Lieses Klassikwelt 7 / 2019: Kritiker

Lieses Klassikwelt 7 / 2019  klassik-begeistert.de

Noch weniger verstehe ich die Prioritäten in der heutigen Opernkritik. Da lese ich meist ellenlange Abhandlungen über die noch so blödsinnigste Inszenierung … und über die Interpreten und die musikalische Ausführung nur wenige Sätze. Die Zeiten, in denen Kritiker zu beneiden waren, weil wir beispielsweise problemlos Pressekarten für die Bayreuther Festspiele bekamen, auf die andere Jahrzehnte lang vergeblich warten mussten, sind unterdessen vorbei. Zunehmend vertrödeln wir unsere Zeit mit miserablen Produktionen und beneiden heimlich die Zuschauer, die zwanglos jederzeit einen Flop vorzeitig verlassen können.

von Kirsten Liese

„Es gehört zu meinen Pflichten, Schönes zu vernichten als Musikkritiker“, so beginnt eines der bissigsten Lieder des grandiosen Humoristen Georg Kreisler. Köstlich,  freilich überspitzt, nimmt der Österreicher da meinen Berufsstand aufs Korn. Ich fühle mich dadurch nicht beleidigt,  im Gegenteil: Der geniale Sergiu Celibidache hat mich gelehrt, dass Kritiker oft armselige Gestalten sind, weil sie nichts von der Musik begreifen, sich nicht in sie versenken, sie nicht erleben können, mithin auch den klanglichen Reichtum in einer im breiten Tempo wiedergegebenen Sinfonie von Bruckner oder Tschaikowsky nicht ermessen können, weshalb sie langsame Tempi verteufeln. Für ihn waren Kritiker folglich „Nullitäten“. Und ich muss bekennen: Bevor ich anfing, mich mit Celi zu beschäftigen, wusste ich auch nicht darum.

Ob Kreisler an diesen genialen Mann gedacht haben mag? Jedenfalls fährt er im selben Lied fort: „Nur ich sitz da und kratz mich stur am Kinn, weil ich unmusikalisch bin.“

Schon im 19. Jahrhundert waren allerdings selbst namhafte Kritiker mit genialer Musik überfordert, denken wir nur an Eduard Hanslick, der im Kontext mit Bruckners Sinfonik abschätzig von einem „traumverwirrten Katzenjammerstil“ sprach oder italienische Opernmusik als „Fremdartiges“ und „Unsympathisches“ beschrieb.

In meiner Kindheit hörte mein Großvater jeden Sonntag Friedrich Luft,  die „Stimme der Kritik“. Luft war wie der Literaturkritiker Marcel Reich Ranicki eine Instanz im Theater. Wenn er über eine Aufführung nach der Premiere ins Schwärmen geriet, waren alle Folgevorstellungen am nächsten Tag ausverkauft, verriss er sie, blieben viele Plätze leer. Ich selbst war damals zu jung, um mitreden zu können, aber angesichts des großen Zuspruchs muss er einen Nerv des Publikums getroffen haben, auch wenn ich einräumen muss, dass ich vor nicht allzu langer Zeit eine seiner Einschätzungen nicht teilte: Helmut Käutners Film „Die Rote“ mit Ruth Leuwerik als moderner, libertiner Frau, ein  über seine Zeit hinaus weisendes Juwel damaliger Filmkunst, wiederentdeckt auf einer Retrospektive beim Filmfestival in Locarno, fand bei ihm keine Gnade.

Aber noch weniger verstehe ich die Prioritäten in der heutigen Opernkritik. Da lese ich meist ellenlange Abhandlungen über die noch so blödsinnigste Inszenierung und über die Interpreten und die musikalische Ausführung nur wenige Sätze.

Zudem ist die Schere zwischen Kritiker- und Publikumseinschätzung  sehr groß geworden. Das führt dazu,  dass heutige Rezensionen oft das Gegenteil bewirken wie in Lufts Zeiten: Empfiehlt ein Kritiker eine Aufführung als spannend,  könnte das ein Alarmsignal bedeuten.  Befindet er sie für langweilig oder verstaubt,  ist die Produktion vielleicht gar nicht so schlecht.

Die Zeiten, in denen Kritiker zu beneiden waren, weil wir beispielsweise problemlos Pressekarten für die Bayreuther Festspiele bekamen, auf die andere Jahrzehnte lang vergeblich warten mussten, sind unterdessen vorbei. Zunehmend vertrödeln wir unsere Zeit mit miserablen Produktionen und beneiden heimlich die Zuschauer, die zwanglos jederzeit einen Flop vorzeitig verlassen können.

Aus dem Blut-und-Sperma-Theater im Schauspiel habe ich mich bereits verabschiedet, als  Schauspieler nur noch mit Mikroports auf die Bühne kamen, Texte von Klassikern absichtsvoll trivialisiert herunterleierten oder  in Gebrüll ausarteten.

Der letzte verlässliche Theaterkritiker,  den ich im Radio hörte, war Peter-Hans Göpfert im RBB. Er war mit seiner großen Kennerschaft auch eine Art „Stimme der Kritik“ und gab mir das Gefühl,  wenig zu versäumen.  Denn meistens ließen seine Berichte auf geradezu haarsträubende Inszenierungen schließen. Ich fragte mich,  warum er sich das eigentlich antat und ob er wohl sein Salär als Schmerzensgeld ansah.

Bisweilen flüchten auch Schauspieler-Granden wie der im Februar verstorbene Bruno Ganz vom Theater ins Kino. Das heutige Theater sei nicht mehr sein Theater, sagte mir Ganz vor Jahren.  Auch Nina Hoss macht gerade eine Theaterpause. Dafür brilliert sie in dem Film „Das Vorspiel“, der im Januar ins Kino kommt, als eine Geigenlehrerin mit höheren Ambitionen.

Mit einer brillanten Satire über den Theaterbetrieb und Kulturredaktionen empfiehlt sich Stefan Benz,  selbst Feuilletonredakteur,  Theater – und Filmkritiker.  „Theaterdurst“, erst unlängst erschienen,  ist sein ebenso geistreicher wie unterhaltsamer, von lakonisch-groteskem Humor bestimmter Debütroman,  erster Teil einer Trilogie. Der Clou dabei: In seiner Struktur folgt er einem Drama mit mehreren Aufzügen und  jedes Kapitel trägt jeweils den Namen einer prägnanten Figur aus einem Stück.  Besonders lustig schildert der Autor die irrwitzige Konversation zwischen Jung, dem Ressortchef einer Zeitung, und seinem lang gedienten Kritiker Beck nach einem turbulenten Theaterabend:

„Was sind denn das für Sauereien mit dem ganzen Blut und all diese Leichen auf der Bühne? Die Kotzerei! Und diese Kannibalenkacke! Was soll das“, fragte Jung. „Das ist Shakes….“, weiter kam Beck nicht. Der Dozent duldete keine Unterbrechung seines Vortrags. „Das mit der Kultur sehen wir bald eh nicht mehr so eng. Theater und Travel, Luxus, Lifestyle, Film und Fun. Ist letztlich alles Freizeit. Da brauchen unsere Leser mehr Service, mehr Orientierung, mehr Nutzwert. Und weniger Geschwurbel. Kultur schreiben wir dann C-O-O-L-T-O-U-R.“

Kirsten Liese, Berlin, 7. November 2019, für
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Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

Ein Gedanke zu „Lieses Klassikwelt 7 / 2019
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  1. Immer wieder verreißen die Kritiker „Tiefland“, eine von ihnen verachtete Oper. Ich erlebte einmal eine Aufführung mit Halswüchsigen auf den Rängen, zuerst undiszipliniert und zu spät kommend, die im Laufe des Abends dann mucksmäuschenstill und gespannt der Oper folgten.

    Lothar Schweitzer

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