Lieses Klassikwelt 9/2019: Strenge Lehrerinnen

Lieses Klassikwelt 9/2019  klassik-begeistert.de

„Ich bin noch nicht dahintergekommen, warum diese verbissenen Damen – und es sind konsequent durch die Bank weg Frauen – gerade so Konjunktur im Kino haben. Reiner Zufall wie die Regisseure und Regisseurinnen meinen? Mir kommt es so vor, als wären solche Persönlichkeiten eher ein Auslaufmodell in unserer heutigen Zeit, in denen Pädagogen und Psychologen davor warnen, Kinder zu überfordern.“

von Kirsten Liese

Womöglich ist Ihnen die Dame im roten Mantel schon aufgefallen, die man jetzt vielerorts plakatiert sieht: Sie heißt Lara und ist die Heldin in einem aktuellen Kinofilm, verkörpert wird sie von Corinna Harfouch. Die üppige Werbung für diesen anspruchsvollen Arthausfilm (Lara) ist bemerkenswert. Es ist, zumal im deutschen Kino, einer der stärksten, in der Welt der klassischen Musik angesiedelten und von großer Kennerschaft dieses Betriebs zeugenden Spielfilme.

Eigentlich stand die elegante, einsame Frau an ihrem sechzigsten Geburtstag kurz davor, sich aus dem Fenster zu stürzen. Aber das scheitert auf tragikomische Weise.

Lara hatte ehrgeizig von einer Karriere als Pianistin geträumt. Aber ein vernichtender Satz ihres Klavierlehrers in ihrer Jugend hatte zur Folge, dass sie das Klavier nie wieder anrührte.

Stattdessen hat sie ihren Traum auf ihren Sohn projiziert, ihn unterrichtet und seine Karriere forciert. An ihrem Geburtstag nun kauft sie sämtliche Restkarten für ein Konzert mit ihrem Sohn am selben Abend auf und versucht diese an alle möglichen Leute zu bringen. Viele dieser Nebenfiguren beschreiben die verhinderte Künstlerin Lara als streng, verbittert und penetrant. Aber Lara wäre nicht so interessant, wenn sie nicht eine komplexe, ambivalente Figur wäre. Sie besitzt Charisma, und in der Sache hat sie meist recht.

Besonders gut gefällt mir eine Szene, in der die pensionierte Verwaltungsangestellte auf der Suche nach ihrem alten Klavierlehrer auf einen Jungen trifft, der in Abwesenheit seines Lehrers stupide an seinem Handy herumspielt. Lara, die sich mit negativen Erscheinungen des Zeitgeists nicht so ohne weiteres abfindet, fordert ihn auf, die Zeit zu nutzen und zu üben, ihr zumindest mal was vorzuspielen. Tatsächlich bringt sie den Buben dazu, Schumanns „fröhlichen Landmann“ anzuspielen, anfangs geht das halbwegs gut. Aber als dann Lara mitsingt, dazu den Takt klatscht, Tempo fordert, ihn auffordert nochmal anzusetzen und sicherer zu werden, kommt der Eleve zunehmend ins Stolpern und hört schließlich auf. Ob er das beim Vorspiel wohl auch so machen wollte, von Note zu Note zu stolpern, fragt ihn Lara. Das wäre doch eine arge Blamage.

Erstaunlicherweise interessieren sich gerade mehrere Regisseurinnen und Regisseure für diesen Typ der strengen, womöglich unausstehlichen Musiklehrerin. Nur wirkten zwei andere Produktionen weitaus einfältiger: In dem Klavierspieler vom Gare du Nord, eine arg konstruierte Geschichte aus Frankreich, ist Kristin Scott Thomas eine solch strenge Klavierlehrerin, die ein junges, ungehobeltes Talent wettbewerbsreif machen soll.

In dem Drama Prélude gibt Ursina Lardi eine fiese Klavierlehrerin, die ihre Schüler intrigant gegeneinander ausspielt. Ihr Sadismus kommt mir in einigen Szenen doch recht übertrieben vor. Außerdem tritt in dem Film überflüssigerweise eine Gesangsstudentin auf, deren Gesang peinlich dilettantisch anmutet.

Im Januar folgt dann immerhin mit Das Vorspiel noch ein weiterer vergleichbar guter Film wie Lara. Darin spielt Nina Hoss die Geigenlehrerin Anna, die anfangs Empathie für einen Schüler zeigt, dann aber, als ihre eigenen höheren Ambitionen sich nicht erfüllen, anfängt, ihn zu terrorisieren.

Mit mir und meinem Leben haben allen voran Lara und Anna durchaus etwas zu tun, viel sogar. Insbesondere meine Cellolehrerin habe ich zutiefst verehrt. Ich fühlte mich herausgefordert, ihren Ansprüchen zu genügen, wollte sein wie sie, steckte mir ehrgeizige Ziele.

Gleichwohl bin ich noch nicht dahintergekommen, warum diese verbissenen Damen – und es sind konsequent durch die Bank weg Frauen – gerade so Konjunktur im Kino haben. Reiner Zufall wie die Regisseure und Regisseurinnen meinen? Mir kommt es so vor, als wären solche Persönlichkeiten eher ein Auslaufmodell in unserer heutigen Zeit, in denen Pädagogen und Psychologen davor warnen, Kinder zu überfordern.

Allerdings gilt es natürlich eine scharfe Linie zu ziehen zwischen der Ausbildung an allgemeinbildenden Schulen und der von Hochbegabten. An der Spitze ist bekanntlich wenig Platz. Um Solist zu werden oder auch „nur“ in einem Weltklasseorchester unterzukommen, muss jemand schon Herausragendes leisten. Das mag begründen, warum Frauen wie Lara und Anna noch im 21. Jahrhundert so hart mit sich und anderen sind.

Dass große Talente, die über sich hinauswachsen wollen, es mitunter förmlich herbeisehnen, drangsaliert zu werden, hat auch mein Kollege Tilman Krause unlängst zum Anlass für ein kluges Essay in der Welt genommen.

Er kommt freilich unweigerlich auf Elisabeth Schwarzkopf als unerbittlicher Gesangslehrerin, an der ich freilich aus denselben Gründen großen Gefallen finden musste, und auf den Künstler Joseph Beuys, der – wie wir in dem Film Werk ohne Autor erfahren – bei einem Atelierbesuch zu einem Schüler, in diesem Fall Gerhard Richter, sagte: „Alles nur Schrott“.

Dagegen blödelte der Bariton Thomas Quasthoff, den ich einmal in Verbier mit einer Meisterklasse erlebte, mit seinen Schülern nur herum und gefiel sich in der Rolle des das Publikum amüsierenden Entertainers. Viel herum kam dabei nicht.

Frauen wie Lara und Anna finde ich spannender.

Kirsten Liese, 21. November 2019, für
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Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

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