Ladas Klassikwelt 76: Lichtspiele und Leitmotive

Ladas Klassikwelt 76: Lichtspiele und Leitmotive

Buchbesprechung: „Das Rheingold. Die Oper von Richard Wagner“ 

von Jolanta Łada-Zielke

Es wird noch etwas dauern, bis wir den ganzen  „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth wieder sehen können. Dieses Jahr, aufgrund der anhaltenden Pandemie, müssen sich die Festivalgäste mit einer Konzertaufführung der „Walküre“ begnügen, die von dem Aktionskünstler Hermann Nitsch gestaltet wird.  Man kann aber Schulkinder schon auf die spätere Rezeption von Richard Wagners Gesamtwerk vorbereiten, indem man ihnen die Lektüre des Buches über „Das Rheingold“ von Rudolf Herfurtner (Text) und Anette Bley (Illustrationen) empfiehlt. Dieses musikalische Bilderbuch mit CD wurde von dem Ueberreuter-Annette-Betz-Verlag veröffentlicht.

Das erste Bild zeigt das Theater in Bayreuth, um das Festspielgäste in historischen Kostümen sowie die Figuren aus der Oper herumstehen. Ein grüner Drache bedeckt mit seinem Körper die gesamte Überdachung; könnte dies eine Anspielung auf das grüne Dach des Festspielhauses sein? Vor dem Eingang stehen Richard Wagner und König Ludwig II. von Bayern. Über die finanzielle Hilfe, die der König den Festspielen gewährte, steht jedoch kein Wort im Text. Vielleicht ist der Geldaspekt für kleine Leser zu schwierig.

Stattdessen kommen am Anfang der Geschichte andere Zahlen: Der gesamte „Ring des Nibelungen“ dauert gute 16 Stunden, braucht über 100 Musiker und 34 Gesangssolisten für die Besetzung. Wagner arbeitete fast 30 Jahre an diesem Werk. 1876 kam es zu seiner Uraufführung, die vier Tage dauerte. Dann stellt Rudolf Herfurtner alle Charaktere des „Rheingolds“ vor. Viel Platz widmet er Loge, dem einzigen, der weiß, wie fatal die Aneignung des Rings des Nibelungen durch die Götter sein kann. Der Autor beschreibt den Feuergott als ein listiges und schlaues Wesen: „Er dient den Göttern als Bote und muss ihnen berichten, was so passiert in der Welt. Er beobachtet auch, wie alles anfängt, tief unten am Grunde des Rheins.“

Am Anfang der Oper herrscht die Dunkelheit auf der Bühne und man hört nur die Kontrabässe: „Sie haben ihre tiefste Saite noch einmal einen halben Ton nach unten gestimmt. Das ist das große Es- der tiefste Ton, den es im Orchester gibt“. Dazu kommen andere Instrumente: das Fagott, die Hörner und die Geigen, die die Wellen imitieren. Der Autor schildert den emotionalen Zustand von Alberich während der Auseinandersetzung mit Woglinde, Wellgunde und Floßhilde: „Er ist sehr verliebt, aber auch sehr wütend. Und beides zusammen ist sehr, sehr gefährlich“.

Die Musik reflektiert alle Lichtveränderungen während der Bühnenaktion. „Inzwischen ist die Sonne über die Uferberge gestiegen und ihre Strahlen treffen die Spitze des Felsens unter Wasser, der gleich golden glänzend aufleuchtet.“ Während die Rheintöchter Alberich mehr und mehr ärgern, werden die Töne immer bedrohlicher. Als Loge auftaucht, hört man die Musik „wie züngelnde Flammen“. Die Kontrabässe widerspiegeln das Grummeln von Fasolt und Fafner.

Herfurtner deutet auf die unterschiedlichen Motivationen der einzelnen Riesen hin: Fasolt ist in Freia verliebt und Fafner will nur ihre goldenen Äpfel haben. Als die Riesen Freia entführen, ändert sich die Stimmung dramatisch: „Auf die mächtigen Götter hat sich plötzlich ein fahler Nebel gesenkt. Sie sehen alt aus, weil sie heute noch nichts von Freias Äpfeln gegessen haben“. Die zwei Sätze beeinflussen stark die Vorstellungskraft des Lesers. Der Nebel löst sich ein bisschen auf, wenn Wotan und Loge mit dem gefangenen Alberich zurückkehren, aber er verschwindet vollständig erst nach dem Gewitter, das Donner und Froh verursacht haben. Erdas Auftritt wird von blauen Lichtreflexen in der Dunkelheit begleitet.

In dem letzten Fragment erwähnt Herfurtner die nächsten Teile des „Rings“, die ebenso musikalisch angedeutet werden: „So taucht am Schluss, wenn Wotan seine Burg besingt, plötzlich ein Motiv auf, das noch nie zuvor da war: Es ist das Schwertmotiv und es zeigt, dass Wotan in diesem Augenblick an Siegmund und dessen Sohn Siegfried denkt, die erst im nächsten und übernächsten Teil der Oper auftauchen werden“.

Man empfiehlt das Buch über Wagners „Rheingold“ Kindern ab 5 Jahren. Die Zusammenstellung weiterer Teile aus dem „Ring des Nibelungen“ für die jüngsten Leser muss jedoch eine echte Herausforderung sein. Denn wie soll man ihnen Inzest, Verrat und einen Mord nach dem anderen erklären?

Der Autor beleuchtet den ersten Teil des „Rings“ in technischer und spieltechnischer Hinsicht ausreichend. Es gibt dort nämlich keine Arien, die Figuren reden singend, allein oder miteinander, und fast nie singen zwei gleichzeitig. „Dass das Riesenwerk trotzdem nicht auseinanderfällt, liegt an der Musik“, so Herfurtner. Dann spricht er sich ausführlich über die Leitmotive aus: „Jede Figur hat eine eigene, kleine Melodie, auch der Fluss Rhein, die Burg, das Gold, der Ring, die Riesen, die Schmiede, der Tarnhelm und der Drache.“

Ich würde vorschlagen, dass Kinder dieses Buch in Begleitung eines Erwachsenen kennenlernen, der sich mit Wagners Tetralogie gut auskennt und viele Bilder begreiflich machen könnte.

Die beigefügte CD enthält Mitschnitte vom „Rheingold“ aus einer Aufführung mit dem Staatsorchester Stuttgart und dem Vokalensemble der Staatsoper Stuttgart[1] unter der Leitung von Lothar Zagrosek. Die circa 65 Minuten dauernde Aufnahme wurde im Jahr 2020 im Studio „Wort Berlin“ gefertigt. Der Erzähler Dietmar Wunder imitiert die quietschende Stimme von Alberich und die lüsterne Sprachweise von Fasolt. In der musikalischen Ebene hört man deutlich das Hämmern, das Bauen eines Goldhügels sowie Mimes Schreie, als Alberich ihn schlägt: „Aua, aua!“

Diesmal war mein Assistent beim Testen des Buches der vierzehnjährige William. Die Geschichte hat ihm im Großen und Ganzen gut gefallen:

„Der Verlag und die Autoren punkten mit einem einfachen, aber dennoch nicht langweiligen Schreibstil. Insbesondere gefallen mir die Illustrationen. Das einzige, was ich hier zu bemängeln habe, ist wie die Vergleiche zwischen der Realität und der Oper gemacht werden. Dieses könnte bei kleinen Kindern zu Missverständnissen führen. Siehe: >> Er merkt nicht, dass Loge den alten Trick aus dem Märchen vom Gestiefelten Kater anwendet[2].  

Genauso wie das Buch gefällt mir auch die CD sehr gut; wunderschöne Musik und gute Erzählung. Doch würde ich die CD aufgrund der Länge nur an etwas ältere LeserInnen weiterempfehlen. Für die ist es aber eine schöne Reise des Hörers.“

Jolanta Łada-Zielke, 28. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at


Titel: Das Rheingold
Autor/en: Rudolf Herfurtner/Anette Bley
ISBN: 3219118658

[1] R. Bracht (Bass), M. Ejsing (Alt), P. Ens (Bass), H.R. Indridadóttir (Mezzo), M. Joswig (Mezzo), M. Kastoni (Bariton), R. Kunzli (Tenor), E.F. Lorenz (Tenor), W. Probst (Bariton), E. Ruuttunen (Bariton), B. Schneider (Tenor), M. Schuster (Mezzo), C. Smith (Sopran), M.T. Ulrich (Mezzo).

[2] Es geht um Alberich, den Loge auffordert, sich in einen Drachen und dann in eine Kröte zu verwandeln.


Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
Frau Lange hört zu (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.
Pathys Stehplatz (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Hauters Hauspost (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.

Radek, knapp (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Daniel Anti-Klassiker (c) erscheint jeden Freitag.
Dr. Spelzhaus Spezial (c) erscheint jeden zweiten Samstag.
Der Schlauberger (c) erscheint jeden Sonntag.
Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.
Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

Jolanta Łada-Zielke, Jahrgang 1971, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

Ladas Klassikwelt 75: Die Musik des Universums – Ein Besuch im Stanisław-Lem-Erlebnisgarten in Krakau

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.