Lieses Klassikwelt 6/2019: Eine Lanze für die Kammermusik

Lieses Klassikwelt 6/2019  klassik-begeistert.de

„Meine schönsten Erinnerungen reichen in meine Studienzeit zurück. Den Hymnus von Julius Klengel spielten wir nicht, aber dafür die wunderschöne Bachianas Brasileiras Nr. 5 von Heitor Villa-Lobos für acht Celli und Sopran. Der ganze Raum fing da an zu schwingen, man fühlte sich ungemein beseelt.“

von Kirsten Liese

Die Kammermusik liegt im Sterben, sagte Dietrich Fischer-Dieskau in meinem letzten Interview mit ihm wenige Jahre vor seinem Tod. Sein Pessimismus deckte sich mit meinen Eindrücken, gestaltete es sich doch schon damals zunehmend schwieriger, andere Streicher zu finden, mit denen man Streichquar-, quin- oder -sextette spielen konnte.

So gesehen erscheint es sensationell, was sich gerade im Hinblick auf das Beethoven-Jubiläumsjahr tut: Die bundesweite Hauskonzert-Initiative „Beethoven bei uns“ präsentiert neben Dutzenden von professionellen Ensembles einen Hobbypianisten, der andere Freizeitmusiker dazu einlädt, gemeinsam Beethovens langsame Sätze zu spielen.

Außerdem würdigen die Berliner Philharmoniker Beethoven mit einem Marathon seiner sämtlichen Streichquartette. Und wenn sich aktuell die Hoffnung einstellt, mit der Kammermusik könne es wieder etwas bergauf gehen, hat gewiss auch der 2017 eröffnete Pierre Boulez-Saal in Berlin seinen Teil daran. Der ist zum einen ein schöner, attraktiver, moderner Raum und zugleich um einiges kleiner als der Kammermusiksaal und damit geeigneter für das überschaubarer gewordene Publikum. Ohne Daniel Barenboim gäbe es ihn nicht. Man kann diesem Mann nicht genug dafür danken.

In meinem Leben war die Kammermusik stets eine feste Säule. In den 1970er Jahren hatte ich Gelegenheit, alle berühmten Quartette (Amadeus, La Salle, Juillard Strings, Melos, Brandis, Tokyo Strings, Alban Berg und wie sie alle hießen) sowie das Beaux Arts Trio und alle bedeutenden Pianisten mit Klavierabenden in der Berliner Philharmonie zu erleben.

Es war eine Zeit, in der das Fernsehen noch so anspruchsvolle Dokumentationen ausstrahlte wie jene, in der Daniel Barenboim, seine Frau Jacqueline Du Pré sowie ihre Freunde Itzhak Perlman, Pinchas Zukerman und Zubin Mehta (am Kontrabass) höchst heiter Schuberts berühmtes Forellenquintett einstudierten. Blutjung waren sie da alle, fröhlich, motiviert und unglaublich lustig. In einer Einstellung tauschen sie untereinander die Instrumente, da kann man sich vorstellen, was dabei heraus kam.

Im Haus meiner Eltern und bei unseren Freunden, überwiegend Amateure, wurde auch viel Hausmusik gemacht. Mitunter mehr schlecht als recht haben wir uns durch die große Literatur gespielt, meine Mutter und ich abwechselnd am Cello oder zusammen bei so herrlichen Werken wie dem C-Dur-Streichquintett von Schubert, den Brahms-Sextetten oder dem Mendelssohn-Oktett. Wenngleich uns diese Stücke bisweilen überforderten, so war das Selber-Musizieren um ein Vielfaches erfüllender als das reine Hören.

Unsere Mitstreiter, darunter zeitweise auch ein Berufsmusiker von den Berliner Symphonikern, waren allesamt echte Originale, will sagen, wir hatten unsere Eigenheiten. Einem der Geiger, ein schon älterer Herr, rutschten beim Spielen öfter die Hosenträger herunter, ein Apotheker scherzte gerne beim Aufschlagen der Noten, ob er das wirklich alles spielen solle, und die Augenärztin an der Bratsche, die stets mit den Triolen kämpfte, hämmerte mit ihrem rechten Fuß immer laut den Takt auf dem Parkettboden. Es ging also ein bisschen zu wie beim „stillvergnügten Streichquartett“, ein humorvolles Büchlein, das sich in Amateurkreisen der 80er Jahre großer Beliebtheit erfreute.

Aber nach und nach wurde der Kreis kleiner, einige der Musikanten zogen aus Berlin weg, andere starben oder gaben das Spielen auf, Ersatz wurde schwieriger zu finden. Jedenfalls entdeckte ich zuletzt an schwarzen Brettern oder in einschlägigen Kleinanzeigen nur noch Gesuche nach Chorsängern, Keyboardern, E-Gitarristen, Soulsängern, Berufspianisten oder Drummern.

Meine schönsten Erinnerungen reichen in meine Studienzeit zurück. Damals bewohnten meine Eltern eine traumhafte geräumige Alt-Berliner-Wohnung. Dort war soviel Platz, dass sich die Klasse meiner Cellolehrerin versammeln konnte. Den Hymnus von Julius Klengel, mit dem die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker ihre Anfänge machten, spielten wir (leider) nicht, aber dafür die wunderschöne Bachianas Brasileiras Nr. 5 von Heitor Villa-Lobos für acht Celli und Sopran. Der ganze Raum fing da an zu schwingen, man fühlte sich ungemein beseelt. Und dank dicker Wände und Böden fühlten sich die Nachbarn nicht gestört.

Als Journalistin begleitete ich Jahre später über lange Zeiträume die Aktivitäten der im Taunus gelegenen Kronberg-Academy. Dort hatten und haben hochbegabte junge Musiker die Gelegenheit, mit so berühmten Vorbildern wie Gidon Kremer, Tabea Zimmermann oder Yuri Bashmet gemeinsam die Meilensteine der Literatur zu erarbeiten, Legenden wie Menahem Pressler, Bernard Greenhouse oder Daniel Hope vom einstigen Beaux Arts Trio waren auch da. Und natürlich Mstislaw Rostropowitsch, der das Taunusstädtchen zur “Welthauptstadt des Violoncellos“ erklärte.

Das alles geschieht in entspannter, familiärer Atmosphäre, Junioren und Senioren essen zusammen Mittag und kommen in engeren Kontakt, was sich positiv auf das Musizieren auswirkt, schließlich ist das Wichtigste an der Kammermusik das gemeinsame Empfinden und Erleben der Musik.

Leider wird überregional über so erlesene Kammermusik-Festivals, sei es nun in Kronberg, Lockenhaus oder im finnischen Kuhmo, fast nur noch im Radio berichtet. Der Raum für Rezensionen in den Feuilletons ist über die Jahre immer schmaler geworden, dafür finden sich jetzt dort Debatten, die früher auf den Politikseiten geführt wurden.

Einen Musikkritiker habe ich einmal sagen hören, Kammermusik sei „nicht sexy“. Eine solch törichte Bemerkung trägt freilich nicht gerade zu einer gegenläufigen Bewegung bei. Selbstredend findet sich, insbesondere in der Romantik, ungemein leidenschaftliche, sinnliche Musik für kleinere Besetzungen. Der französische Filmemacher Louis Malle, dem das nicht verborgen blieb, untermalte beispielsweise erotische Szenen in seinem Meisterwerk „Die Liebenden“ mit dem zweiten Satz aus dem B-Dur-Streichsextett von Johannes Brahms.

Es wird Zeit, selber wieder mehr Musik zu machen. Vielleicht bringt die bundesweite Hausmusik-Initiative etwas in Bewegung, so dass sich wieder Mitstreiter finden lassen. Zu hoffen wäre es! Ich kann nur allen, die ein Instrument spielen, ermutigen, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen.

Kirsten Liese, Berlin, 31. Oktober 2019, für
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Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

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