Frauenliebe und -leben, Szene aus Schumanns Acht Liedern © Erik Berg
„Frauenliebe und -sterben“ – Drei Operneinakter von Robert Schumann, Béla Bartók und Alexander Zemlinsky
Drei Meisterwerke – zwei Jahrhunderte – eine Erzählung
Der Intendant der Hamburgischen Staatsoper Tobias Kratzer wagt sich an die selten zu hörenden Acht Lieder „Frauenliebe und -leben“ von Robert Schumann und an die bereits in 2024 in Oslo von ihm realisierte Kombination mit „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók und „Eine florentinische Tragödie“ von Alexander Zemlinsky – und stellte die Frage nach den Unterschieden der Begierden und der Rolle des Mannes über die Generationen hinweg.
Hamburgische Staatsoper, Premiere am 12. April 2026
von Patrik Klein
Nach dem erfolgreichen Beginn der aktuellen Saison mit Schumanns „Das Paradies und die Peri“, ebenfalls inszeniert vom neuen Intendanten Tobias Kratzer, knüpfte die gestrige Premiere der Übernahme aus Oslo aus 2024 an dieses Ereignis nahtlos an.
Man gönnte sich zudem in Hamburg den Luxus bei Robert Schumanns Liederkost, die Sopranistin und den Pianisten gleich viermal zu besetzen mit jeweils zwei Auftritten in der folgenden Aufführungsserie. Die Premierenbesucher hatten das besondere Vergnügen, die renommierte amerikanische Mezzosopranistin Kate Lindsey erleben zu dürfen, die die Partie vorzüglich mit deutlichen Variationen in Artikulation, Dynamik und Betonung beherrschte und die Entwicklung der emotionalen Reife über acht Stationen hinweg, von der ersten mädchenhaften Schwärmerei bis hin zur tiefen Trauer der Witwe, mit Bravour darstellte. Zu ihrer Seite, oder sagen wir besser mit ihrem gleichberechtigten Partner Éric le Sage am Klavier, gelang eine äußerst schlüssige Harmonie, bei der die Klavierparts als Teil der Erzählung zu begreifen waren. Alleine wegen der beiden lohnte sich der Besuch der Neuproduktion bereits bis hierher.
Bei Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ wurde das Orchester zum eigentlichen Hauptdarsteller als es sich nach Ende des ersten Teils im Stockdunklen in den Graben schlich und Judiths Emotionen und Blaubarts Innenwelt facettenreich spiegelte.
Die Musik des stark aufspielenden Orchesters unter der Leitung der US-amerikanischen Dirigentin Karina Canellakis splittete sich auf zwischen schwelgerischer Klangmalerei und aggressiven, dissonanten Ballungen und machte so die Spannung zwischen Licht und Dunkelheit sowie die tiefenpsychologische Dimension des Werks hörbar.
Annika Schlichts Interpretation ihrer Rolle als Judith gelang eine Entwicklung von anfänglicher Liebe und Neugier über wachsende Besessenheit bis hin zur finalen Erkenntnis. Sie trieb die Handlung durch ihr Drängen voran. Trotz der zum Teil aggressiven Klangballungen des Orchesters sang das neue Ensemblemitglied der Staatsoper textverständlich und ausdrucksstark.
Der dänische Bass-Bariton Johan Reuter fand als Blaubart eine gediegene Balance zwischen Melancholie, Düsternis und einer furchterregenden Gefährlichkeit.

Hochdramatische Wucht und subtile psychologische Differenzierung überschrieb dann musikalisch Zemlinskys Oper „Eine florentinische Tragödie„. Den Sängern gelang es, gegen den massiven, rauschhaft überwältigenden Orchesterklang zu bestehen, ohne die Textverständlichkeit zu vernachlässigen.
Auch hier fungierte Johan Reuter als der Dreh- und Angelpunkt der Oper und füllte die Rolle des Simones mit profunder Klangpracht aus. Er gestaltete mit viel Kontrast zwischen einem großen, kernigen Klang in den Wutausbrüchen und einer verführerischen Schlichtheit in den leisen Momenten.
Zu seiner Seite stand mit der kanadischen Sopranistin Ambur Braid, die noch vor Kurzem mit einer starken Salome an der Staatsoper glänzte eine Verkörperung der Bianca der Extraklasse. Sie gestaltete mit einer Mischung aus Distanz und spontaner Leidenschaft, Farbenreichtum statt reiner Lautstärke sowie einer authentisch expressionistischen Gesamthaltung. Ihre Gefühle wurden häufig ungefiltert und mit extremer Intensität in die Gesangslinie übertragen.
Thomas Blondelle sang seine Rolle des Guidos mit heller Strahlkraft und vielen Farben und machte so den emotionalen Hochmut und die Leidenschaft des Prinzen deutlich. Der Tenor sang differenziert sowohl die Eleganz des Adligen als auch schließlich die Angst im finalen Duell.
Szenisch gelang es Tobias Kratzer mit seinem Team die drei Werke „unter einen Hut“ zu bekommen und viel Spannung zu erzeugen. Die Emotionen und Eitelkeiten der handelnden Personen spielten in einem Einheitsbild in den hochherrschaftlichen Räumen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Zentrale Elemente waren der Mann und das Verhältnis der Geschlechter zueinander in allen drei Teilen dargestellt durch den Schauspieler/Sänger des Gegenspielers bei Schumann, des Blaubarts und des Simones und jeweils deren Partnerinnen. An der Bühnenrampe stand zuerst ein Sofa, dann ein Bett und schließlich ein Doppelbett, welches die Bezüge zur aktuellen Zeit herstellten. Der Flügel fungierte als zentrales Element in der Bühnenmitte. Tobias Kratzers Team fand klare Bilder der jeweiligen Zeit mit einer Ästhetik, die an große Ausstattungsoper erinnerte.
Von der hingebungsvollen Unterwürfigkeit einer Gebärmaschine in Richtung des Gatten im ersten Teil, über die körperliche Dominanz des Herrschers bei Blaubarts Burg bis hin zur eskalierenden Dreiecksbeziehung im letzten Teil wurde mit klugen Mitteln das Verhältnis zwischen den Geschlechtern durchleuchtet.

Der Schluss blieb offen und man stellte sich die Frage, ob trotz der modernsten Rollenverständnisse angesichts einer Vielzahl an Femiziden und immer stärker in den Fokus geratenden Demagogen in der heutigen Zeit, der Mann sich wirklich weiter entwickelt hat oder hoffnungslos verloren schien. Man musste unweigerlich an Schillers „Don Carlos“ denken, der 1787 im damaligen Opernhof am Gänsemarkt uraufgeführt wurde und moderner denn je auch in heutiger Zeit genau diese Verhältnisse beschrieb.
Das Publikum im gut besuchten aber nicht ausverkauften Haus würdigte den Abend mit viel Applaus vor allem für das Orchester und die Solisten.
Patrik Klein, 12. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Hamburgische Staatsoper, Premiere am 12. April 2026
Robert Schumann: Frauenliebe und -leben
Sängerin: Kate Lindsey
Klavier: Éric le Sage
Béla Bartók: Herzog Blaubarts Burg
Blaubart: Johan Reuter
Judith: Annika Schlicht
Alexander Zemlinsky: Eine florentinische Tragödie
Simone: Johan Reuter
Bianca: Ambur Braid
Guido: Thomas Blondelle
Musikalische Leitung: Karina Canellakis
Inszenierung: Tobias Kratzer
Bühnenbild: Rainer Sellmaier
Video: Manuel Braun
Licht: Michael Bauer
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Der klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg verbrachte, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein großes Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier nun auch regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit … aber immer mit großem Herzen!
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