Ladas Klassikwelt 16: Mendelssohns Engelsterzett als Leitmotiv in einer Krimigeschichte

Ladas Klassikwelt 16  klassik-begeistert.de

Foto: © ARD/TMG/Chris Hirschhäuser

Das Engelsterzett erklingt in dieser Folge insgesamt sechs Mal. Ich frage mich, wem die Engel diesmal helfen sollten. Dem Pfarrer, der in einen Mord verwickelt ist? Dem lokalen Polizeichef, der sich so verhält, als ob er todkrank wäre? Dem Apotheker, der bei Euthanasie hilft? Oder vielleicht den beiden Titelhelden, die wie immer viel Verwirrung in der Ermittlungsführung stiften? Oder letztendlich dem Mörder, um ihn vor dem heiligen Zorn zu schützen?

von Jolanta Lada Zielke

Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy ist eines der am häufigsten aufgeführten Oratorienwerke. Einige seiner Sätze wie das Doppelquartett „Denn er hat seinen Engel befohlen über dir“ oder das Engelsterzett „Hebe deine Augen auf“ kennt man als einzelne Stücke. Ich selbst habe sie einmal bei einem Konzert in kleiner Besetzung und einige Male bei Hochzeiten und Taufen gesungen. Der Inhalt dieser Stücke passt zu beiden Gelegenheiten; die Engel bewachen sowohl die frisch verheirateten Ehepartner als auch neugeborene Kinder. Vor ungefähr zwei Jahren bin ich auf eine interessante Verwendung des Engelsterzetts gestoßen.

An manchen Mittwochabenden sehe ich im Ersten vor der Tagesschau die Krimiserien an, um mich zu entspannen. Sie sind nicht besonders anspruchsvoll, aber man kann ein bisschen darüber lachen, wie zum Beispiel bei „Hubert und Staller“ mit Christian Tramitz und Helmfried von Lüttichau.

Eines Mittwochs saß ich müde mit einer Tasse Tee vor dem Fernseher, als gerade die Episode „Heiliger Zorn“ lief. Sie spielte in den Kreisen der Pfarrkirche in Wolfratshausen, wo ein Mord geschah. Auf dem Bildschirm erschien eine Aufnahme von sechs Frauen, die vor dem Altar standen und unter der Leitung eines Dirigenten „Hebe deine Augen auf“ sangen. Plötzlich ließ ich die Tasse fast fallen. In den singenden Damen erkannte ich nämlich meine ehemaligen Freundinnen vom Münchener Bachchor, in dem ich fast vier Jahre lang gesungen habe. Was für eine Überraschung, dachte ich. Später fragte ich eine von ihnen per Email: „Seid ihr das wirklich gewesen?“, und erhielt die Antwort: „Ja, das waren wir, die gesungen haben, und mein Mann [ein Bass vom Münchener Bachchor] hat dirigiert.“

Das Engelsterzett erklingt in dieser Folge insgesamt sechs Mal. Ich frage mich, wem die Engel diesmal helfen sollten. Dem Pfarrer, der in einen Mord verwickelt ist? Dem lokalen Polizeichef, der sich so verhält, als ob er todkrank wäre? Dem Apotheker, der bei Euthanasie hilft? Oder vielleicht den beiden Titelhelden, die wie immer viel Verwirrung in der Ermittlungsführung stiften? Oder letztendlich dem Mörder, um ihn vor dem heiligen Zorn zu schützen?

Im Laufe der Episode wird das Stück fragmentarisch gespielt, meist als Hintergrund für die präsentierten Ereignisse, wenn die Charaktere tiefe Gespräche über wichtige Dinge führen. Erst beim fünften Mal wird es vollständig gesungen und zwar in einer Szene in der Kirche. Staller ist der einzige, der das Singen des Damenensembles genießt und positiv kommentiert. Hubert und der Pfarrer, die in die Diskussion über das Geheimnis der Beichte vertieft sind, scheinen die Schönheit dieser Musik und ihrer Aufführung nicht zu bemerken.

Zum letzten Mal ist das Terzett in der Schlussszene zu hören, als der entlarvte Verbrecher versucht, den Polizisten zu entkommen. Staller schießt hinter ihm aus seiner Waffe in die Luft. In dem Moment fällt ein Blitz von oben, der den Täter auf der Stelle trifft. Auf diese Weise wird der „heilige Zorn“ in die Geschichte eingebracht. Der Engelgesang über die Gotteshilfe wird in diesem Zusammenhang ironisch.

Ich war sehr stolz auf die Teilnahme meiner ehemaligen Mitsängerinnen an diesem Film und erzählte einigen Leuten aus meinem derzeitigen Chor davon. Sie schienen nicht sehr beeindruckt zu sein.

„Hubert und Staller“?, runzelte jemand die Stirn, „das ist doch albern!“

Es bleibt die Frage, was Mendelssohn zu der Verwendung eines seiner schönsten Stücke in einer Krimigeschichte gesagt hätte. Vielleicht würde er von heiliger Empörung überwältigt?

Jolanta Lada Zielke, 26. Januar 2020, für
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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Dreißigern.

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