partitur schwimmen, rasch aber wechselt sie in einen manchmal stakkatoartigen Duktus, sticht die Einsätze wie mit einer Nadel. Dynamisch und von den Tempi her gestaltet sie das Konzert ausgesprochen differenziert und vielfältig.

Karina Canellakis und Orchester Photo Andreas Ströbl

So gerät der zweite Satz mit seinen kantablen Passagen innig und sensibel; passend wechselt die Cellistin in ihrem Strich von butterweich bis rauh, was dem Ganzen eine sehr persönliche Note verleiht. Die böhmische Heimat im Blick der Wiedersehens-Vorfreude hat Dvořák den Finalsatz rhythmisch reizvoll und melodisch gestaltet. Im darin eingebetteten Dialog des Cellos mit der Ersten Geige flirtet Anastasia Kobekina gleichermaßen spielerisch und mit keckem Lächeln mit David Radzynski, was der sofort entsprechend beantwortet. Überhaupt sieht man viele frohe Gesichter im Orchester; hier trifft ausnahmsweise mal zu, was gerne vor dem Beginn von teils auch schweren Konzerten von den Saalkräften gewünscht wird: Man hat viel Spaß, auf dem Podium und davor. Das aus der Sanftheit sich erhebende Crescendo feiert die Cellistin noch einmal nach Kräften; einen „Wirbelwind“ hat Intendant Kuhnt die Musikerin zu Recht genannt.

Dass auf den tosenden Beifall eine Zugabe folgt, ist klar. Und so lässt sich die bezaubernde Solistin es nicht nehmen, ein Stück ihres Lieblingskomponisten, wie sie sagt, zu spielen, nämlich ihres Vaters. Zusammen mit dem Schlagwerker Moisés Santos Bueno gibt es eine Gaillarde für Cello und Tambourin, einen mitreißenden mittelalterlichen Tanz. Eine Künstlerin, die man am liebsten umarmen möchte!

Hier wird Mahler nicht gespielt, es ereignet sich Mahler

Knapp 100 km südöstlich vom Prag Dvořáks erblickte Gustav Mahler im böhmischen Kalischt das Licht einer Welt, die zumindest in seiner Ersten Symphonie noch sehr viel vom heimeligen Wald-Dunkelgrün mit dem Kuckuck und all den anderen Tieren, die im Verlauf des Werks den toten Jäger zu Grabe tragen, in sich hat. Selbstverständlich ist auch diese Symphonie nicht frei von den so charakteristischen Ausbrüchen und Katastrophen-Vorahnungen, aber all die Naturlaute und das Spiel mit dem Naiven in klarster spätromantischer Wunderhorn-Erzählung atmen noch viel Frohes, Freudiges. Vor allem geschieht das in der Interpretation von Karina Canellakis, die gerade die fast ganz unbeschwerte Stimmung des „Ging heut morgen übers Feld“-Tons aus den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ musikalisch wortgetreu wiedergibt.

Anastasia Kobekina und Karina Ca nellakis Photo Andreas Ströbl

Vor dem zweiten und dritten Satz meinen ein paar tumbe Klatscher sich Gehör verschaffen zu müssen (es ist hörbar immer das gleiche halbe Dutzend), aber Dirigentin und Orchester machen konzertiert weiter, und zwar zunächst mit dem von Ländlern und unbedarfter Dorfmusik geprägten Folgesatz. Es ist bekannt, dass Mahler hier in seinem sehr eigenen Humor karikiert, und das Groteske tritt dabei gerade in der Echtheit der Straßenmusik, die alsbald wieder gebrochen und verwandelt wird, besonders deutlich hervor.

Dass die „Bruder Jakob“-Weise in Moll im dritten Satz ein echter Trauermarsch ist (auch wenn hier wieder die Mahler´sche Ironie aufblitzt), wird an diesem Abend klar wahrnehmbar. Sehr melancholisch klagt der Kontrabass, und der einsame Klezmer mit der typischen Klarinette atmet den traurigen Geruch eines verlassenen Tanzplatzes. Dass bei der „Lindenbaum“-Passage, in der die erlösende Ruhe im Sclhaf beschworen wird, Harfe und Violinen nicht zueinanderkommen wollen, ist nachrangig. Aus den schrillen Violinhöhen spricht dann auch echte, existentielle Angst. Hier kündigt sich der Naturgott Pan an, der in der Dritten Symphonie zu ehrgebietender Größe anwachsen wird.

Mahler wird hier nicht gespielt, er ereignet sich. Andere Interpretationen machen es echten Mahlerianern schwer, die Tränen zurückzuhalten, hier aber erblüht all das Positive, Optimistische im Werk des schwermütigen Suchers in goldener Fülle. Die Fortissimi des Finalsatzes krachen, strahlen, glänzen in den Saal; von der Dirigentin geht eine solch unbändige Energie aus, dass man zu dieser „Ersten“ manchmal hätte tanzen mögen. Mahler hätte dieses Dirigat geliebt.

Moises Santos Bueno und Anastasia Kobekina Photo Andreas Ströbl

Das Monument des Finales ist in triumphierendes Gold getaucht, pralle, starke Blechbläser würdigen diesen Moment schließlich stehend, eine alles erleuchtende Sonne erhebt sich über das, was zuvor finster gewesen sein mag. Es siegen Licht, Leben, leuchtende Stärke!

Die Lübecker jubeln, toben, springen von ihren Plätzen. Das ist eine Energie-Explosion in prächtigem Klang!

Dr. Andreas Ströbl, 6. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Anne-Sophie Mutter, Violine, LPO, Karina Canellakis, musikalische Leitung Alte Oper Frankfurt, 27. Februar 2026 

Rising Stars 57: Anastasia Kobekina, Violoncello klassik-begeistert.de, 27. Februar 2025

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