Die glorreichen Sieben: Alle Stimmen glänzen famos in Münchens Festspielpremiere Alcina

Georg Friedrich Händel, Alcina  Prinzregententheater, München, 13. Juli 2026

Foto: Jeanine De Bique als Alcina © Geoffroy Schied

Bravo! an die glorreichen Sieben. Der Stimmenst(r)ahl der Alcina/De Bique. Der Wahnsinns-Mezzo Ruggiero/Holiday. Morgana/Benoit mit einer Stimme so nah am Vibrato ohne Vibrato, das ist ganz große Klasse! Bradamante alias Ricciardo/Amereau dunkel funkelnd. Stimmen, die den Weg nach München lohnen!

Alcina
Dramma per musica in drei Akten (1735)
Komponist Georg Friedrich Händel

Libretto von einem unbekannten Bearbeiter nach dem Antonio Fanzaglia zugeschriebenen Libretto der Oper L’isola di Alcina von Riccardo Broschi, basierend auf dem 6. und 7. Gesang aus dem Epos Orlando furioso von Ludovico Ariosto.

Musikalische Leitung Stefano Montanari
Inszenierung Johanna Wehner
Bühne Benjamin Schönecker
Alcina Jeanine De Bique
Ruggiero John Holiday
Morgana Elsa Benoit
Bradamante Avery Amereau
Oberto Carine Tinney
Oronte Julian Prégardien
Melisso Gerrit Illenberger

Bayerisches Staatsorchester

Prinzregententheater, München, 13. Juli 2026

von Frank Heublein

An diesem Abend findet im Prinzregententheater München im Rahmen der Opernfestspiele die Premiere der Neuproduktion von Händels Alcina statt. Alcina ist stark, mächtig, klug, schön. Und dickes Plus: sie hat auch Zauberkräfte. Sie sucht den Richtigen. Männer, die anlanden und sich als die Falschen herausstellen, werden zu Statuenstein gezaubert. Ruggiero scheint ihr endlich der Richtige. Dumm nur hat er einer anderen die Ehe versprochen. Die Andere: Bradamante verkleidet sich als ihr Bruder Ricciardo, sucht und findet ihren Verlobten auf Alcinas Insel. Je länger Bradamante sich auf der Insel aufhält desto mehr schwindet Alcinas Zauber-Kraft.

Die interessante Figurenführung zeigt mir Alcina nicht als böse Hexe, sondern als Frau, die nach der erfüllten ewigen Liebe sucht. Gibt es – leider – nicht. Falls doch, freue ich mich über Geheimnisverrat in den Kommentaren. „Game over“ heißt es am Ende für Alcina. Nach zahlreichen Volten sieht es für die zwei Paare Bradamante – Ruggiero und Morgana – Oronte am Ende klar besser aus. Sie finden wieder zueinander. Der Liebe wegen. Die wird Alcina entzogen, das entkräftet sie.

Die Emotionen der Volten bilden den Kern der Arien und damit den Kern der Oper. Das Programmbuch spricht von vierundzwanzig Arien. Alle sieben Sänger und Sängerinnen erlebe ich an diesem Abend meisterhaft. Klar. Direkt. Ohne Vibrato. Ganz barock. Technisch brillant. Gilt für alle sieben. Glorreich!

Sopranistin Jeanine De Bique in der Titelrolle der Alcina hat einen markigen stählern wuchtigen Sopran und! auch einen ganz zarten verletzlichen. Toll! Counter John Holiday singt die Mezzorolle des Ruggiero. Wow, was für eine elegante Leichtigkeit. Schwierige Passagen? Geht doch! Alles easy. Ich mal die Augen zu und höre mich glücklich. Ein Wahnsinns-Mezzo. Die Arie „Verdi prati“ singt er zum Niederkien. Händel verwendet diese Smashhit-Melodie ein zweites Mal mit anderem Text in seinem Oratorium Israel in Egypt.

Sopranistin Elsa Benoit singt die Morgana. Bei ihr macht mich ihre brillante Technik am meisten baff. So einen Ton immer an der Grenze, doch stets ohne Vibrato. Boah! Ihr Sopran hat eine warme Rundheit wie gemacht zum Reinkuscheln. Alt Avery Amereau, Achtung! Ich bin nicht objektiv, bin ganz Avery-Fan. Und bleibe es nach dieser Rolle. Ich liebe ihr dunkles funkelndes Timbre, es geht mir direkt ins Herz.

Sopran Carine Tinney als Oberto ist auf der Suche nach ihrem Vater. Überzeugt besonders in ihrer zweiten Arie mit wunderbar kräftiger entschlossener Sopran-Inbrunst: „Barbara!“ schmeißt sie Alcina entgegen. Tenor Julian Prégardien als Oronte wirft im Intrigenmodus die Handlung an. Morgana verliebt sich in Ricciardo, also Bradamante. Kompliziert. Blöd. Findet das mindestens Oronte. Listig blitzend spinnt seine Stimme die Intrige. Bass Gerrit Illenberger als Melisso ist im Libretto, weil ohne Bass geht nicht, dachte sich Händel. So wirklich handlungsverändernd ist seine Rolle nicht. Seine Arie meistert er wuchtig entschlossen brillant.

Die Chorszenen am Anfang und am Schluss singen die Solisten und Solistinnen mit Ausnahme Jeanine De Biques gemeinsam. Inhaltlich schlüssig. Auch gemeinsam zusammen stimmlich überzeugend.

Stefano Montanari leitet die kleine Gruppe des bayerischen Staatsorchesters auf historischen Instrumenten. Die Tempi gelingen in den Arien für die Sängerinnen und Sänger hervorragend. Eigenen orchestralen Ausdruck höre ich selten heraus. In einer Arie ein Geigensolo, in einer anderen ein Cellosolo. Insgesamt ein eher trockener, auch hier: vibratofreier Ton. Ganz darauf ausgelegt, die Stimmen zu unterstützen.

Die Inszenierung Johanna Wehners erfüllt im ersten Teil zwei Funktionen. Eine generelle Kernaufgabe, genügend Zu- und Abgänge bereitzustellen. Eine zweite Aufgabe besteht darin, Gegenstände bereitzustellen, die anfangs Bradamante, zum Schluss Alcina voller Wut mit vollem Körpereinsatz zerstören. Langweilig, aber auch nicht störend. Der Raum des zweiten Teils gefällt mir etwas besser. Die eine schöne Idee: lebende Statuen mimen einige der von Alcina verzauberten Männer. Ich frage mich, in wie vielen Fußgängerzonen wurden diese Menschen wohl rekrutiert? Lustvolle Buhs beim ersten Vorhang für das Regieteam. Zuviel der Aufregung. Beim zweiten Vorhang eher zustimmender Applaus. Wohl zu heiß für eine zweite Buh-Runde. Schwamm drüber.

Alcina ist eine Oper, die durch die Arien lebt, das Drumherum ist zweitrangig, darf nur nicht stören. Die drei Solisten und vier Solistinnen brillieren allesamt. Eine nahezu perfekte Gesangsleistung macht diesen Abend zu einem außergewöhnlichen für mich. Bravo! an die glorreichen Sieben.

Frank Heublein, 14. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Georg Friedrich Händel, Alcina, Staatsoper Hamburg, 23. Februar 2020

Georg Friedrich Händel, Alcina, Staatsoper Hamburg

Georg Friedrich Händel, Alcina (Libretto: „L’Isola di Alcina“, 1728, nach Ludivico Ariostos „Orlando furioso“), Theater an der Wien, 26. September 2018

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert