Ladas Klassikwelt 8/2019: Richard Wagner, Papst Johannes Paul II. und das „Dritte-Mai-Lied“

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„Möchte Herr Grzybek päpstlicher als der Papst sein und ändert den Text eines der schönsten polnischen, patriotischen Lieder?“, fragte er belustigt. „Das geht ganz und gar nicht. Wir singen wieder von Anfang an, und es soll ,Lasst uns tanzen und Wein trinken‘ sein!“ Dann stellte sich Johannes Paul II. zwischen den Chorsängern auf und sang das ganze Lied von vorne mit.

von Jolanta Lada-Zielke

Welche Gemeinsamkeit hatten Richard Wagner und Papst Johannes Paul II.?

Beide schwärmten für ein polnisches patriotisches Lied – das sogenannte „Dritte-Mai-Lied“.

Das „Dritte-Mai-Lied“ stammt aus dem Jahre 1830 und erinnert an den 3. Mai 1791, als in Polen die erste demokratische Verfassung in Europa formuliert wurde. Es gehört zu den sogenannten Polenliedern, deren Geschichte mit der Niederlage des Novemberaufstands (1830-1831) in dem von Russen besetzten Teil Polens verbunden war. Die Erhebung Polens gegen den zaristischen Absolutismus gewann die Sympathie und Begeisterung ganz Europas. In der Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen gilt die Zeit nach der Niederlage (also ca. 1831-36) als die fruchtbarste Periode der gemeinsamen Dichtung. Damals entstanden viele Polenlieder mit Texten deutscher Dichter wie Julius Mosen, Karl von Holtei und Gustav Schwab.

Als in Polen der Novemberaufstand wütete, war der junge Richard Wagner Student an der Leipziger Universität. Er verbrachte jeden Abend in der Kintschy’schen Konditorei in der Klostergasse, wo es viele ausländische Zeitungen zu lesen gab. Die „Leipziger Zeitung“ berichtete damals sehr regelmäßig über den „polnisch-russischen Krieg“. Wagner suchte sowohl in diesen als auch in lokalen Blättern die Berichte über den Verlauf des Aufstands, freute sich über die anfänglichen Erfolge polnischer Truppen und die Niederlagen machten ihn traurig. In seiner Autobiographie schreibt er: „Die Belagerung und Einnahme Warschaus erlebte ich wie ein persönliches Unglück…“

Im Hause seines Schwagers Friedrich Brockhaus, der an der Spitze des Leipziger Polenkomitees stand, lernte der junge Wagner den polnischen Grafen Vinzenz Tyszkiewicz kennen und war von ihm fasziniert. Auch Tyszkiewicz fand Gefallen an dem begeisterten Musikstudenten und sie schlossen bald Freundschaft. Der Graf lud seinen jungen Freund zur Teilnahme an den Festlichkeiten ein, die zum Anlass des polnischen Nationalfeiertages stattfinden sollten. Neben dem Vorsitzenden des Leipziger Polenkomitees war Wagner dabei der einzige Deutsche. In seiner Autobiographie beschrieb er diesen Tag als einen „unvergesslich eindrucksvollen“. Mit großer Begeisterung hörte er polnischen Volksliedern zu und beobachtete, wie die Polen auf sie reagierten.

„Namentlich erweckte das schöne „Dritte-Mai-Lied“ einen erschütternden Enthusiasmus. Weinen und Jauchzen steigerten sich zu einem ungehörten Tumult, bis sich die Gruppen auf die Rasenplätze des Gartens verteilten und dort zerstreute Liebespaare bildeten, in deren schwelgerischem Liebesgespräche das unerschöpfliche Wort „ojczyzna“ – (Vaterland) die Losung war, bis endlich der Schleier eines großartigen Rausches alles in Nacht hüllte. Der Traum dieser Nacht bildete sich später in mir zu einer Orchesterkomposition in Ouvertürenform, mit dem Titel „Polonia“, aus.“

Das Mai-Lied-Motiv wiederholt sich in der Polonia-Ouvertüre dreimal. Natürlich kann man den künstlerischen Wert dieser Ouvertüre mit den späteren Meisterwerken Richard Wagners nicht vergleichen. Harmonisch bleibt das Stück in dem Einfluss von Beethoven, hat jedoch eine große emotionale Wirkung. Sie beginnt mit einem traurigen Adagio in c-Moll, wobei das musikalische Motiv an den „Fliegenden Holländer“ erinnert. Man kann sich dabei gut ein Schlachtfeld vorstellen. Darauf erklingt das Hauptmotiv, also das „Dritte-Mai-Lied“ im Rhythmus einer Mazurka.

Der deutsche Text des Liedes hatte viele Variationen, die sich in der Sammlung „Polenlieder deutscher Dichter“ (veröffentlicht in Krakau 1917) befinden. Der Autor des Textes ist unbekannt. Die ersten zwei Strophen lauten folgendermaßen:

Brüder, lasst uns geh‘n zusammen
In des Frühlings Blumenhaine
Lasset unsere Herzen flammen
Hier im innigen Vereine!
Lieber Mai, holder Mai
Winters Herrschaft ist vorbei!

Eine Hoffnung knüpft an’s Leben
Uns verbannte Polen wieder.
Unsre Freiheit zu erstreben,
Werden helfen deutsche Brüder
Gott verleih‘, dass es sei!
Dankfest dann dem neuen Mai!

Die polnische Version des Textes, verfasst von Roman Suchodolski, bezieht sich direkt auf den Tag der Formulierung der Verfassung – den 3. Mai 1791. So klingt diese frei ins Deutsche übersetzt:

Sei gegrüßt, du Maimorgenröte,
Lass dein Licht uns Polen bringen
und mit jeder Liedernote
Lass’t uns tanzen und Wein trinken
Dritter Mai, holder Mai,
Für uns Polen Himmelfrei.

Der päpstliche Chor sollte doch nicht „zu päpstlich“ sein…

Das Dritte-Mai-Lied befindet sich im Repertoire aller polnischen Chöre, u.a. auch des Akademischen Chors Organum von Krakau, der weltweit vor allem die Musik des polnischen Barocks, besonders die Werke des Komponisten Grzegorz Gerwazy Gorczycki aus Krakau präsentiert.

Mitgründer des Chors war der Kardinal Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II. Das Ensemble entstand 1969, also zu der Zeit, als die kommunistischen Behörden die öffentliche Aufführung religiöser Werke von Studenten nicht begrüßten. Die musikalische Leitung des Ensembles übernahm Bogusław Grzybek, Dirigent und Musikpädagoge, der auch als Organist in der Marienkirche in Krakau tätig war. Kardinal Wojtyła gab dem neuen Chor seinen Segen, eine gewisse Geldsumme, um die erste Konzertkleidung für Damen zu schaffen, und stellte ihn unter die Schirmherrschaft des Clubs der Katholischen Intelligenz in Krakau, der zu dieser Zeit eine Art Unangreifbarkeit genoss. Seit der Berufung von Kardinal Wojtyła zum Papst hat sich seine Bindung an den Chor Organum nicht aufgelöst, sondern sogar gefestigt.

„Wir waren in gewissem Sinne seine Favoriten, denn nach dem Ende der privaten Audienzen lud er uns in seine private Kapelle ein“, erinnern sich die ältesten Chormitglieder.

Sofort nach der Wahl des Papstes wurden am 17. Oktober 1978 um Mitternacht in fast allen Krakauer Kirchen Dankgottesdienste gefeiert. Bogusław Grzybek war zu der Zeit wegen einer Verletzung seines Ellbogens im Krankenhaus, wurde jedoch extra zur Marienkirche gebracht und dirigierte den Chor, obwohl eine seiner Hände im Gips war. Bei jedem Besuch des Heiligen Vaters in Krakau sang der Chor während der von ihm zelebrierten Messe.

Johannes Paul II. war ein großer Liebhaber und Kenner polnischer patriotischer Lieder. Bogusław Grzybek erzählt gerne von einem Besuch des Organum-Chores im Vatikan, am Feiertag 3. Mai, als der Chor ein Konzert zu diesem Anlass gab. Zum Programm gehörte obligatorisch das „Dritte-Mai-Lied“. Auf dem Weg nach Rom überlegte der Dirigent, dass der Papst ein Gegner des Alkoholmissbrauchs sei, deshalb dürfe man vor ihm nicht singen: „Lasst uns tanzen und Wein trinken.“ Also beschloss Grzybek, dass der Chor singt: „Lasst uns an die Heimat denken.“ Und die Sänger machten das so. Als der Papst diese verbesserte Version hörte, erhob er sich von seinem Stuhl.

„Möchte Herr Grzybek päpstlicher als der Papst sein und ändert den Text eines der schönsten polnischen, patriotischen Lieder?“, fragte er belustigt. „Das geht ganz und gar nicht. Wir singen wieder von Anfang an, und es soll ,Lasst uns tanzen und Wein trinken‘ sein!“

Dann stellte sich Johannes Paul II. zwischen den Chorsängern auf und sang das ganze Lied von vorne mit.

„Ich bin der erste und wahrscheinlich der einzige Dirigent, der jemals den Papst dirigiert hat“ – lacht Bogusław Grzybek, aber man kann sehen, dass ihn diese Geschichte immer noch berührt.

Und Richard Wagner? Zwar war seine jugendliche Sympathie für die kämpfenden Polen mit der Zeit vergangen, aber das „Dritte-Mai-Lied“ und seinen Text behielt er bis zum Ende seines Lebens im Gedächtnis. Der beste Beweis dafür ist sein Brief an König Ludwig II., genau am 3. Mai 1879 in Bayreuth geschrieben, in dem der Komponist mit dem Text des Liedes spielt:

Dritter Mai! Holder Mai!
Dir sei mein Lob gespendet:
Winters Herrschaft ist vorbei
Und Parsifal vollendet!

Jolanta Lada-Zielke, 25. November 2019, für
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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, wurde in Krakau geboren, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert, danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre in dem Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART im Bereich „Bayreuther Festspiele“ zusammen. 2003 hat sie ein Stipendium vom Goethe Institut Krakau bekommen. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Dreißigern.

Die Quellen:

  1. Karol Musioł, Wagner und Polen, Mühl’scher Universität Verlag Bayreuth, 1980, S. 16-21

  2. Wolfgang Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischer Charakters aus sechs Jahrhunderten, Band 2., Verlag das Europäische Buch Westberlin, 1979, S. 31-38

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