Lise Davidsens Stimme: ein ganzes Universum in 15 Minuten. Sensationell!

Montagsstück XV: Der gestirnte Himmel,  Bayerische Staatsoper, München, Live-Stream am 22. Februar 2021

Lise Davidsen (Sopran), Foto: © Wilfried Hösl

„Die Kamera schwenkt. Noch mehr Kerzenständer. Lise Davidsen im rubinroten Kleid. Egal wie stark mich die Kerzen irritiert haben, Lise Davidsen sorgt dafür, dass ich ab ihrem ersten Ton alles um sie herum außer ihrer Stimme vergesse.“

Rezension des Videostreams:
Montagsstück XV: Der gestirnte Himmel

Bayerische Staatsoper, München, Live-Stream am 22. Februar 2021

von Frank Heublein

Dies ist heute ein kompletter Beethoven-Abend.

Ein romantisiertes Setup, bläulich gedämpftes Licht, mit fünf, sechs Kerzenleuchtern. Dort hinein werde ich geworfen, denn sofort setzt das Klavier ein. Ich empfinde diese Umgebung als unpassend für die irischen und schottischen Volkslieder, die zu Beginn auf dem Programm stehen. Es irritiert mich bis zur Ablenkung. Denn romantisch sehe ich weder Beethoven noch das Programm.

Dynamisch kraftvoll nimmt sich Bassbariton Edwin Crossley-Mercer der Lieder an. Beethoven hat sie „nur“ arrangiert. Daher klingen mir die Weisen hochvertraut, da ich schottischen und irischen Folk mag und höre. Die Leichtigkeit mancher der ausgewählten Lieder geht mir in der Interpretation verloren.

David Schultheiß (Violine), Yoan Hereau (Piano) Edwin Crossley-Mercer (Bariton), Yves Savary (Violoncello), Foto: © Wilfried Hösl

Bei „O sweet were the hours“ habe ich eine mich selbst irritierende Vision. Das musikalische Arrangement versetzt mich flugs in ein Wiener Beisl – nicht in einen Pub. Das darauffolgende „Come fill, fill, my good fellow“ ist mir eine Spur zu kunstvoll interpretiert. Wobei ich besonders bei diesem Lied die Umgebung und die Aufmachung, alle pikfein im Frack im romantisch bläulichen Kerzenschein, so gar nicht in mir übereinander bringe mit schottischem Folk.

Bei „O Mary, at thy window be“, einem elegischem Liebeslied, passt die Stimme Edwin Crossley-Mercer wieder gut. Die Melancholie des folgenden „Faithfu’ Johnie“ nehme ich dem Bassbariton auf Gefühlsebene ebenfalls ab.

„Sunset“ fängt recht poppig an, die Streicher zupfen. Auch Sänger Edwin Crossley-Mercer, meine ich zu sehen und zu spüren, geht stärker aus sich heraus. Mit „Bonny Laddie, Highland Laddie“ wurde ein auf seine Stimme hervorragend passendes dynamisch, gewitztes Lied zum Abschluss gewählt.

Sonor und kraftvoll, doch zugleich wenig differenziert empfinde ich Edwin Crossley-Mercers Interpretationen der irischen und schottischen Volkslieder.

Sophie Raynaud (Piano), Lise Davidsen (Sopran), flackernde Kerzen überall, Foto: © Wilfried Hösl

Die Kamera schwenkt. Noch mehr Kerzenständer. Es folgen Gellert-Lieder. Ein weiterer Flügel und Lise Davidsen im rubinroten Kleid. Egal wie stark mich die Kerzen irritiert haben. Lise Davidsen sorgt dafür, dass ich ab ihrem ersten Ton alles um sie herum außer ihrer Stimme vergesse.

Sie hat eine Powerstimme, die sie höchst differenziert einsetzen kann. Stimmlich prononciert sie jedes noch so kleine Detail gefühlsgerecht. So erzittere ich bei „Vom Tode“ vor dunkel gequälter, düsterer ausdifferenzierter Spannung in ihrer Stimme. Dann wieder erklingt Davidsens Stimme hell wie ein mich blendender Sonnenstrahl.

Sophie Raynaud (Piano), Lise Davidsen (Sopran), Foto: © Wilfried Hösl

Über den vollkommenen stimmlichen Stärkeneinsatz differenziert sie allein schon durch Lautstärke den Ausdruck des Gefühls. Aber mehr noch, schauspielernd verkörperlicht sie die Lieder verstärkend in mir, dass es mir wohlig kalt den Rücken hinunterläuft. Im abschließenden „Bußlied“ absorbiert sie meine gesamte Aufnahmefähigkeit mit ihrer stimmlichen Dominanz in jedem Ton. Das Gefühl der demütigen Aufrichtigkeit umfasst mich vollständig.

Ich will mich in meine Begeisterung hineinkuscheln, ihr nachfühlen. Das klappt nicht, denn sogleich nimmt mich die Kamera weg von der Bühne hinauf auf den begehbaren Teil der Oberbühne, Schnürboden genannt. Viele weitere Kerzen. Zu diesem Teil der Aufführung endlich passen sie.

Nikolaus Bachler sitzt an einem kleinen Tisch und liest das Heiligenstädter Testament. Wir schreiben 1802. Beethoven begreift die zunehmende Taubheit als schweren Makel. Die Demütigung des nicht hören Könnens, wenn alle um ihn herum hören. Tiefe Verzweiflung. Selbstmordgedanken. Der Arzt, der ihn nicht heilen kann. Allein sein künstlerischer Schaffenswille hält ihn ab, selbst Hand an sich zu legen.

Nikolaus Bachler (Sprecher), Foto: © Wilfried Hösl

Welch eindringliches Geständnis an seine Brüder. Er beschreibt schonungslos sein Unvermögen, seine Taubheit öffentlich zu machen und sich gerade dadurch selbst gesellschaftlich auszugrenzen. Er ist überzeugt, die Taubheit ist Vorbote seines baldigen Todes. Er lebt weitere 25 Jahre. So scheint dieser Brief ein Ausagieren gewesen zu sein, seine Situation selbst anzuerkennen und zu erkennen, dass der künstlerische Schaffensdrang die Essenz seines Lebens ist.

Nikolaus Bachlers Rezitieren klingt nach Beethovens selbstreflexiver Distanz von sich selbst. So als wären die Ausprägung des Gedankens und das Aufschreiben desselben zweierlei. Die eindringliche aber schon wieder eingefasste Verzweiflung, die mit der schriftlichen Fixierung einhergeht. Eindrucksvoll.

Das abschließende Streichquartett. Endlich keine Kerzen! Zu früh gefreut. Die Totale bringt sie erneut ins Bild. Das sehnend Verzweifelnde des Testaments der vorangegangenen Rezitation spiegelt sich mir sofort im Beginn dieses dritten Satzes des Streichquartetts a-moll.

Preatorius-Quartett (David Schultheiß, Guido Gärtner, Adrian Mustea, Yves Savary), Foto: © Wilfried Hösl

Ein leidenschaftlich positiv kraftvoller Ausbruch. Angeführt von der Viola. Dieser vergeht schleichend, nicht nur dieses eine Mal driftet das Quartett ins sehnend Verzweifelnde zurück. Beim dritten Mal erwischt es mich völlig unerwartet. Ich bin von mir selbst überrascht, dass in mir eine Steigerung dieses sehnend Verzweifelnden möglich ist. Das gefühlte Dunkel gewinnt nochmals an Stärke.

Bedauerlicherweise werden in diesem Moment ein letztes Mal Kerzen ins Bild gezoomt, mein intensiver Gefühlsmoment zerstäubt im Flackern. Wieder lenkt mich dieses Setup so sehr ab, dass ich dieses Mal vom musikalisch erlöschenden Ende des Streichquartett-Satzes überrascht werde.

Frank Heublein, 23. Februar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Montagsstück XIV: Die Geschichte vom Soldaten (Igor Strawinsky), Bayerische Staatsoper, 15. Februar 2021

Programm und Besetzung

Ludwig van Beethoven,

Irish Songs

1. Since grey beards inform us (WoO153, Nr. 4)

2. The Pulse of an Irishman (WoO154, Nr. 4)

 

Schottische Lieder op. 108

1. The Shepherd’s Song

2. O sweet were the hours

3. Come fill, fill, my good fellow

4. O Mary, at thy window be

5. Faithfu’ Johnie

6. Sunset

7. Bonny Laddie, Highland Laddie

Solist: Edwin Crossley-Mercer

Pianist: Yoan Hereau

Violine: David Schultheiß

Violoncello: Yves Savary

 

Sechs Lieder von Gellert, op. 48

1. Bitten

2. Die Liebe des Nächsten

3. Vom Tode

4. Die Ehre Gottes aus der Natur

5. Gottes Macht und Vorsehung

6. Bußlied

Solistin: Lise Davidsen

Pianistin: Sophie Raynaud

 

Heiligenstädter Testament (Brief des Komponisten Ludwig van Beethoven an seine Brüder Kaspar Karl und Johann von 1802)

Sprecher: Nikolaus Bachler

 

Streichquartett Nr. 15 a-Moll, op. 132, 3. Satz. Canzona di ringraziamento. Molto adagio

Praetorius-Quartett

1. Violine: David Schultheiß

2. Violine: Guido Gärtner

Viola: Adrian Mustea

Violoncello: Yves Savary

Ein Gedanke zu „Montagsstück XV: Der gestirnte Himmel,
Bayerische Staatsoper, München, Live-Stream am 22. Februar 2021“

  1. Oje, wenn die Kerzen der multiplen Erwähnung so wert waren, dann konnte es mit dem musikalischen Programm nicht weit her sein….
    Weit gefehlt!
    Ein sensationell unaufgeregter, höchst präzise intonierender (da könnte sich mancher sogenannte Weltstar Nachhilfe holen!) und „leichtfüßiger“ Edwin Crossley-Mercers entführt nach Irland und Schottland .
    Dann der Dämpfer: Lise Davidsen mit manierierter Interpretation, die Höhen schrill, immer besorgt um die eigene Wirkung…… Zu früh, mein Fräulein! Erst noch 10 Jahre überzeugen, dann passt die Attitude,vielleicht.
    Der Text war mir noch nie so lamoyant vorgekommen, Beethoven halt….
    Sauberer Abschluß mit dem Streichquartett.

    Waltraud Riegler

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.