Die Uraufführung von Leon Gurvitchs „Echoes of Chagall“ in der Elbphilharmonie läßt niemanden unberührt

Leon Gurvitch, Echoes of Chagall  Elbphilharmonie, Kleiner Saal, Hamburg, 22. März 2026

Leon Gurvitch und Alexander Roslavets; Foto Patrik Klein

In Zeiten von Krieg und Verfolgung auf dem gesamten Globus stimmen die musikalischen Höhepunkte von Leon Gurvitch, Alexander Roslavets und dem Leon Gurvitch Ensemble das begeisterte Publikum zu Nachdenklichkeit, aber auch zu höchstem Musikgenuss

Leon Gurvitch
Echoes of Chagall

Elbphilharmonie, Kleiner Saal, Hamburg, 22. März 2026

von Patrik Klein

Häufig habe ich in den letzten Jahren über Leon Gurvitchs Musik berichtet, weil mich seine Musik immer wieder fasziniert und berührt. In Schubladen lässt er sich schwerlich stecken. Er ist Komponist, Pianist und Dirigent, liebt Schostakowitsch und Strawinsky ebenso wie Keith Jarrett und Astor Piazzolla, spielt Jazz, Klezmer, Filmmusik und Kunstlied. All diese Impulse fließen in seine kreative Arbeit ein.

Etwas ganz besonderes und nachdenklich Stimmendes war das zentrale Element des Konzerts in der Elbphilharmonie Hamburg. Zur Uraufführung kam ein Werk über den weißrussischen Maler Marc Chagall (1887 – 1985) basierend auf Texten des Landsmannes und Dichters David Simanovich (1932 – 2014).

Im Vorfeld des Konzertes hatte ich die Gelegenheit, bei einer Probe dieses Stückes anwesend zu sein und den beiden Protagonisten Leon Gurvitch und dem Bassisten Alexander Roslavets ein paar Fragen zu stellen, die mir spontan durch den Kopf gingen.

klassik-begeistert: Wie kam es vor über 15 Jahren zu der Idee, ein Werk über den Maler Marc Chagall und den belarussischen Dichter David Simanovich zu komponieren? Warum lagen die Noten so lange in der Schublade und kommen erst in Kürze in die Öffentlichkeit?

Leon Gurvitch: Die Idee, ein Werk über Marc Chagall zu schreiben, entstand eher spontan und auf einer intuitiven Ebene, nachdem ich die wunderbaren Gedichte von David Simanovich gelesen hatte. Beim Lesen wurden in mir erneut die Bilder Chagalls lebendig – ebenso wie die Atmosphäre jener Orte, an denen er geboren wurde und aus denen auch ich stamme. So entstand das Werk vor rund 15 Jahren.

Warum lagen die Noten so lange in der Schublade? Ich habe mehrere Werke, darunter auch dieses, die aus unterschiedlichen – möglicherweise ganz praktischen – Gründen nicht sofort zur Aufführung kamen. Das Stück ist für Bass und Klavier geschrieben und verlangt einen außergewöhnlich guten Interpreten sowie die Möglichkeit einer würdigen Premiere.

In den vergangenen fünfzehn Jahren bin ich immer wieder zu dem Werk zurückgekehrt, habe es überarbeitet und korrigiert. Doch erst als ich dem hervorragenden Bassisten Alexander Roslavets, Solist der Hamburgischen Staatsoper, begegnete und die Idee einer Uraufführung in der Elbphilharmonie entstand, fügte sich alles zu einer logischen Kette zusammen, die es nun ermöglicht, das Werk der Öffentlichkeit vorzustellen.

klassik-begeistert: Ich hatte das große Vergnügen eine erste Kostprobe des neuen Werkes „Echoes of Chagall“ zu erleben. Die intensive musikalische Auseinandersetzung mit Chagall und Simanovich hat mich mehr als beeindruckt. Wie ging es Dir mit der Vorlage von Leon und der ersten Berührung mit der Musik?

Alexander Roslavets: Die erste Begegnung mit diesem Werk war völlig ungeplant. Wir waren nach Weihnachten mit der Familie bei Leon zu Besuch, haben ein wenig musiziert, und er erzählte von seinem kompositorischen Schaffen. Ich fragte ihn, ob er auch Vokalmusik für Bass geschrieben habe. Er meinte, dass er nur sehr wenig für meine Stimmlage komponiert habe, zeigte mir jedoch den Zyklus „Echoes of Chagall“, den er bereits vor mehr als zehn Jahren geschrieben hatte.

Das Thema und die musikalische Sprache haben mich sofort angesprochen. Wie ich schon sagte, war es bei den ersten Proben nicht ganz einfach, das musikalische Material zu verinnerlichen – die Partitur ist anspruchsvoll und vielschichtig. Aber wir haben gemeinsam musiziert, ausprobiert, hineingefunden – und beschlossen, intensiv an „Echoes of Chagall“ weiterzuarbeiten.

Marc Chagall: Die Musikanten, 1907; Archiv Patrik Klein

klassik-begeistert: Was verbindet für Dich die beiden Künstler Chagall und Simanovich, dass es Dich zu einer Komposition bewogen hat? Wie ist das Spannungsdreieck Dichter, Maler und Komponist zu verstehen?

Leon Gurvitch: Chagall und Simanovich verbindet sehr viel. Beide wurden in Witebsk, Belarus, geboren. Nach dem Krieg setzte sich Simanovich mit großem Engagement für die Gründung eines Chagall-Museums ein und trug wesentlich dazu bei, das Andenken des Malers an seinem Geburtsort wieder lebendig werden zu lassen.

Durch seine Gedichte und durch die Verarbeitung der Tragödie des Krieges vermittelte Simanovich vieles von dem geistigen und historischen Erbe jener Zeit.

Das dreidimensionale Spannungsfeld zwischen Dichter, Maler und Komponist verstehe ich als eine unsichtbare Verbindung, die Künstler über Generationen hinweg miteinander verknüpft. Obwohl wir in unterschiedlichen Zeiten leben, verbindet uns ein innerer Faden. Als Komponist, der nach Chagall und Simanovich geboren wurde, schöpfe ich Inspiration aus ihren Bildern und Gedichten. Daraus entsteht Musik, die ich aus tiefstem Herzen schreibe – Musik, die Emotionen und seelische Zustände vielleicht noch unmittelbarer ausdrücken kann, indem sie Bilder und Worte in Klang verwandelt.

klassik-begeistert: Was ist für Dich das besonders Reizvolle an Text, Musik und Gestaltung?

Alexander Roslavets: In diesem Werk höre ich eine deutlich orchestrale Faktur (kunstgerechter Aufbau einer Komposition). Für mich trägt diese Musik bereits die Anlage zu einer Orchestrierung in sich – sie könnte sich durchaus zu einer großen symphonischen Form entwickeln, vielleicht sogar zu einer Symphonie, die im Geiste der Symphony No. 13 von Dmitri Schostakowitsch steht.

Die Texte von David Simanovich empfinde ich als geistig sehr nah an denen von Yevgeny Yevtushenko (russischer Dichter und Schriftsteller 1932 – 2017; Anmerkung klassik-begeistert) – sie besitzen eine existenzielle Tiefe, stellen Fragen, konfrontieren und bewegen. Für mich ist es eindeutig: Dieses Werk muss leben, es muss erklingen und weitergetragen werden.

klassik-begeistert: Chagall und Simanovich sind beide in Witebsk geboren, Chagall ging nach Paris und kehrte seiner Heimat den Rücken. Simanovich blieb in Belarus, beschäftigte sich intensiv mit Chagalls Jugend, der Architektur der Stadt und dem jüdischen Leben des frühen 20. Jahrhunderts. Wie findet diese Situation Ausdruck in Deinem neuen Werk, das am 22. März ’26 zur Uraufführung gelangen wird?

Leon Gurvitch: Mein Werk „Echoes of Chagall“ spiegelt die schwere und oft tragische Lebensgeschichte Chagalls und Simanovichs wider – ebenso wie das Schicksal vieler Menschen des 20. Jahrhunderts, die Krieg, Vertreibung und unermessliche Verluste erlitten haben.

Es thematisiert die Tragödie des jüdischen Volkes wie auch anderer Völker, die trotz allem überlebt haben.

Das Werk ist zutiefst dramatisch und von großer innerer Dichte. Es trägt eine vielschichtige Bedeutung in sich und versucht, die historische und menschliche Dimension jener Epoche musikalisch erfahrbar zu machen.

klassik-begeistert: Ich hatte den Eindruck, dass anders als bei klassischen Liedvorträgen der Pianist hier bei diesem Stück den Solisten nicht „begleitet“, sondern eine gewisse Selbstständigkeit und manchmal sogar bewusste „Reibung“ eingeflochten ist. Wie empfindest Du das als klassischer Liedsänger?

Alexander Roslavets: Ja, dieser Eindruck ist absolut zutreffend. Es ist tatsächlich eine Herausforderung – besonders in den ersten Proben war es nicht leicht. Ich habe jedoch viel zeitgenössische Musik gesungen, in der Orchester oder Klavier den Solisten nicht einfach begleiten, sondern eine eigenständige musikalische Linie verfolgen. Jeder hat gewissermaßen seine eigene Stimme im Gesamtgefüge.

Wenn ein solches Werk gut erarbeitet und wirklich „eingesungen“ ist, entstehen aus den Dissonanzen und Reibungen besondere Spannungsmomente – und diese bereiten dann sogar ein großes künstlerisches Vergnügen.

Marc Chagall: Mein Dorf, 1923; Archiv Patrik Klein

klassik-begeistert: Wie ist das Stück musikalisch strukturiert? Was sind die wesentlichen Formen und welche Wirkungen sind von Dir beabsichtigt?

Leon Gurvitch: Das Werk ist in vier Teile gegliedert, vertont werden vier Gedichte. Zwischen ihnen steht eine Postlude (musikalisches Schlussstück; Anmerkung klassik-begeistert), die zweimal wiederkehrt. Sie wirkt wie ein stiller Kommentar des singenden Basses: Mit geschlossenem Mund gestaltet er eine klangliche Geste des Schmerzes – beinahe wie ein imaginärer Chor, der das Geschehen reflektiert.

Der Klavierpart ist äußerst dicht gearbeitet und besitzt nahezu orchestrale Qualität. Ähnlich wie bei meinen „Heine-Liedern“ nach Gedichten von Heinrich Heine, die ich später orchestriert habe, ist auch hier eine spätere Orchestrierung denkbar. In seiner dramatischen Dimension ließe sich das Werk vielleicht sogar mit „Babiy Yar“ von Dmitri Schostakowitsch vergleichen.

klassik-begeistert: Welche Stelle des Werkes berührt Dich am meisten und warum?

Alexander Roslavets: Am meisten berührt mich der zweite Teil – „Selbst wirst du in die Dunkelheit des Vergessens sinken“. Dieser Abschnitt ist vergleichsweise melodisch und trägt deutlich die Handschrift von Leon Gurvitch. Die Solostimme entfaltet sich hier in einer klaren Linie, die – in dieser Fassung vom Klavier – sensibel getragen und zugleich strukturell gestützt wird.

Die kraftvollen Verse von David Simanovich stellen existenzielle Fragen und lassen den Hörer nicht unberührt. Gerade diese Verbindung aus Melodik, Tiefe und philosophischer Dimension macht diesen Teil für mich besonders eindrucksvoll.

klassik-begeistert: Das Werk braucht einen fantastisch gestaltenden Bass, der mit großer Kraft und emotionaler Tiefe die Noten zum Glühen bringt. In Alexander Roslavets hast Du einen Weltklassebass gefunden, der das schwer zu singende Stück in der Originalsprache Russisch perfekt interpretieren kann. Wie kam es zu der Verbindung und was ist Euch beiden besonders wichtig dem Publikum zu präsentieren?

Leon Gurvitch: Ich empfinde es als großes Glück, Alexander Roslavets begegnet zu sein. Er verfügt über eine außergewöhnliche Stimme – tief, kraftvoll und von großer Schönheit. Seit über einem Jahr arbeiten wir intensiv an diesem Werk, und ich sehe, mit welcher Hingabe und Energie er sich meiner Musik widmet. Das schätze ich sehr.

Nur wenn ein Sänger die Musik wirklich durchlebt, kann auch das Publikum ihre emotionale Tiefe erfassen.

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Der kleine Saal der Elbphilharmonie Hamburg war gefüllt bis auf den letzten Platz. Mittlerweile hat sich Leon Gurvitch und seine mit musizierenden Freunde einen festen Platz in Hamburgs Musikwelt erobert.

Der erste Teil des neuen Stückes über die Ehre, zu jenem verfolgten jüdischen Volk zu gehören sorgte nach den ersten dissonanten Noten für Stille und absolute Aufmerksamkeit. Die den Raum füllende Stimme des Bassisten Alexander Roslavets erzählte in dunklen und tieftraurigen Farben über Ghetto, Leid aber auch über das Überleben, wie es in den frühen Bildern des Malers Chagall schmerzhaft zum Ausdruck kommt. Gesummte traurige Phrasen leiteten über zum zweiten Teil, in dem der Kaddisch zitiert wird mit der Unsterblichkeit des Vergessens und dem vereinten Denken an die sechs Millionen ermordeten Juden.

Dunkle, langsame und atonal anmutende Klaviertöne von Leon Gurvitch führten den dritten Teil ein, der von den Stunden in Not wie ein Gang zum Schafott über den sinkenden Stern der Ewigkeit des gequälten Volkes der Juden erzählte. Wie parallele Tonspuren steigerten sich sowohl Klavierspiel als auch Bassgesang in Aufschreie der Verzweiflung und Traurigkeit, bevor erneut gesummte Harmonien voller tiefer Trauer im Raum erklangen und zur letzten Suite überleiteten.

Im tief berührenden finalen Teil der Gesangs-Suite wurden schließlich die Bücherverbrennung großer Dichter wie Heinrich Heine, Sigmund Freud u.v.a. voller Kummer in den Raum geklagt. Hastig laufend umspielten die Noten am Flügel die Zitat ähnliche, mahnende und sich eindringlich steigernde Aneinanderreihung ihrer Namen durch den Bassisten Alexander Roslavets. Das Stück endete mit der trotzigen Selbstsicherheit, dass kein Feuer der Welt das jüdische Erbe und den freien Geist zerstören kann.

Leon Gurvitch Ensemble; Foto Patrik Klein

Selten hatte ich im restlos ausverkauften kleinen Saal der Elbphilharmonie so viel Berührung und Betroffenheit erlebt.

Nach der schweren Kost und ein paar erholsamen Atemzügen gab es noch einige heitere Zugaben.

Patrik Klein, 22. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Konzert im kleinen Saal der Elbphilharmonie Hamburg, 22. März 2026

Leon Gurvitch, Klavier
Alexander Roslavets, Bass
Dana Anka, Violine
André Böttcher, Violine
Anatol Masley, Viola
Eloy Medina, Violoncello

Leon Gurvitch
Echoes of Chagall

Ergänzt wurde das Programm durch weitere thematisch verwandte Werke von Leon Gurvitch, darunter eine Hommage an seine kürzlich verstorbene Mutter, ein Stück für Streichquartett und Klavier in Gedenken an Janusz Korczak, den mutigen Pädagogen, der sein Leben für seine Schützlinge gab, sowie die Anne-Frank-Suite, eine musikalische Hommage an das junge Mädchen, dessen Tagebuch die Welt bewegt hat.

Leon Gurvitch, Klavier Ehrbar-Saal Wien, 11. Mai 2025

Leon Gurvitch, Konzert Ehrbar Saal, Mühlgasse 30, 1040 Wien, 11. Mai 2025, 17 Uhr

Hamburger Kammerballett, Musique Mélancolique von Leon Gurvitch Elbphilharmonie, Kleiner Saal, 5. Mai 2024

CD-Rezension: Leon Gurvitch Musique Mélancholique klassik-begeistert.de, 18. April 2024

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