Der Zuhörer kommt zur Ruhe in der Elbphilharmonie – die weiche Wärme des NDR-Herren-Chors nimmt ihn in den Arm

NDR Chor Concerto Köln Klaas Stok, Robin Johannsen, Sophie Harmsen, Jakob Pilgram, Andreas Wolf,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Hans van der Woerd
Elbphilharmonie Hamburg
, 30. September 2018
NDR Chor
Concerto Köln
Klaas Stok,
Dirigent
Robin Johannsen,
Sopran
Sophie Harmsen, Mezzosopran
Jakob Pilgram,Tenor
Andreas Wolf, Bass
Johann Sebastian Bach
Messe h-Moll BWV 232

von Sebastian Koik

Klaas Stok hat am 30. September 2018 in der Elbphilharmonie seinen Amtsantritt als neuer Chefdirigent des NDR Chores gefeiert…

… und braucht etwas Zeit zum Warmwerden, doch in der zweiten Hälfte liefert der niederländische Dirigent eine starke Führungs-Leistung ab! In der ersten Hälfte unter Stoks vermutlich etwas nervös-angespannten Leitung klingt das Orchester noch etwas uninspiriert und lässt es etwas an Lebendigkeit und Esprit vermissen. Ganz anders im zweiten Teil des Konzerts! Der Dirigent, der hier in Hamburg einen schönen Karriereschritt macht, ist nach der Pause ein anderer. Man hört die Verwandlung deutlich – und man sieht sie ihm auch an. Klaas Stok ist imSaal angekommen! Er wirkt jetzt lockerer, souveräner, natürlicher, gelassener.

Er wirkt befreit.

Der Chor und das Orchester agieren unter seinem jetzt allerfeinsten Dirigat auf Weltklasse-Niveau, erzeugen große musikalische Spannung, glänzen mit Dramatik und perfektem Timing. Ab dem und ganz besonders im “Symbolum Nicenum” leitet Stok voller Leidenschaft an, und alles gelingt. In den entscheidenden Passagen musizieren alle auf der Bühne mit großartiger Ruhe, lassen herrlich langsam die wunderbare alte Bach-Komposition atmen und lebendig werden.

Der NDR Chor überzeugt sowieso von Beginn an mit Klangschönheit, Präzision, Textverständlichkeit und Intensität. Das wunderbare Kollektiv singt mit sehr ernstem und glaubwürdigem Charakter, es ist große Feierlichkeit und Lobpreis im Gesang. Der Chor singt beseelt, er singt zart. Präzise jubiliert der Damenchor. Die weiche Wärme des Herren-Chors nimmt den Zuhörer in den Arm, ganz besonders schön zu Beginn der zweiten Hälfte im “Symbolum Nicenum”.

Das Concerto Köln zählt zu den führenden Ensembles für Alte Musik und den frühesten Originalklang-Orchestern in Deutschland. Und das hört man! Sicher und bezaubernd schön spielen die Blechbläser auf ihren Instrumenten alten Typs ohne Ventile. Makellos und stark spielen die Streicher und die Holzbläser. Der Paukist schlägt präzise auf den Punkt. In der zweiten Konzert-Hälfte musiziert das Concerto Köln durchweg exzellent und begleitet die vier Solisten sehr sensibel.

Stark präsentieren sich auch die vier Solisten des Abends.

Die Mezzosopranistin Sophie Harmsen erobert das Publikum in der Alt-Rolle. Ihre “Peccata mundi”-Arie ist einer der ganz großen solistischen Höhepunkte des Konzerts. Sophie Harmsen singt herrlich schön und natürlich, mit großer Ernsthaftigkeit und Authentizität, mit langem Atem und dichter Stimme. Ihre Spitzen in der Höhe begeistern und ihre Tiefen haben Autorität. Großartig! Wunderbar das Duett zusammen mit der Sopranistin im so herrlich schönen “Symbolum Nicenum”.

Die Sopranistin Robin Johannsen singt sehr feinfühlig und bezaubernd schön. Nur in längeren Passagen in der suboptimal dirigierten ersten Konzerthälfte kämpft die in Berlin lebende Amerikanerin Johannsen in längeren Phrasen ein wenig damit, dass ihr die Puste ausgeht. Hier ist das Dirigat aber auch noch nicht so wunderbar sängerfreundlich wie im zweiten Teil.

Der Tenor Jakob Pilgram begeistert mit einer sehr beweglichen und natürlich klingenden Stimme und langem Atem. Sein Gesang ist jederzeit souverän, wirkt sehr leicht und hat auch in der Tiefe wunderbares Fundament.

Der Zuhörer kommt zur Ruhe, zu einer sehr tiefen Ruhe, als der überaus fein singende Jakob Pilgram in einem Solo nur von einer Querflöte, einem Kontrabass, einem Cello und der feinen kleinen Orgel begleitet wird. Zauberhafte Luftigkeit, Weite, Schönheit und Harmonie erfüllen in dieser kurzzeitig kleinen Besetzung den Großen Saal der Elbphilharmonie.

Andreas Wolf überzeugt besonders in der zweiten Hälfte als Bass. Er hat eine große, dichte Stimme, die herrlich natürlich, authentisch und selbstverständlich klingt. Der junge Bassbariton muss sich nicht künstlich klingend in die Tiefe drücken, er ist frei von jeder Monotonie und Eindimensionalität in seinem Vortrag, wie es leider bei so manch anderem Bass-Kollegen zu hören ist. Seine Luft reicht für längste Phrasen.

Es ist in der zweiten Hälfte ein wunderbares Konzert, und der neue Chefdirigent des NDR Chors Klaas Stok ist in der Elbphilharmonie angekommen. Man darf sich auf die nächsten Auftritte dieses prächtigen Klangkörpers unter dem Niederländer freuen.

Sebastian Koik, 1. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.de

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