Gerstein tut sich in Abwesenheit des alten Meisters Thibaudet als hochgradig talentierter Zauberlehrling hervor

Kirill Gerstein (für Jean-Yves Thibaudet), Semyon Bychkov und die Münchner Philharmoniker
Tschaikowsky: 1. Klavierkonzert b-Moll;
Hector Berlioz: Symphonie fantastique
Philharmonie im Gasteig München, 26. Mai 2017

von Raphael Eckardt

Jean-Yves Thibaudet ist ein vielbeschäftigter Mann. An diesem Abend sollte er mit den Münchner Philharmonikern Tschaikowskys erstes Klavierkonzert zum Besten geben. Aber Thibaudet kam nicht. Stattdessen stand auf einmal der junge, beinahe schüchtern wirkende US-amerikanische Pianist Kirill Gerstein auf der Bühne. Und der tat sich mit Brillanz hervor.

Einen würdigeren Ersatz für den Tschaikowsky-Spezialisten Thibaudet hätte man nicht finden können. Gersteins musikalisches Genie offenbart Tiefgrund und eine natürlich-authentische Ausstrahlung, die ihn zu einem der verheißungsvollsten Talente unserer Zeit machen. Sein Repertoire ist mit gerade einmal 37 Jahren erstaunlich vielseitig und groß – ähnlich wie die Erwartungshaltung, mit der er an diesem Abend zu kämpfen hat. Eben weil er einen Pianisten vertritt, der in 30 Jahren Welttournee über 50 Alben eingespielt hat, von denen ausgerechnet jenes Tschaikowsky-Album besonders populär wurde. Eine schwere Last!

Das Münchner Publikum ist gespannt: Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert ist das meist eingespielte Klavierkonzert aller Zeiten. Der Maestro an diesem Abend ist kein geringerer als Semyon Bychkov. Und – ähnlich wie Thibaudet – hat sich Bychkov in den vergangenen Jahren schon unzählige Male als fantastischer Tschaikowsky-Interpret bewiesen.

Der Beginn ist furios! Mit mystisch anmutenden, gotischen Klangbögen konstruiert Bychkow eine Kathedrale, die sich durch einzigartige Präzision definiert. Da ist dieses unheimliche, ungreifbare Momentum in der Luft, das Tschaikowskys Musik in schillerndem Mondlicht glänzen lässt. Und dann kommt Gerstein! Mit einer majestätischen und markanten Eröffnung beschreitet er die Turmstufen auf dem Weg nach oben. Die New York Times schrieb einmal über dieses Talent, „jede Note, die er forme, sei eine Perle“. Wahrhaftig, die Freude und Brillanz seines Klavierspiels kann man nicht überhören.

Neben wuchtigen Klanggewölben bietet der erste Satz bereits aber auch lyrische Melodiephrasen, die dann wieder über die totale Exstase in furiose Kadenzen münden. Die Kunst des Pianisten ist es freilich, in dieser abwechslungsreichen Landschaft zu überleben. Gerstein gibt sich als Abenteurer, der keine neuen Wege scheut. Geschickt gelingt das Weichzeichnen von kantigen Gebirgsstrichen in runde Flussmündungen und umgekehrt.

Die Tempowahl des Pianisten gestaltet sich an diesem Abend als sehr frei. Und da muss man Bychkov wirklich loben! Solisten und Orchester präzise zusammenzuführen war wahrlich kein Kinderspiel. Bychkov brilliert. Und weil Bychkov brilliert, brillieren alle!

In den Solopassagen verlässt Gerstein schließlich endgültig den sicheren Weg. Mit virtuosen Klavierläufen, deren Einzelnoten er in Windeseile unfassbar viel Ausdruck verleiht, tänzelt er auf besagten Abenteurerpfaden einen steilen Abhang hinunter, um sich anschließend in schwindelerregende Höhen aufzuschwingen.

Der Höhepunkt ist dann der zweite Satz. Beinahe schlafwandelnd gleitet Gerstein durch die einzelnen Melodiephrasen. Er lässt sich im sanft dahinwiegenden Fluss treiben, den Bychkow und die Münchner Philharmoniker in weichen Aquarelltönen vorzeichnen. Am Ufer wachsen farbenfrohe Orchideen, die ihre Blüten gen Mondlicht strecken. Pianissimo! Präzision! Einen Schlafwandler aufzuwecken, ist gefährlich. Aber Gerstein erwacht nicht. Er treibt weiter durch ein musikalisches Zauberland.

Auch wenn Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert in sehr vielen renommierten Konzerthäusern auf der Welt auf absolutem Topniveau zu hören ist, bleibt einem dieser Abend in ganz besonderer Erinnerung. Weil alle Beteiligten dem Werk im Einklang eine surrealistische, mystische Note verleihen, die nur schwer zu greifen ist. Weil neue Wege beschritten werden und weil Bychkov dem Werk eine exzellente Eigendynamik verleiht. Bravo, Bravo, Bravo!

Nach der Pause gehört die Bühne dann allein Bychkov und den Münchner Philharmonikern. Mit der Symphonie fantastique von Hector Berlioz gelingt den Konzertplanern ein exzellenter Coup. Die beinahe auch schon als Programmmusik zu bezeichnende Atmosphäre des ersten Teils setzt sich nahtlos fort. Berlioz lebt von einer gestenreichen, aber dennoch filigranen Wiedergabe. Bychkov gelingt dies freilich, aber im Vergleich zu Tschaikowsky fehlt hier nicht nur Authentizität, sondern auch Spontaneität.

Bychkovs Interpretation wirkt auswendig gelernt und ansatzweise unverstanden. Im Gegensatz zum ersten Teil werden hier keine neue Wege beschritten und der Musik auch einmal unkontrolliert ihren Lauf gelassen. Alte Karajanisten vermissen an diesem Abend wohl die für sie so wichtig erscheinenden feingestrichenen Formkurven. Crescendi werden teilweise unnatürlich breitgezogen, das Resultat ist ein trübes Motivverwaschen. „Nelsonsnisten“ hingegen müssen auf Dynamik und Abenteuer verzichten. Die Berliner Fachpresse kritisierte Nelsons bei ebendiesem Werk einmal für seinen „Freiwild-Gestaltungswillen“. Ein bisschen mehr Freiwild hätte Bychkov an diesem Abend aber gut getan!

Die „Szene auf dem Land“ ist dann dennoch nah an der Perfektion – zu nah an der Perfektion! Bychkov gibt sich gewohnt souverän. Das Orchester spielt präzise zusammen, jede Phrasierung im Notentext wird beachtet. Ein blitzsauberer Vortrag. Aber ein unechter Vortrag, der zu gestellt wirkt, um emotional berühren zu können. Schade!

Das Publikum feiert Bychkov und das Orchester dennoch. Und das völlig zu recht. Ein gelungener Abend mit einem Pianisten, den keiner auf der Bühne erwartet hatte. Gerstein tat sich in Abwesenheit des alten Meisters Thibaudet als hochgradig talentierter Zauberlehrling hervor. Die Geister sollten an diesem Abend nur nach seinem Willen leben.

Da verwundert es kaum, dass mancher Konzertbesucher diesen fantastischen Abend anschließend am Ufer der nahegelegenen Isar bei mystischer Atmosphäre und einem Glas Rotwein noch einmal Revue passieren ließ. Vielleicht ja in der Hoffnung, der schlafwandelnde Gerstein treibe vorbei. Zauberhaft!

Raphael Eckardt, 27. Juni 2017
klassik-begeistert.de

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