Blick auf das Podium während Mozarts Requiem. © Wiener Konzerthaus / Andrea Humer
Klangliche Transparenz und dramatische Wucht
Ein Pionier der historischen Aufführungspraxis trifft auf ein klassisches Symphonieorchester. Das Resultat ist eine rundum gelungene Interpretation von Haydns letzter Symphonie und eine ergreifende Wiedergabe von Mozarts Requiem. Zu den Wiener Symphonikern gesellt sich die Wiener Singakademie und ein exzellentes Solistenquartett.
Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 2. November 2026
Joseph Haydn
Symphonie D-Dur Hob. I/104 “Salomon”
Wolfgang Amadeus Mozart
Requiem d-Moll K 626
Fassung von Franz Xaver Süßmayr
Julia Lezhneva, Sopran
Maarten Engeltjes, Alt
Julian Prégardien, Tenor
Krešimir Stražanac, Bass
Wiener Symphoniker
Wiener Singakademie, Leitung: Heinz Ferlesch
Ton Koopman, Dirigent
von Dr. Rudi Frühwirth
Es war der bedeutende Geiger und Impresario Johann Peter Salomon, der Joseph Haydn zweimal nach England holte, zuletzt in den Jahren 1794–1795. Während dieses zweiten London-Aufenthalts komponierte Haydn im Auftrag Salomons sechs Symphonien, die seine letzten bleiben sollten. Den krönenden Abschluss bildet die Symphonie Nr. 104 in strahlendem D-Dur, benannt nach dem Auftraggeber.

Die Partitur sieht neben den Streichern jeweils zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Hörner und Trompeten sowie Pauken vor. Dirigent Ton Koopman hat eine nicht allzu große Streicherbesetzung gewählt, wodurch ein ausgewogenes und transparentes Klangbild entsteht. Das Vibrato der Violinen ist zurückhaltend eingesetzt, um sich auch auf modernen Instrumenten dem historischen Klangideal anzunähern.
Der erste Satz beginnt mit einer Einleitung in d-Moll. Koopman gestaltete sie ohne übertriebene Langsamkeit und großes Pathos. Ein ganz natürlicher Übergang führte zum beschwingten Hauptthema in D-Dur, das das thematische Ausgangsmaterial des Sonatensatzes bildet. Koopman arbeitete die motivischen Verflechtungen sorgfältig heraus, achtete auf eine sprechende Phrasierung und führte die Wiener Symphoniker zu einem lebendigen dynamischen Spannungsbogen.
Den zweiten Satz begann Koopman ausgesprochen zart, mit fein ziselierten melodischen Wendungen, die durch ernstere Akzente kontrastiert werden. In zahlreichen Passagen konnten die Holzbläser ihre klanglichen Qualitäten entfalten. Das Menuett des dritten Satzes bestach durch Synkopen, überraschende Pausen und eine abwechslungsreiche Phrasierung.
Das tänzerische Hauptmotiv des Finales im Alla-breve-Takt riss die Zuhörer in einen Strudel kontrapunktischer Verflechtungen und dynamischer Überraschungen. Nach einigen harmonischen Umwegen fand die Musik schließlich in das heimische D-Dur zurück und schloss im festlichen Glanz der Pauken und Trompeten.
Das Orchester folgte Koopmans klarer Gestik mit großer Hingabe. So entstand eine überaus lebendige, detailreiche und ausgewogene Interpretation, in der sämtliche Orchestergruppen mit beachtlicher Qualität überzeugten. Das Publikum bedankte sich mit großer Begeisterung.

Nach der Pause erklang Mozarts Requiem, dessen unverwechselbares Klangbild wesentlich durch die besondere Orchesterbesetzung geprägt ist. Mozart verzichtete auf Flöten, Oboen und Klarinetten und setzte stattdessen auf den dunklen, warmen Klang der Bassetthörner und Fagotte, der durch Trompeten, Posaunen und Pauken kontrastreich ergänzt wird. Die von Koopman gewählte Streicherbesetzung entsprach jener bei Haydns Symphonie und fügte sich harmonisch in das klangliche Gesamtbild ein.
Neben dem Orchester prägt vor allem der Chor die dramatischen Passagen des Requiems, während in den besinnlicheren Abschnitten das Quartett der Gesangssolisten hervortritt. Die Wiener Singakademie, von ihrem Leiter Heinz Ferlesch mit größter Sorgfalt einstudiert, präsentierte sich in glänzender Verfassung, sicher in der Intonation und, wenn gefordert, von gewaltiger Stimmfülle.

Auf das ruhig getragene Requiem des ersten Satzes folgte mit der Fuge des Kyrie eine anspruchsvolle Aufgabe für den Chor. Dank Koopmans präziser Leitung entfaltete sich ein mitreißender, vielstimmiger Dialog zwischen dem Fugenthema und dem in Sechzehnteln dahineilenden Kontrapunkt. Mit voller Kraft mündete der Satz schließlich in eine leere Quinte – ein Schluss von irritierender Fremdheit, stärker als ein regelkonformer Dur- oder Mollakkord.
Auf das rasch und mit höchster Intensität vorgetragene Dies irae folgte das Tuba mirum, in dem die Gesangssolisten nacheinander in aufsteigender Stimmlage einsetzten. Krešimir Stražanac gestaltete die Basspartie mit kraftvoller Präsenz, während Julian Prégardien als Tenor mit klarem, elegantem Timbre überzeugte. Maarten Engeltjes beeindruckte mit seiner charakteristischen, ausdrucksstarken Altstimme. Den Abschluss bildete die Sopranistin Julia Lezhneva, die mit der Leichtigkeit und Beweglichkeit eines Koloratursoprans glänzte, zugleich aber über genügend dramatische Kraft verfügte, um den Anforderungen ihrer Partie gerecht zu werden. Die vier Solisten harmonierten sowohl untereinander als auch im Zusammenspiel mit dem Chor ausgezeichnet.
Es erübrigt sich wohl, auf die unzähligen ergreifenden Schönheiten der folgenden Sätze im Einzelnen einzugehen. Orchester, Chor und Solisten überzeugten auch hier mit makellosen Leistungen. Ab dem Sanctus stammt die Komposition von Franz Xaver Süßmayr; in welchem Umfang er sich dabei auf Mozarts Entwürfe stützen konnte oder wollte, ist bis heute ungeklärt. Im abschließenden Lux aeterna griff Süßmayr bewusst auf die beiden Eingangssätze zurück. So endet die Totenmesse mit jener verstörenden, Trost-losen leeren Quinte, die nicht auf Auferstehung und Erlösung verweist, sondern vielmehr ins Nichts zu weisen scheint.
Die erschütternde Wirkung dieses Requiems bedarf keiner der Legenden, die sich um seine Entstehung ranken. Koopman gelang gemeinsam mit Orchester, Chor und Solisten eine Interpretation von beeindruckender Geschlossenheit und Intensität, die gleichermaßen durch ihre klangliche Differenziertheit wie durch ihre dramatische Wucht bestach. Nach dem letzten Ton herrschte zunächst ergriffene Stille, als müsse das Gehörte erst nachwirken.
Dann löste sich die Spannung in lang anhaltendem, überaus herzlichem Beifall, mit dem das Publikum den Mitwirkenden für dieses bewegende Konzerterlebnis dankte.
Dr. Rudi Frühwirth, 3. Nvember 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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