Junge Solisten spielen ein Konzert der Spitzenklasse

LGT Young Soloists,  Philharmonie Berlin, 29. Oktober 2019

Foto: © LGT Young Soloists

Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal
29. Oktober 2019

LGT Young Soloists

Ludwig Balser, Violine
Dušan Kostić, Kontrabass
Anuschka Pedano, Viola
Miclen LaiPang, Violine
Vilém Vlček, Violoncello
Oliwia Meiser, Violoncello

von Kirsten Liese

Sie nennen sich nach der internationalen Privatbank, die sie fördert. Das mag vielleicht ein wenig irritieren, aber künstlerisch ist dieses Ensemble, das sich aus jungen Musikern zwischen 12 und 23 Jahren rekrutiert, einsame Spitze, wovon man sich beim jüngsten Konzert im Berliner Kammermusiksaal überzeugen konnte.

An hochbegabten jungen Musikern im internationalen Konzertbetrieb mangelt es nicht, aber – ohne inflationäre Superlative überstrapazieren zu wollen – die Mitglieder dieses Ensembles begeistern dank ungewöhnlich reifer, berührender, vorzüglicher Leistungen in besonderem Maße, haben mithin größte Auszeichnungen verdient.

Eine schöne Idee auch, dass alle Mitglieder zusammen unter der Leitung des renommierten Geigers Alexander Gilman ein Streichorchester bilden, aus dem bei jedem Konzert vier oder fünf als Solisten hervortreten, auch wenn sich die Ohren erst mal gewaltig umstellen müssen, ein so bekanntes Werk wie Robert Schumanns Cellokonzert in so dünner Orchesterbesetzung zu vernehmen.

Vilém Vlček. Foto: LGT Young Soloists

Der 21-jährige Tscheche Vilém Vlček, Solist dieses Konzerts, ist eine außergewöhnliche Entdeckung. Dies vor allem deshalb, weil er diese schwermütig einsetzende, zum Ende hin sehr kraftvolle Musik in all ihren wechselnden Emotionen und Schattierungen feinfühlig durchlebt. Anders als die meines Erachtens überschätzte Herbert-von-Karajan-Preisträgerin Sol Gabetta, die dieses Konzert vor einem Jahr bei den Osterfestspielen Salzburg mit großem Ton und Dauervibrato etwas eintönig absolvierte, betörte Vlček in den leisen Momenten mit Klängen zärtlicher Intimität, die mich an so berühmte französische Cellisten wie Pierre Fournier oder André Navarra erinnerten.

Sehr gefallen hat mir auch der zweite Satz, den Vlček sehr anmutig, filigran und grazil gestaltete und damit den kammermusikalischen Charakter ausstellte. Technisch ist der junge Mann bestens gerüstet, beherrscht sein Instrument souverän und intonationssicher bis in höchste Daumenlagen wie die berühmtesten Cellostars.

Ludwig Balser. Foto: LGT Young Soloists

In heitere Gefilde begaben sich dann mit dem Geiger Ludwig Balser und dem Kontrabassisten Dusan Kostić zwei erstklassige Virtuosen. Ihre Interpretation von Giovanni Bottesinis „Gran Duo Concertante“ kam so beschwingt daher wie ein Stück von Rossini. All die Späßchen über Kontrabassisten waren da schnell vergessen, der Solopart hatte es in sich, bewegte sich über weite Strecken in schwindelerregende Höhen des Griffbretts, wo der Bass dann im Flageolett im Sopranregister mit der Violine wetteifert. Das stellt hohe Ansprüche ans Zusammenspiel und saß perfekt. Die beiden fantastischen Solisten hatten sichtlich Spaß dabei.

Anuschka Pedano. Foto: LGT Young Soloists

Gänzlich andere Qualitäten fordert Paul Hindemiths „Trauermusik“ für Viola und Streichorchester. Der schöne, sonore Bratschenklang der in den Niederlanden ausgebildeten Anuschka Pedano, Jahrgang 2000, legte sich hier wie eine warme Hülle um die Melodien des getragenen nachdenklichen langsamen Stücks.

Am Anfang einer großen Karriere dürfte freilich auch der aus Malaysia kommende Geiger MicLen LaiPang stehen, mit Jahrgang 1995 einer der ältesten des Ensembles, sagenhaft professionell im Auftreten und vollkommen in seiner Vortragsweise von Beethovens „Kreuzter“-Sonate in einem allerdings gewöhnungsbedürftigen Arrangement für Violine und Streichorchester. Warum ein Werk für Violine und Klavier einer solchen Bearbeitung bedarf, wo von Beethoven mit dem Violinkonzert ein Originalwerk in der Besetzung existiert, erschloss sich nicht. Aber LaiPangs lebendiger, ausdrucksstarker, leidenschaftlicher, über alle diffizilen Klippen erhabener Vortrag riss unweigerlich mit.

Oliwia Meiser. Foto: LGT Young Soloists

Zur kompositorischen Entdeckung dieses Abends wurde für mich das Konzert „Violoncelles, vibrez!“ von Giovanni Sollima, bei dem noch einmal der grandiose Cellist Vilém Vlček, diesmal im Tandem mit der Polin Oliwia Meiser – ebenso eine Klasse für sich – zu erleben war. Ein emotional packendes, leidenschaftliches Stück, das raffiniert tonale Musik mit modern anmutenden Elementen verbindet und den besten Beweis liefert, dass Neue Musik nicht verkopft, intellektuell und rein dissonant sein muss. Das spätromantisch wirkende, sehnsuchtsvoll-schmerzreich anmutende, immer wiederkehrende Hauptmotiv ließ mich kaum mehr los, dies freilich auch dank des perfekten Zusammenspiels der Solisten.

Fast wie nebenbei servierte in einer von mehreren Zugaben die erst 14 Jahre alte Cellistin Luka Coetzee David Poppers „Elfentanz“ mit einer Perfektion und Leichtigkeit, wie es die begnadete Popper-Virtuosin Maria Kliegel nicht besser könnte. Bravo.

Kirsten Liese, 31. Oktober 2019, für
klassik-begeistert.de

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