Sparks – die Balletttruppe des Gärtnerplatztheaters lässt Funken spritzen

Sparks, Ballettcompagnie des Gärtnerplatztheaters  Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 19. Juli 2026

»it was all so sweet«, Choreografie: Matthew Perko, Tanz: Dean Elliott, Mikayla Lambert, Yunju Lee, Ethan Ribeiro © Marie-Laure Briane

Sparks? Tänzerinnen und Tänzer des Gärtnerplatztheaters dürfen selbst choreografieren! Die beiden letzten Stücke gefallen mir persönlich am besten. In allen zehn Stücken sehe ich Lust und Leidenschaft wie Funken spritzen. Toll!

Sparks
Choreografie und Tanz: Ballettcompagnie des Gärtnerplatztheaters

Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 19. Juli 2026

von Frank Heublein

An diesem Abend brizzeln im Münchner Gärtnerplatztheater die Funken (engl. Sparks): Zehn Choreografien werden im Programm Sparks gezeigt. Was ist Sparks? Die Tänzerinnen und Tänzer des Gärtnerplatztheaters dürfen selbst choreografieren. Haben dazu fünfzehn Stunden Probezeit. Für das Publikum ist es ein niederschwelliges Angebot, denn es gilt „zahl was du kannst oder willst“. Ursprünglich für den kleinen Saal geplant, ist die Resonanz so groß, dass der ums Zigfache größere Theatersaal annähernd „ausverkauft“ ist.

Schon vor Beginn im Haus geht es los im Eingangsfoyer: Wyatt Drew Florin nimmt in »moving forward« einen roten Faden auf und schlängelt sich durchs Publikum. Er. Und der vertrackte Faden. Viele Menschen. Enge oder nichtvorhandene Gassen. Manchmal sehe ich nur Menschen, die versuchen etwas zu sehen. Oder Menschen, die dem Tänzer im Weg zu stehen meinen. Ich lasse Tänzer und Faden auf mich zukommen. Er wird schon um mich herumtanzen. Macht er. Einmal hängt der Faden über meinem Ohr. Ich lasse es schmunzelnd geschehen.

»Falling Awake«, Choreografie: Yunju Lee, Hyo Shimizu, Tanz: Alexander Quetell, Emily Yetta Wohl, Chia-Fen Yeh, Nicolò Zanotti © Marie-Laure Briane

In »Falling Awake« von Yunju Lee und Hyo Shimizu tanzen Alexander Quetell, Emily Yetta Wohl, Chia-Fen Yeh und Nicolò Zanotti. Schöne Idee aus Spannbetttuch, Laken, Licht und Tanz. Körper, deren Bewegungen durch die Laken scheinen. Der Schluss ist toll: vertikales Reihenaufstehen.

»FULL IN/FULL OUT« von Dean Elliott wird getanzt von Montana Dalton, Ethan Ribeiro, Micaela Romano und Mariana Romão. Spannend finde ich die Hebefiguren zu dritt. Besonders fällt mir die Energie Montana Daltons auf. Ein interessantes Element, das in einigen Choreografien des Abends und auch in dieser genutzt wird: der Einsatz von Lauten. Emotion und Spannung ändern sich dadurch. Das gibt den Choreografien im besten Sinne des Ahhs und Pffts zusätzlichen Ausdruck.

»FULL IN/FULL OUT«, Choreografie: Dean Elliott, Tanz: Montana Dalton, Ethan Ribeiro, Micaela Romano Serrano, Mariana Romão © Marie-Laure Briane

In »The risks we take together« von Montana Dalton tanzen Elisabet Morera Nadal, Hyo Shimizu und Chia-Fen Yeh. Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer jeweils mit einem Teppich. Schöne Startidee: der Vorhang fällt. Und öffnet sich nur schmal. Die eine Tänzerin rollt sich aus ihrem Teppich. Dieser begrenzt den Tanzradius stark. Konzentrierte Dynamik. Versuchtes Ausbrechen aus dem Teppichrechteck.  Am Ende sind die Teppiche aneinandergerückt. Die zwei Tänzerinnen und der Tänzer finden zueinander, begegnen sich. Wie Dalton es in der Programminformation ausdrückt: „Immer gibt es eine Hoffnung, die uns daran erinnert, dass wir ein Zuhause an unerwarteten Orten und bei fremden Menschen finden können.“

»AVE« von Gjergji Meshaj, er tanzt sein Männersolo auf ein Opernsopranversion von Ave Maria sehr expressiv selbst. Im Solo merke ich besonders die gute ansprechendes Nutzung von Licht und den stimmungsvollen Einsatz von Rauch.

»These being the concerns«, Choreografie: Ariane Roustan, Tanz: Mikayla Lambert © Marie-Laure Briane

»These being the concerns« von Ariane Roustan tanzt Mikayla Lambert, während die Menschen aus der Pause zurück auf in den Saal kommen. Ein Bühnenbreitenlanger Rasenteppich, aus dem sie sich im Dress im Python-Stil herausschlängelt. Die Vögel-Menschenmenge-Videoinstallation erschließt sich mir erst nach Lesen der Choreografiehinweise im Programm. „Das Stück ist eine poetische Auseinandersetzung mit den offiziellen Entschuldigungen gegenüber den indigenen Völkern.“ Die Tänzerin verlässt einmal die Bühne, um durch den Zuschauerraum nach hinten zu gehen, durch das über die Stühle zwischen den Menschen hindurch wieder auf die Bühne zu kommen. Die Beziehung aufbrechen und neue Verbindung schaffen. So verstehe ich es.

»Aufguss«, Choreografie: Alexander Quetell, Emily Yetta Wohl, Tanz: Chia-Fen Yeh, Nicolò Zanotti © Marie-Laure Briane

Als Saunagänger kann ich sagen, dass die Handtuchführung der beiden in meiner Sauna-Aufguss-Realität zu einem guten führen würde. Mal sind sie Saunameister und -meisterin, mal Saunierende, die den Aufguss durchkämpfen. Schöne Hebefiguren.

»Rec Room«, Choreografie und Tanz: Ethan Ribeiro © Marie-Laure Briane

»Rec Room« tanzt Choreograph Ethan Ribeiro selbst. Zurückgenommen konzentriert ist sein Solo. Das Stück „reflektiert, wie die Räume, die uns prägen, in unseren Körpern weiterexistieren“.

»Speaking of seven« ist von Micaela Romano in Zusammenarbeit mit den Tänzern und Tänzerinnen. Wyatt Drew Florin, Gjergji Meshaj, Elisabet Morera Nadal und Mariana Romão bringen ein an diesem Abend einzigartiges Element auf die Bühne: Humor. Ist fast immer schwieriger als Drama. Hier gelingt es wunderbar. Die eine zählt die Zahlen von 1 bis 7 unregelmäßig. Die anderen drei tanzen die Kurzfigur der angesagten Zahl. So entstehen skurrile Bewegungsmuster, die bei mir und vielen anderen im Haus zu Lachglucksern führen. Ein ausdrucksvoller Solotanz – wäre es, wenn nicht die drei anderen hintereinander ausnehmend komisch kommentierend diese Expression lustvoll durchbrächen. Zusammen mit dem nachfolgenden Stück mein Favorit des Abends!

»it was all so sweet«, Choreografie: Matthew Perko, Tanz: Dean Elliott, Mikayla Lambert, Yunju Lee, Ethan Ribeiro © Marie-Laure Briane

»it was all so sweet« von Matthew Perko wird getanzt von Dean Elliott, Mikayla Lambert, Yunju Lee und Ethan Ribeiro. Die Bühne ist nackt. Die seitlichen Strahler entblößt. Erst zu zweit und viert, dann solistisch wechselnd entfaltet sich wunderbare dynamische Ästhetik. Alle Programminformation lese ich erst hinterher: „Das Stück lädt dazu ein, nachzudenken über die Schönheit, die Vergänglichkeit und das stille Glück, das darin liegt“. Doch zuerst und vor allem genieße ich diesen Moment. Mmmmh!

Licht und Rauch werden sehr gut gehandhabt und unterstützen die Choreografien vortrefflich. Die nächste Generation Choreografinnen und Choreografen macht erste Schritte. In einem Safe Space, wie sich herausstellt. Das Publikum jubelt, gibt Standing Ovations. Die Tänzer und Tänzerinnen bitten um Unterstützung, damit dieses Projekt weiter stattfinden kann. Zücken sie ihren Kalender und tragen Sie sich den Termin in der kommenden Spielzeit ein – ich werde acht Wochen vorher erinnert zwecks Kartenkaufs. Ich will mehr als nur die eine Mitgängerin an diesem Abend ermuntern mitzugehen. Am Dienstag, den 27.07.27 ab 20.00 Uhr lässt das Tanzensemble des Gärtnerplatztheaters wieder die Funken spritzen.

Frank Heublein, 20. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Hommage à Kurtág, Utopia Choir, Utopia Orchestra Kollegienkirche, Salzburg, 18. Juli 2026

Georg Friedrich Händel, Alcina Prinzregententheater, München, 13. Juli 2026

Gottfried von Einem, Der Besuch der alten Dame (1971) Gärtnerplatztheater, München, 3. Juli 2026, Premiere

Strawinsky in Paris – zweiteiliger Ballettabend Staatstheater am Gärtnerplatztheater, München, 17. Juli 2025

Georg Friedrich Händel, Der Messias, Gärtnerplatztheater München, 10. Oktober 2019 (Premiere)

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