Martin Fischer-Dieskau: "Nicht jeder, der einen Taktstock zur Hand nimmt, ist deshalb schon Dirigent" (Teil 5)

Martin Fischer-Dieskau: Qualifikation oder Hybris? Dirigentenexpertise in der Abwärtsspirale (5)  klassik-begeistert.de

Qualifikation oder Hybris? Dirigentenexpertise in der Abwärtsspirale (5)

Foto: Martin Fischer-Dieskau, (c) Buber Doráti Festival

»Es ist die Vergangenheit, die uns vorantreibt und oftmals die Gegenwart, die uns am Weiterkommen hindert« (Hannah Arendt)

Nach dem Abklingen der Pandemie wollen Opernhäuser und Konzertsäle mit neuer Aufmerksamkeit besucht werden. Vielleicht erlaubt die Zäsur in hoffentlich naher Zukunft auch eine gewisse Reflexion über alles, was im Zusammenhang mit Orchestern und deren Leitung bislang unhinterfragt geblieben ist. Immer wieder werden Dirigenten als Dirigenten eingestuft, die es gar nicht sind. »Karrieren« sind als Beweis untauglich.

Diese fünfteilige Betrachtung des Dirigenten Martin Fischer-Dieskau ist weder Pamphlet noch Kollegenschelte. Entworfen ursprünglich als Beitrag zu einer Festschrift möchte sie noch einmal in Erinnerung rufen, dass Dirigieren kein Beruf ist, den man um seiner selbst willen ergreifen kann. Dieser Beruf ist Schimäre und bleibt eine Art Wunschvorstellung von allen Seiten, mit denen er zu tun hat. Das war von Anbeginn dieser Tätigkeit so und macht das hohe Attraktivitätspotential aus, das von ihm ausgeht. Wenn es schwierig ist, dem derart Umschwärmten gerecht zu werden, bleibt doch die Erkenntnis, dass Glanz nicht zum Sparpreis zu haben sein sollte. Nicht jeder, der einen Taktstock zur Hand nimmt oder sich stabfrei vor ein Orchester stellt, ist deshalb schon Dirigent. 

Wagen Sie einen im besten Sinn unvoreingenommenen Blick hinter die Kulissen!

Teil V: Dirigent-Karrierist, ein Synonym?

von Martin Fischer-Dieskau

Hat es an irgendeiner Stelle einmal geklappt mit dem Dirigieren, geraten Machtwille und Ambition bei den Erfolgswütigen leicht außer Kontrolle. Statt sich an gute Vorsätze zu erinnern, Versäumtes im Bewusstsein der historischen Wurzeln des Berufs nachzuholen, richtet sich der Blick der Karrieristen schnurgerade auf die nächste Möglichkeit, mit dem Taktstock zu agieren und die Telefone stehen ihrerseits nicht mehr still. Extreme Netzwerker sind die neuen Glücksritter der Dirigentenbranche. Das kommt den Agenturen nur gelegen. Sobald sich ein neuer Name halbwegs unbeschadet durch eine Opernvorstellung an einem Haus von Bedeutung laviert hat, erscheint er ›im Angebot‹ und wird von den Disponenten für weitere Engagements gebucht. Künstlerische Nachweise können unterbleiben. Agenturen suchen ständig neue Verkaufsschlager. Was dem Automarkt die E-Mobilität ist dem Klassikgeschäft der ›Exzentriker‹ mit inzwischen verwischter Herkunft aus den Puritätsansprüchen der Originalklangbewegung. Die Flucht in Äußerlichkeiten wie kalkuliert absonderliches Auftreten und inszenierte musikalische Abläufe in starrem Korsett werden dem Publikum als im Wortsinn ›horrende‹ Novität verkauft.

Bleiben Revolutionen in der Repertoirefrage aus, setzt man auf Überspanntheiten der Darreichungsform. Niemand hinterfragt in diesem Umfeld den übersteigerten Grad an Scharlatanerie, die Unvereinbarkeit mit allen Normen des Könnensabgleichs einer dirigentischen Ethik. Selbst die Musiker vergessen ihre anfänglichen Zweifel und freuen sich über den Ansporn des neuen Leiters, sich der vorgeblich selbst auferlegten Disziplin beim Spielen ihrer Instrumente endlich entledigen zu dürfen. Affekt und auffälliges ›musikalisches‹ Körpergebaren an den Notenpulten lautet die Devise. Das sind Spielregeln aus der Unterhaltungsindustrie und ihr Befolgen erinnert in der Tat an die in Teilen immer wieder zutreffende Einschätzung des Orchesterberufs als ›reine Prostitution‹[1]. Eine tradierte Unantastbarkeit der Institution Dirigent bleibt hier unsinnig in Kraft, Rebellion wird im Keime erstickt.

Zwei weitere noch vorhandene Pole der Verkäuflichkeit neben dirigentischer Adoleszenz und Exaltation bieten selbstverständlich die ›großen Alten‹ und die Frauen. Erstere stehen naturgemäß meist nur für absehbare Zeiträume zur Verfügung und werden dadurch zu einer in der Tat äußerst bedeutungsvollen Rarität, selbst wenn sich der Respekt vor ihrer Lebensleistung zuweilen als Filter erweist und kritische Fragen verstummen läßt. Der weibliche Dirigent verliert in unseren Tagen glücklicherweise kontinuierlich seinen Sonderstatus, was sich indes hauptsächlich darin vermitteln sollte, dem Genderaspekt keinen Vorrang über künstlerische Hintergrundqualifikationen einzuräumen.

Ferner von Bedeutung: ›Education‹ und ›Public Relation‹ sind längst keine verzichtbaren Anglizismen mehr, sondern für den Fortbestand des Musiklebens absolut notwendige Imperative. Dies zugestanden, sollte ein Arzneimittel dennoch danach ausgesucht werden, ob es dem Patienten hilft und nicht danach, wie gut es beworben wurde. Es bleibt festzuhalten: Karrieren sind heutzutage manipulierte Karrieren. Der durch Mundpropaganda organisch wachsende Bekanntheitsgrad aus Unbestechlichkeit und gerechtfertigtem Prestige ist die große Ausnahme geworden.

Kriterienkatalog

Wie soll man Dirigenten beurteilen? Für den Laien sehen sie alle gleich aus bei ihrer Arbeit. Ihr Einfluss auf das Geschehen kann vielleicht erspürt, ohne gewiefte Expertise aber nicht gemessen werden. Weil das Unterscheidungsterrain zu schlüpfrig ist, überlässt man sich der Wirkung des Werkes. Das ist die beste Variante. Wozu dann aber die hohen Gagen und das zuweilen einschüchternde Renommee der Dirigenten, das uns im selben Maße beflügelt wie zum Schweigen verurteilt? Der Rückzug auf persönliche Vorlieben des Zuhörers und Betrachters wird verständlich, dem täglichen Leben abgelauscht, wie man annehmen möchte. Muss vor der Ununterscheidbarkeit der einzelnen Dirigentenerscheinungen kapituliert werden? Hier gilt Entwarnung: Manchmal genügen wenige Signale der alleroberflächlichsten Kategorie, um dem Betrachter etwas von der Tauglichkeit, von hinreichender Vorbereitung, Eignung und Erfahrung desjenigen zu verraten, der dirigentische Verantwortung übernommen hat. Dahinter steht nicht weniger als der Wunsch, sich den Dirigenten als Hörer anvertrauen zu dürfen, sich bedenkenlos ›in ihre Hände‹ begeben zu können. Ein in diesem Rahmen zwangsläufig arbiträrer Katalog:

Zuhören kann als Dirigent nur, wer entspannt ist. Verspannungen menschlicher Bewegungen sind nicht leicht zu identifizieren, aber sie sind es, die den ›Klang‹ eines Dirigenten beeinflussen. Alle Gliedmaßen können betroffen sein, auch das Gesicht. Ungesteuerte Grimassen, Dirigieren mit dem Mund, Hin- und herwandern auf dem Podium, krummer Rücken, zu groß der Bewegungsradius… das Wichtigste jedoch: Beeinflusst die Präsenz des Dirigenten das Spiel der Musizierenden nach dessen Intention? Fühlen die Streicher sich geborgen, die Bläser mit dem Atem begleitet? Kann – zumindest dem äußeren Schein nach – ›trotz‹ des Dirigats frei gestaltet und phrasiert werden? Vermag der Dirigent Höhepunkte vorzubereiten und dramaturgisch sinnvoll zu platzieren? Geraten Tempi außer Kontrolle, weil der schnellere Puls der Aufführungssituation nicht mitgedacht wurde? Kopf in der Partitur oder Partitur im Kopf?

Martin Fischer-Dieskau, Buber Doráti Festival (c)

Jedenfalls: Kommen genügend angenehme äußere Eigenschaften des Dirigats zusammen, ist kurioserweise meist auch davon auszugehen, dass effiziente, instrumentale Hintergrundsarbeit geleistet wurde und wir es nicht mit einem monochromen Karrieristen zu tun haben.

Wie wäre es weiterhin mit folgender Rettung aus der Misere: Wir haben uns über Unvermögen, Eitelkeiten und andere Übelstände eines Dirigenten geärgert, wir erklären ihn zum ›schlechtesten Dirigenten der Welt‹. Bei nächster Gelegenheit begegnet ein Kandidat oder eine Kandidatin, deren geradezu abstruses Scheitern noch weit tiefer erblassen lässt als im ersten Fall. Die Verortung des Erstgenannten auf der Richterskala bedarf jetzt der Korrektur. Und so weiter. Wir stehen also vor dem Phänomen, dass – alle zur Verfügung stehenden Differenzierungen in Anschlag gebracht – am besten noch der direkte Vergleich ein Ergebnis zeitigen kann, wer ein guter Dirigent ist und wer nicht. Laie und Fachmann sitzen hier im Übrigen nicht weit getrennt voneinander im selben Boot.

KARRIERISMUS ENTLARVEN

Transparenz, im politischen Diskurs ein für erstrebenswert gehaltener Zustand frei zugänglicher Informationen und stetiger Rechenschaft über Abläufe, Sachverhalte und Entscheidungsprozesse, greift im Dialog zwischen Dirigenten und ihrem Publikum ebenso wenig wie die Forderung nach vermehrter Partizipation. Eine demokratieresistentere Domäne als das Dirigieren ist trotz gegenläufiger Ermahnungen und Bekenntnisse nicht vorstellbar. Auf der Suche nach einer Lebensführung, die sich an Singularität und dem Wunsch nach Resonanz orientiert, entfernt sich die Gesellschaft zunehmend vom Ideal stillschweigender Selbstbesinnung und Bewunderung in den Konzertsälen und Opernarenen. Wir brauchen dennoch neue Rezepte. Je instruktiver vorab die Wissensvermittlung, desto stärker das Interesse am Kunstgenuss und desto chancenloser der Elitarismus.

Das Publikum der Zukunft erwartet sich Distinktionsgewinn und will mitsprechen. Kein zweiter Beruf scheint seit den Tagen seiner Erfindung ähnlich umfassend, attraktiv und anspruchsvoll nach allen Richtungen wie der des Dirigenten[2]. Zu viele glauben, sich leichtfertig in den Genuss seines Ansehens bringen zu können. Das Bestreben und das Geschick, sich einen Namen zu machen, wurde bei den Dirigenten rasch zu einer quasi gleichrangigen Disziplin neben den musikalischen Qualifikationen. Ähnliches geschieht natürlich auch auf anderen Berufsterritorien der öffentlichen Wahrnehmung. Aber darf der Karrierismus der Orchesterleiter aufgrund der hybriden Ausgangssituation des Dirigierens nicht wenigstens hier und da transparenter gemacht und dadurch relativiert werden?

Erfolg gemessen nur an der Nachfrage

Während der Gestus des Medizinmannes den Zuhörern imponiert, die glauben, es bedürfe einer solchen Attitüde, um künstlerisch das Beste aus den Spielern herauszuholen, das mit körperlicher Höchstleistung verwechselt wird, ist die Qualität der Aufführungen, der dem Orchester zugewandte Aspekt des Dirigierens, weithin unabhängig von dem, was er dem Publikum vorgaukelt.[3]

Indem der Dirigent sich dem Orchester zuwendet, meint er ebenso sehr das Publikum. Eine Perspektive, die noch für die Dirigenten selbst im Dunkeln lag, als ihr Beruf sich etablierte. Wer hätte im Umfeld eines Bülow, Mahler oder Nikisch diese inzwischen erprobte Beobachtung überhaupt für realistisch gehalten! Fordert das Publikum sein Recht, sich einem Führerideal anzuvertrauen und es zu bejubeln, das es im Realleben entbehrt, so klagt das Orchester zuweilen von den Dirigenten ein, was diese, um den Erwartungen der Menge zu entsprechen, »sozialpsychologisch permanent verschulden«[4]. Es gab und gibt deshalb immer wieder dirigentenlose Ensembles wie das Persimfans der sowjetischen Revolutionsepoche oder das Orpheus Chamber Orchestra in New York, von den zahllosen Zusammenstellungen der Alten Musik-Szene abgesehen. Statt zu fragen, »wer gaukelt besser«, erschiene unter Umständen folgerichtiger, die Dichotomie der Wesenheit ›Dirigent‹ anzuerkennen – hier Deszendenten eines universellen Musikerideals, dort erklärte Sympathisanten eindrucksvoller Musikvermittlung mit den Mitteln des Histrionen.

Martin Fischer-Dieskau, (c) Schmidt Artists

Gäben wir der Utopie einer Zulassungskommission nach den Vorgaben venerierter Meister der Gründerväterpartei[5] allein eine Chance, – der Dirigentenmarkt erschiene schlagartig wie leergefegt. Hier unaufgeregt den Finger in die Wunde zu legen, bedeutet weder Nestbeschmutzung noch Frustrationseingeständnis. Als gleichsam sekundäre Kunstäußerung, im Windschatten der Komposition und instrumentaler wie vokaler Meisterschaft, dennoch von immenser Bedeutung für die Ausgestaltung eines zivilisierten Musiklebens klassischer Prägung, findet sich ideales Dirigieren selbstverständlich nur in der Mitte der beiden Extreme. Die Zweigesichtigkeit der Kunstübung vor Augen, sollte – so die schemenhafte Vision – das Dirigieren gleichsam nur noch nach Durchschreiten einer ›archaischen Feuerprobe‹ gestattet werden, wie aus dem Zwielicht in die allgemeine und behaglichere, öffentliche Distanzierung.

[1] Glück gehört dazu – die Musikerfamile Sanderling, Ursula Klein, Redaktion, RBB 1993.
 [2] »Nicht Kaiser und nicht König, aber so dastehen und dirigieren«. Vielfach überlieferte Jugendäußerung Richard Wagners über Carl-Maria von Weber.
[3] Theodor W. Adorno, op. cit., S. 129.
[4] ebd. S. 130.
[5] Fritz Busch, Der Dirigent, Zürich 1961, S. 30-34, s. Abldg.

Martin Fischer-Dieskau, 4. Februar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Im Laufe der Jahre hat Martin Fischer-Dieskau weltweit fast 100 Orchester dirigiert, darunter die Berliner Philharmoniker, das Royal Philharmonic, London Philharmonic, Moskauer Staatsorchester, Orchestre National de France, das NHK Tokio, das Tokio Philharmonic und das New Japan Philharmonic. Er leitete alle bedeutenden Symphonieorchester Deutschlands und Skandinaviens sowie viele italienische und spanische Orchester. Er war häufiger Gast bei internationalen Festivals, etwa bei den Berliner Festwochen, dem Helsinki- oder dem Granada-Festival. Nach einer deutschen Theaterlaufbahn Chefpositionen auf drei Kontinenten: In Deutschland, in der Schweiz, in Kanada und Taiwan.

Martin Fischer-Dieskau studierte  Dirigieren, Violine, Klavier und Komposition. Seine Dirigierstudien führten ihn an die Hochschulen von Wien und Berlin sowie an die Accademia Chigiana in Siena; er absolvierte Meisterklassen bei Franco Ferrara, Charles Mackerras, Seiji Ozawa und insbesondere bei Leonard Bernstein. Darüberhinaus beendete er auch ein Musikwissenschafts- und Italianistikstudium an der Freien Universität Berlin mit der Doktorwürde. Sein Buch Dirigieren im 19. Jahrhundert – der italienische Sonderweg erzielte internationale wissenschaftliche Anerkennung. Außerdem erschienen: Wagner und Verdi – Kulturen der Oper.

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