Lieses Klassikwelt 20: Allgemeinbildung

Lieses Klassikwelt 20  klassik-begeistert.de

Die Unbildung betrifft keineswegs nur die Musik. Unlängst kam mir zu Ohren, dass es ZDF-Redakteurinnen und -Redakteure geben soll, die nicht wissen, wer Ingrid Bergman ist, also die Oscarpreisträgerin, die in einem so berühmten Film wie  Casablanca an der Seite von Humphrey Bogart brillierte. Ein Film, der mehrfach im Fernsehen ausgestrahlt wurde und sich nicht zuletzt auch mit seinem Evergreen  As Time Goes By großer Popularität erfreute.

von Kirsten Liese

Im Herbst vergangenen Jahres entnahm ich einer Publikation die Notiz, dass 95 Prozent aller in Deutschland lebenden Erwachsenen keine Veranstaltungen der Hochkultur besuchen. Sie berief sich auf eine Statistik der Bundeszentrale für politische Bildung

Sicherlich mögen finanzielle Gründe eine Rolle spielen, kann sich doch hohe Eintritte für insbesondere starbesetzte Opernbesuche und Konzerte nicht jeder leisten, und auch fragwürdige Regie-Stile und  Inszenierungen, die sich himmelweit von den großen klassischen und romantischen Stücken entfernen, sei es nun im Schauspiel oder in der Oper, erhöhen sicherlich nicht die Aufmerksamkeit für das Theater. Viele bleiben lieber zu Hause und legen sich alte Platten auf, kann ich verstehen. Blieben allerdings noch die Museen und die Filmkunst.

Und wenn ich mir die jungen Generationen so anschaue, habe ich das Gefühl, dass noch andere Gründe dazu kommen. Will sagen: Um die Bildung scheint es nicht gut bestellt.  Wie soll sich jemand für eine Oper wie Don Giovanni oder  Salome interessieren, wenn er in seinem Leben nie davon gehört hat? Bekanntlich stehen in den allgemeinbildenden Schulen kaum noch Musiklehrer zur Verfügung, oftmals versorgen Quereinsteiger Kinder und Jugendliche gerade so mit dem Nötigsten. Und leider ist es oftmals auch schon in deren Elterngenerationen um das, was man einmal Allgemeinbildung nannte, äußerst schlecht bestellt. Im öffentlichen Leben macht sich das an allen Ecken und Enden bemerkbar.

So berichtete mir eine Freundin, dass sie, als sie vor geraumer Zeit ein Buch über den Jahrhundertsänger Dietrich Fischer-Dieskau erwerben wollte, der Buchhändlerin den Namen buchstabieren musste, weil diese ihn noch nie gehört hatte. So etwas wäre noch in den 1970er-Jahren, als ich zur Schule ging, undenkbar gewesen. Ich erinnere mich noch an einen exklusiven Plattenladen in der Steglitzer Schlossstraße in Berlin. Der hieß „Ton & Welle“, da war eine Dame beschäftigt, an deren Namen ich mich sogar noch erinnere, die sich bestens mit allen Klassikinterpretationen auskannte. Frau Kene – oder schrieb sie sich Kehne (?) – war eine Institution, zumal sie auch ihre Kunden im Hinblick auf deren persönliche Präferenzen gut beraten konnte. Dem einen empfahl sie Beethovens Klaviersonaten in einer Einspielung mit Wilhelm Kempf, einem anderen dieselben Werke  mit Svjatoslav Richter oder Claudio Arrau. Solche kompetenten Verkäufer kann man heute mit der Lupe suchen. Die Berliner Musikwelt wusste jedenfalls, was sie an Frau Kene hatte, jeder kannte sie.

Dagegen kommt mir heute zu Ohren, dass noch nicht einmal junge angehende Musiker die großen Interpreten vergangener Jahrzehnte kennen.

Riccardo Muti verschlug es vor zwei Jahren in seiner Opernakademie die Sprache, dass keiner seiner Jungdirigenten und -pianisten und niemand unter den versammelten Sängerinnen und Sängern der Name des italienischen Tenors Aureliano Pertile geläufig war, der viele Jahre dem Ensemble der Mailänder Scala unter Arturo Toscanini angehörte. Der Maestro ließ die Eleven deutlich spüren, dass ihn das entsetzte: „The Academy is closed.“ Nein, so streng war er dann natürlich nicht, dazu ist Muti viel zu freundlich, er sagte das mit einem Augenzwinkern.

Dass sich in Deutschland noch jemand an den 1952 verstorbenen berühmten Tenor erinnert, hätte ich sowieso nicht erwartet, aber dass nur noch wenige Fischer-Dieskau kennen, finde ich schon bedenklich. Tatsächlich berichtete mir doch neulich auch der Cellist Wolfgang Boettcher, dass er in staunende, fragende Augen sah, als er Cellisten auf einem Meisterkurs sagte, sie sollten auf ihrem Instrument so singen wie Dietrich Fischer-Dieskau. Niemand von den Jungen wusste mit dem Namen etwas anzufangen.

Wie nun soll ein junger Künstler zum Höchsten aufsteigen, wenn ihm die Maßstäbe fehlen?

Die Unbildung betrifft keineswegs nur die Musik. Unlängst kam mir zu Ohren, dass es ZDF-Redakteurinnen und Redakteure geben soll, die nicht wissen, wer Ingrid Bergman ist, also die Oscarpreisträgerin, die in einem so berühmten Film wie  Casablanca an der Seite von Humphrey Bogart brillierte. Ein Film, der mehrfach im Fernsehen ausgestrahlt wurde und sich nicht zuletzt auch mit seinem Evergreen  As Time Goes By großer Popularität erfreute.

Beim Stichwort deutsches Fernsehen sind wir freilich schon bei der nächsten großen Tragödie angelangt. Von „Bildungsauftrag“ kann da wohl nicht mehr die Rede sein. Wann  immer ich da mal reinzappe, finde ich nichts außer schlechten, langweiligen Krimis, geistig dürren Talkshows und seichter Unterhaltung. Nur angelegentlich findet sich mal eine Opernübertragung oder eine der Filmkunst zuzurechnende Produktion auf arte oder 3sat, ansonsten kann man vor der Glotze verblöden.

Jedenfalls waren die Unterhaltungssendungen, an die ich mich aus früherer Zeit erinnere, die ich damals etwas belächelte,  von „Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre“ über Ernst Stankovskis „Erkennen Sie die Melodie“ bis hin zur „Peter Alexander Show“ noch niveauvoller. Rothenberger, Stankovski und Alexander waren immerhin noch Entertainer!

Ganz besonders vermisse ich heute einen Intellektuellen wie Marcel Reich-Ranicki, der –  mag er auch ein Chauvinist gewesen sein –  in seinem „Literarischen Quartett“ doch immerhin die hohe Literatur, sei sie nun von Goethe, Thomas Mann, Fontane, Tolstoi oder Dostojewski, in Ehren hielt. Besonders imponiert hat es mir, als er 2008 den Ehrenpreis beim Deutschen Fernsehpreis eben wegen der damals schon großen Niveaulosigkeit des Fernsehens ablehnte, indem er auch die Shows und Serien als „Blödsinn“ ablehnte. Und schlichtweg köstlich fand ich es, wie er couragiert über literarisch anspruchslosere Sozialromane, wie sie gerne Hellmuth Karasek gerne in die Literatursendung einbrachte, energisch sagte, was sich wohl heute noch kaum einer trauen würde: „Dieses Milieu interrr-essierrr-t mich nicht!“

Kirsten Liese, 7. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

 

Ein Gedanke zu „Lieses Klassikwelt 20
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  1. Vielen Dank für den Artikel! Diese Erfahrungen mußte und muß ich auch regelmäßig machen. Der Bildungsstand im Lande ist eine Katastrophe. Aber das ist von der Politik und der Konsumindustrie GEWOLLT und wird systematisch gesteuert, indem kulturelle Bildung abgeschafft wird. Merkel-Land ist schon längst verblödet und die Schätzung, dass 95 Prozent aller in Deutschland lebenden Erwachsenen keine Veranstaltungen der Hochkultur besuchen, muß ich anzweifeln. Es sind wohl 98 – 99 Prozent.

    Ich kenne einen Staatsopernsänger (Ensemblemitglied, altersmäßig Ende 40), der neulich in einem Gespräch den Namen HERMANN PREY NICHT KANNTE! Nie von ihm gehört! Vielleicht kann man dies damit entschuldigen, dass es sich um einen Tenor handelt. Warum sollte der einen Bariton wie Prey auch kennen sollen?! Ohne geht’s doch auch, oder? Leider sind die Leistungen der jungen Generation entsprechend, weil sie sich nicht mehr an der großen Vorbilden orientieren, diese teilweise gar nicht mehr kennen.

    Thomas Schubert

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