Ein neuer Stern leuchtet am Himmel des Hamburger Balletts

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Charlotte Larzelere, Solistin  Hamburg Ballett, 15. April 2026

Charlotte Larzelere am 1. April 2026 beim Interview mit klassik-begeistert in der Bibliothek des Ballettzentrums Hamburg – John Neumeier (Foto: RW)

Interview mit Charlotte Larzelere, Solistin beim Hamburg Ballett

Was macht Charlotte Larzeleres spezielle Kunst aus? Beim ersten Auftreten auf der Bühne wirkt sie fast schüchtern, gewinnt aber, wenn sie anfängt zu tanzen, an Präsenz und Aura.

Wie sie als Natalia in Neumeiers Schwanensee ihre Arme stilvoll und mit Eleganz einsetzt, mit welcher fast luziden, dennoch straffen Haltung sie sich den Hebungen und Wendungen des Partners anvertraut oder sich, später am Schluss des Grand Pas de deux, bei den rückwärts gerichteten Arabesken leicht nach hinten beugt, ohne zu kippen, ist überaus fesselnd anzusehen. Ihre Mascha, eigentlich nur eine Nebenrolle in Neumeiers Möwe, gehört zu den eindrucksvollen Höhepunkten dieses Balletts. Sie berührte mit ihrer Darstellung der unglücklich Liebenden und imponiert im Pas de deux mit ihrem Partner mit harmonisch fließenden Bewegungen, die sich der Erdenschwere entziehen. Und wie Larzelere als Kleine Meerjungfrau mit außergewöhnlicher Armarbeit wellengleich durch die Luft gleitet, ist bewunderungswürdig umgesetzt. Und wie sie schließlich im vorletzten Pas de deux wieder nach oben in die Lüfte gehoben wird und sich glücklich ihrer uneingeschränkten Bewegungsfreiheit im angestammten Milieu, dem Meer, versicherte, berührt tief (Klassik-begeistert).

von Dr. Ralf Wegner

Charlotte Larzelere wurde 1998 in San Antonio, Texas, geboren. Ihre Ausbildung erhielt sie beim Houston Ballet und tanzte danach für ein Jahr beim Houston Ballet II. 2016 wechselte sie nach Hamburg zum Bundesjugendballett, 2018 übernahm sie John Neumeier in sein Hamburger Ensemble, 2023 wurde sie zur Solistin befördert. Im Februar 2026 erhielt sie zusammen mit ihrer Kollegin Olivia Betteridge den Dr.-Wilhelm-Oberdörffer-Preis für jüngere künstlerische Nachwuchskräfte.

 klassik-begeistert: Liebe Charlotte Larzelere, Sie wurden in einer der schönsten Städte der USA geboren, in San Antonio. Welche Beziehung haben Sie noch zu Ihrem Geburtsort?

Charlotte Larzelere: Ich wurde dort zwar geboren, aufgewachsen bin ich allerdings in Houston, Texas. Als ich vier Jahre alt war, zog meine Familie dorthin. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Steuerberater. Beide tanzten gern, aber nicht klassisch sondern im Westernstyle. Ich habe noch eine kleinere Schwester und einen 19-jährigen Bruder, die aber beide nicht wie ich im klassischen Ballett tanzen.

klassik-begeistert: Sie wurden in Houston zur Tänzerin ausgebildet und tanzten beim Houston Ballett II. Welcher Stil wurde dort gelehrt, war ihre Ausbildung vor allem dem klassischen Repertoire gewidmet?

Charlotte Larzelere: Meine Familie wohnte in der Nähe der Ballettschule des Houston Ballet. Mit vier Jahren hatte ich dort zunächst einmal die Woche für eine Stunde Ballett-Unterricht. Mit zehn durfte ich schließlich an einer Ballett-Aufführung teilnehmen. Das weckte meine Begeisterung für den Beruf einer Tänzerin und ich wurde Mitglied der Ballettschule. Als ich 18 war, wurde ich in die Compagnie II des Houston Ballet aufgenommen und blieb dort ein Jahr. Das Houston Ballet war von der Größe her etwa dem Hamburger Ballett vergleichbar. Es gab dort zwar keinen spezifischen Houston-Stil, aber die Orientierung war doch schon sehr klassisch. Die Arbeitsethik war sehr hoch, meiner Meinung nach war das Houston Ballet eines der besten Ballettensembles in den USA.

klassik-begeistert: Was hat Sie schließlich veranlasst, nach Europa zu kommen und sich beim Bundesjugendballett zu bewerben?

Charlotte Larzelere: Als ich beim Houston Ballet II tanzte, kamen Kevin Haigen und Marianne Kruuse nach Houston. Kevin fragte mich, ob ich nicht nach Hamburg kommen möchte. Ich sagte zunächst nein. Kevin rief mich dann einige Monate später an und bot mir einen Platz beim Bundesjugendballett an. Ich nahm dann an, auch um etwas anderes zu sehen und mich weiter zu entwickeln. Hamburg kannte ich auch schon, denn 2016 hatten wir schon von Houston aus in Kontakt mit der Hamburger Ballettschule gestanden. Ich hielt mich damals eine Woche in Hamburg auf.

Charlotte Larzelere mit Artem Prokopchuk beim Bundesjugendballett 2017 (Finale „MUTED“ von Sasha Riva. PKM Münsterlingen, Schweiz; San Giacomo, YouTube, Videostills)

klassik-begeistert: Können Sie uns von Ihrem Anfang in Hamburg und von Ihren Erfahrungen beim Bundesjugendballett berichten?

Charlotte Larzelere: Für meine Familie war es zunächst ein Schock, dass ich von Houston weg wollte. Sie haben mich aber schließlich verstanden. Mein Vater flog mit mir nach Hamburg. Ich hatte alles dabei, was man für einen Aufenthalt am anderen Ende der Welt benötigte. Wir wohnten zunächst für eine Woche in einem Hotel. Einen Monat später fand ich eine eigene Wohnung. Beim Bundesjugendballett durfte ich unter der Leitung von Kevin Haigen in sehr vielen Choreographien tanzen, auch wurde für mich häufig etwas Neues kreiert. Diese Zeit war ein guter Zwischenschritt für mich. Ich lernte sehr viel und habe oft und gern mit Artem Prokopchuk und Emiliano Torres getanzt. Das soziale Klima unter den acht Tänzerinnen und Tänzern des Bundesjugendballetts habe ich als sehr intim empfunden.

klassik-begeistert: Welchen besonderen Anforderungen standen Sie gegenüber, als sie in das Ensemble des Hamburg Balletts aufgenommen wurden? Und wie hat sich das von Houston unterschieden?

Charlotte Larzelere: Aufgrund meiner Erfahrungen beim Houston Ballet konnte ich mich ganz gut an die Hamburger Truppe anpassen. Von den Tänzern, die ich während der Zeit beim Bundesjugendballett kennen gelernt hatte, wurden auch noch Ricardo Urbina, Artem Prokopchuk und Emiliano Torres beim Hamburg Ballett engagiert. Beim Houston Ballet standen die technischen Anforderungen stärker als in Hamburg im Vordergrund, hier wurde mehr auf die darstellerisch-psychologischen Aspekte Wert gelegt. Ich habe in den ersten Jahren zu meiner Freude in vielen Neumeier-Balletten tanzen dürfen. Erwähnen möchte ich Anna Karenina, Kameliendame, Romeo und Julia und Nijinsky. Das hat mich sehr glücklich gemacht. Zu meiner eigenen Überraschung wurde ich 2023 zur Solistin befördert.

klassik-begeistert: Wenn ich mich an Ihre Rollen erinnere, fallen mir vor allem die Natalia im Schwanensee mit den schwierigen Fouettés, die Mascha in der Möwe und zuletzt die kleine Meerjungfrau ein. Vor allem die kleine Rolle der Mascha haben Sie mit einer von Innen kommenden Kraft ausgestattet, die tiefen Eindruck hinterließ. Können Sie etwas zu diesen Rollen und ihrer Interpretation sagen? Wieviel Einfluss hatten Sie darauf?

Charlotte Larzelere als Natalia in John Neumeiers Schwanensee, 16. Februar 2023, rechts mit Louis Musin, 2. Februar 2024 (Foto: RW)

Charlotte Larzelere: Durch die Proben erlerne ich die Rolle soweit, das ich auf der Bühne keine Schwierigkeiten mehr habe. Dennoch leide ich noch oft an Lampenfieber und selbst auf der Bühne klopft mir das Herz bis zum Hals. Die Natalia ist technisch schon schwierig, was die Schritte betrifft. Die Fouettés werden von den Tänzerinnen unterschiedlich getanzt, mal einzeln geschlagen oder zwischendurch gedreht. Das kann auch bei mir von Vorstellung zu Vorstellung wechseln. Wichtig ist die Ausdauer bei solchen Rollen, dafür muss ständig trainiert werden. Über die darstellerische Intensität, die nach außen wirkt, kann ich wenig sagen. Es ist vieles, was aus meiner Persönlichkeit kommt. Ich identifiziere mich mit der jeweiligen Rolle sehr stark.

Charlotte Larzelere als Mascha in John Neumeiers Die Möwe mit Javier Monreal, 25. September 2025, sowie einen Monat später als Kleine Meerjungfrau in John Neumeiers gleichnamigem Ballett, 31. Oktober 2025 (Foto: RW)

klassik-begeistert: Welche Rolle würden Sie gern hier auf der Bühne tanzen?

Charlotte Larzelere: Am liebsten würde ich den letzten Pas de deux aus John Neumeiers III. Sinfonie von Gustav Mahler tanzen. Mein Traum sind natürlich auch die Marguerite in der Kameliendame und immer noch die Natalia im Schwanensee. Das sind natürlich auch Traumrollen aller anderen Tänzerinnen. Die Nr. 1 wäre bei mir aber der Pas de deux in Mahlers III. Sinfonie.

klassik-begeistert: Bei den Pas de deux werden Sie als Tänzerin häufig sehr hoch gehoben. Fürchtet man da nicht, herabzufallen? Was muss der Tanzpartner besitzen, damit Sie sich ihm ganz furchtlos anvertrauen können?

Charlotte Larzelere: Als Kind hatte ich vor der Höhe ganz große Angst. Mit der Erfahrung und vor allem dem Vertrauen zum Partner nimmt diese aber ab. Mittlerweile kann ich mich in der Höhe ganz entspannt geben.

klassik-begeistert: Wie gestaltet sich Ihr Leben in Hamburg außerhalb des Balletts?

Charlotte Larzelere: Ich koche gern. Und ich liebe das Lernen. Später möchte ich gern Kurse an der Universität belegen und auf einen Universitätsabschluss zuarbeiten. Ich unterhalte mich auch gern auf Spanisch. Das war in der Schule in Houston meine erste Fremdsprache.

Charlotte Larzelere (vorn Mitte) bei einem Senatsempfang für John Neumeier im Hamburger Rathaus am 11. Juni 2023, links von ihr Artem Prokopchuk, rechts Silvia Azzoni, dahinter in der Mitte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und John Neumeier (Foto: RW)

klassik-begeistert: Was gefällt Ihnen hier besonders und was mögen Sie nicht so gern?

Charlotte Larzelere: Hamburg fühlt sich für mich wie eine große kleine Stadt an. Anders als in Houston ist hier alles mehr in der Nähe und fußläufig erreichbar. Ich liebe Hamburg, hier bin ich erwachsen geworden.

klassik begeistert: Liebe Charlotte Larzelere, wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.

Dr. Ralf Wegner, 15. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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