Ladas Klassikwelt 71: Der Oma von der Bühne winken – oder ein Chor-Savoir-vivre nach dem Auftritt

Ladas Klassikwelt 71: Der Oma von der Bühne winken – oder ein Chor-Savoir-vivre nach dem Auftritt

Klassik-begeistert-Autorin Jolanta Łada-Zielke singt Brahms’ Requiem. Foto: Joanna Stich

„Unmittelbar nach dem Konzert, während der Ovation, fingen unsere Gastgeber an, einfach miteinander zu plaudern. Einer der Tenöre rief sogar aus: „Ach, meine Oma sitzt da!“ Dann winkte er Richtung Publikum.“

von Jolanta Łada-Zielke

Die letzten Töne des Stücks sind gerade verklungen und nach ein paar Sekunden der Stille beginnt das Publikum zu applaudieren. Der Dirigent wendet sich an die Zuschauer und verbeugt sich vor ihnen; dann – wenn das Konzert mit einem Orchester stattfand – reicht er dem Konzertmeister die Hand und zeigt auf die Musiker, die die Solopartien gespielt haben. Natürlich weist er oder sie auch auf die Solisten und den Chor hin. Der Applaus ist manchmal kürzer, manchmal länger, und falls das Konzert gefallen hat, fordert das Publikum eine Zugabe. Wenn die ersten Zuschauer hinausgehen, ist dies ein Signal für die Musiker, die Bühne Schritt für Schritt zu verlassen.

Wie soll sich ein Chor während des Applauses verhalten? Für einige bedeutet das Ende des Konzerts eine Entspannung. Jemand hat das überwältigende Bedürfnis, eine Bemerkung mit seinem Nachbarn zu teilen. Jemand anderes bemerkt einen Verwandten oder Freund unter den Zuschauern und winkt ihm zu. Nach dem Konzert kommen die Leute aus dem Publikum zu uns und sagen: Wenn Sie einen professionellen Eindruck machen wollen, dann ertragen Sie den Applaus bis zum Ende; stehen Sie aufrecht, reden Sie nicht miteinander und machen Sie keine privaten Gesten, weil ein solches Benehmen ihr Erscheinungsbild beeinträchtigt.

Manche Sänger nehmen es sich zu Herzen und verhalten sich ab dem nächsten Mal richtig. Es stellt sich jedoch heraus, dass solche Regeln für einige professionelle (sic!) Chöre nicht gelten. Einmal trat unser Chor mit einem professionellen Ensemble zusammen auf. Dieses bezahlte uns für die Teilnahme an diesem Projekt. Unmittelbar nach dem Konzert, während der Ovation, fingen unsere Gastgeber an, einfach miteinander zu plaudern. Einer der Tenöre rief sogar aus: „Ach, meine Oma sitzt da!“ Dann winkte er Richtung Publikum.

Ein anderes Mal haben wir in der Elbphilharmonie das Brahms-Requiem mit demselben professionellen Chor und unter gleichen Bedingungen aufgeführt. Damals haben wir sie eingeladen. Wie Sie wissen, gibt es im vorletzten Satz des Stücks eine gewisse „Falle“ für die Chorsänger. Die Phrase „Herr Du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft“ läuft einige Male nach oben und fällt dann plötzlich im 341. Takt um eine None nach unten, es kommt ein Ritardando und die Dynamik wechselt ins Piano. Ein bemerkenswerter Moment. Eine der Gastsopranistinnen sang leider so unkonzentriert, dass sie an dieser Stelle oben blieb.

Das war aber nicht alles. In der Elbphilharmonie sind die Sitzplätze der Zuschauer rund um die Bühne angeordnet. Genau nach dem letzten Ton wandte sich eine andere der eingeladenen Frauen an ihre Bekannte, die in der ersten Reihe saß, um sich mit ihr zu verabreden. Ich habe mich damals gefragt, wem diese Damen den Ruf kaputt machen: ihrem eigenen Chor oder uns? „Kann man ihnen nicht was sagen?“, fragte ich eine Kollegin. „Nein, Jolanta, das sind doch unsere Gäste und sie finanzieren das ganze Projekt. Sei nicht so pingelig!“, antwortete sie.

Einige Zeit später erzählte ich meiner Freundin vom Münchener Bachchor davon. „Wir haben auch eine ähnliche Erfahrung gemacht“, antwortete sie lachend. „Auf der Konzertreise in Israel sangen wir Verdis Requiem mit einem Chor aus Tel Aviv. Nach dem Konzert rief einer der lokalen Sänger genau das Gleiche: „Meine Oma sitzt da!“ Und er winkte ihr zu. Aber wir waren dort als Gäste, es wäre nicht richtig, uns zu beschweren und unfreundlich zu sein.

Lassen wir das die Leser selbst beurteilen. Jedenfalls  bleibt die Bühne eine andere Ebene, auf der man kein Privatmensch mehr ist.

Jolanta Łada-Zielke, 10. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Jolanta Łada-Zielke, 49, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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