Lieses Klassikwelt 54: Dirigentinnen

Lieses Klassikwelt 54: Dirigentinnen

Foto: Die Dirigentin Antonia Brico im Jahr 1930.*

„Interessanterweise haben die Erfolgreichen unter den Künstlerinnen einen Frauen-Bonus auch gar nicht nötig. Im Gegenteil: Sie wollen in keine Frauenecke gestellt, sondern einfach fair nach ihren Leistungen beurteilt werden.“

von Kirsten Liese

In den vergangenen Jahren haben sich Frauen zunehmend als Dirigentinnen durchgesetzt und damit eine der letzten Männerbastionen erobert. Das war wohl auch endlich mal an der Zeit. Es sind gerade vor allem Jüngere, die von sich reden machen: Joana Mallwitz, Generalmusikdirektorin aus Nürnberg, die kürzlich Mozarts Così fan tutte in Salzburg leitete und dafür verdient hoch gelobt wurde, sowie die aus Vilnius kommende Litauerin Mirga Gražinytė-Tyla, kürzlich ausgezeichnet mit einem Grammophon Classical Music Award, oder auch die gebürtige Ukrainerin Oleksana Lyniv, die im kommenden Jahr bei den Bayreuther Festspielen ihr Debüt geben wird.

Und daneben gibt es natürlich auch die bereits etablierten Älteren wie die Australierin Simone Young, Jahrgang 1961, die als Generalmusikdirektorin und Intendantin mehrere Jahre die Hamburgische Staatsoper leitete, oder auch die Amerikanerin Marin Alsop, Jahrgang 1956, die schon mal das Abschlusskonzert bei den BBC Proms leitete.

Unweigerlich denkt man an alle diese Persönlichkeiten, wenn nun ein Film mit dem Titel „Die Dirigentin“ ins Kino kommt.

Filmplakat „Die Dirigentin“

Aber um sie geht es in diesem Biopic gar nicht, sondern vielmehr um eine Pionierin, die wohl kaum einer kennt, der nicht das dokumentarische Porträt „Antonia- A Portrait Of A Woman“ aus dem Jahr 1974 gesehen hat. Kurzum, es geht um die 1902 in Rotterdam geborene Antonia Brico, die als erste Frau der Welt 1930 die Berliner Philharmoniker leitete, 1934 – unterstützt von der damaligen First Lady Eleanor Roosevelt – ein reines Frauenorchester gründete und 1939 von Jean Sibelius nach Finnland eingeladen wurde, das Helsinki Symphony zu leiten. Ihr Landsmann Willem Mengelberg, der ihr anfänglich wenig zutraute, war ihr großes Vorbild, und bei Karl Muck ging sie in Hamburg drei Jahre lang in die Schule.

Aber auch schon Antonias schmerzhafte Kindheit und Jugend, die unweigerlich in späteren Jahren zu einer Identitätskrise führen musste, ist eine Geschichte für sich: Kurz nach ihrer Geburt wurde Antonia nach Kalifornien verschleppt und in Wilhelmina Wolthius umbenannt. Damit wollten wohl die strengen besitzergreifenden Pflegeeltern jegliche Versuche der leiblichen Mutter vereiteln, mit der Tochter wieder Kontakt aufzunehmen.

Die niederländische Filmemacherin Maria Peters, die zuvor schon ein Buch über Brico schrieb, erzählt in ihrem Spielfilm von all dem, orientiert weitgehend an historischen Fakten, aber letztlich leider doch ohne den hohen künstlerischen Anspruch, den man einer solchen Produktion gewünscht hätte.

Die starke Frau interessierte die Regisseurin offenbar doch weit mehr als die Musikerin Brico, jedenfalls ist leider nichts über die Qualitäten zu erfahren, die Brico als Dirigentin auszeichneten.

Schauspielerin Christanne de Bruijn als Dirigentin Antonia Brico

Ich denke jedenfalls schon, dass Dirigentinnen erwarten können sollten, nach ihren künstlerischen Leistungen beurteilt zu werden wie die Männer auch. Christian Thielemann gilt als genialer Wagner- und Strauss-Interpret, Riccardo Muti als der grandiose Verdi-Kenner. Gerne hätte ich gewusst, welche Vorlieben und Stärken Antonia Brico hatte.

Eben da liegt leider die Schwachstelle in Peters‘ Film, der über eine fiktive scheiternde Liebesgeschichte Antonias mit einem Konzertmanager aufzeigen will, welche privaten Verzichte es der Karriere wegen bedurfte, aber den Musik- und Konzertbetrieb doch etwas naiv darstellt und Musik weitgehend als beliebiges, illustratives Beiwerk einsetzt.

Interessanterweise haben die Erfolgreichen unter den Künstlerinnen einen Frauen-Bonus auch gar nicht nötig. Im Gegenteil: Sie wollen in keine Frauenecke gestellt-, sondern einfach fair nach ihren Leistungen beurteilt werden. Solche Äußerungen gibt es von der Dirigentin Simone Young ebenso wie von der Filmemacherin Margarethe von Trotta.

Die Australierin Young hat sich bislang mit ihren Vorlieben vielleicht auch schon am deutlichsten profiliert – als Wagner- und Strauss-Dirigentin.

Antonia Brico lernt man am besten in alten historischen Interviews kennen. Beethoven bedeutete ihr viel, es gibt auch Aufnahmen, in denen sie Franz Schuberts große C-Dur-Sinfonie und Schumanns Klavierkonzert dirigiert. Für den Film hat Maria Peters Dvoraks Amerikanische Suite und Die Halle des Bergkönigs aus Griegs Peer Gynt-Suite ausgewählt. Warum gerade diese Stücke, bleibt ihr Geheimnis.

Trotz solcher Schwächen liegt es mir fern, einen ambitionierten kleinen Autorenfilm schlechtzureden. Er hat zweifellos auch seinen Verdienst, ruft er doch ins Bewusstsein, dass es eine solche Kämpfernatur wie Brico brauchte, damit heutige Dirigentinnen von ihrem Beruf leben können. Und wirft die Frage auf, warum es eigentlich nach Bricos Tod fast ein Jahrhundert dauerte, bis sich weitere Frauen in diesem Beruf durchgesetzt haben.

Die Erfolge von Joana Mallwitz, Mirga Gražinytė-Tyla oder Oleksana Lyniv sollten im Übrigen nicht darüber hinwegtäuschen, dass von einer Gleichbehandlung der Geschlechter in diesem Beruf immer noch nicht die Rede sein kann. So ist im Abspann zu lesen, dass sich noch 2017 in einer von der renommierten Zeitschrift Gramophone veröffentlichten Rangliste unter den 50 besten Dirigenten nicht eine einzige Frau befand. Und noch heute gibt es auf dem Markt selbst von den erfolgreichen Dirigentinnen nur sehr wenige Aufnahmen.

Kirsten Liese, 24. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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© Kirsten Liese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .


*Beitragsbild von Bundesarchiv, Bild 102-09203 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5414454

 

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