Happy-Händel-End für Stuttgart: Vorzeige-Koloraturen und optimaler Ensemblegeist in „Ariodante“

Georg Friedrich Händel, Ariodante,  Staatstheater Stuttgart

Foto: Christoph Kalscheuer (c)
Staatstheater Stuttgart
, 30. September 2018
Georg Friedrich Händel, Ariodante

Maria Steinhilber berichtet über „Ariodante“ aus dem Staatstheater Stuttgart vom 30. September 2018

Intrigen. Täuschung. Schauspiel: Ariodante und Ginevra geben zu Beginn der Oper ein noch glücklich unbeschwertes Liebespaar. Polinesso aber begehrt nicht nur Ginevra, sondern auch den schottischen Thron. Was glücklich zu beginnen scheint, mündet in einer tragischen Wendung; findet dann aber doch seinen mühsamen Weg zum Happy-Händel-End auf der Stuttgarter Bühne.

Das Staatstheater Stuttgart ist ein Tag nach der Lohengrin-Premiere nur zu rund 70 Prozent gefüllt. Nach vernichtender Kritik hofft das Publikum nun auf Händelsche Finesse.

Auf der anthrazitgrauen Bühne stellt der Regisseur Josi Wieler Zirkusmanegen und Boxkampfsituationen dar. Dazu dutzende Kostümwechsel, die das Wesen des Schauspielers reflektieren. Was ist echt, was Fiktion?

Das Drama des Stückes generiert sich aus Täuschungs- und Verkleidungsszenen. Schauspieler auf der Bühne werden zu Schauspielern und machen ihren Job unerwartet gut.

Die Intrigenfigur des Polinessos hebt die Regie hervor, indem sie den Countertenor Yuriv Mynenko immer wieder Jean-Jacques Rousseaus Brief über das Schauspiel zitieren lässt: „Jede Frau, die sich zur Schau stellt, entehrt sich.“ Durch Polinessos gesprochene Zitate reflektiert das Publikum über das Wesen des Schauspiels, beleuchtet die Intrige aber noch dreister.

Auffallend positiv ist der Ensemblegeist. Harmonisches gemeinsames Agieren: Koloraturen fliegen wie Ping-Pong Bälle in maximalem Teamgeist über die Bühne. Anstelle historischen Primadonnen-Kampfes ein liebevolles Miteinander.

Schönste Arie zweifelsohne ist „Scherza infida in grembo al drudo“, Magnet sicherlich für 50 Prozent des Publikums. Bitteres g-Moll, sordierte Violinen, tückisches Pizzicato und lamentoartiges Abfallen der Gesangslinie.

Diana Haller, dramatisch in Rot, wird liegend von einem Podest hervorgehoben. Auf den drei Leinwänden erscheinen hollywoodmäßig triefenste Liebesszenen der scheinbar untreuen Ginevra: Zehn Minuten zurücklehnen und genießen. Hallers Darbietung zeugt von bittersüßem Training; Bravo aus den besetzen Plätzen des Staatstheaters.

Besonders auffallend ist Josefin Feiler als Dalinda mit kraftvollem Sopran und hervorstechendem Forte. Tänzelt in jedem Kostüm gleichermaßen elegant und hangelt sich galant von Koloratur zu Koloratur. Feiler erntet dafür reichlich Applaus.

Die hohe Kunst der Koloratur beherrschen alle Sänger. Ihre Triller und Verzierungen unterstreichen die Wandlungsfähigkeit des Schauspielers.

Auch Kai Kluge als Lurcanio sticht mit sehr schöner Klangfarbe sowie perfektem Mix aus barocker Technik und klangvollem Charme hervor.

Am Ende der Oper stehen alle in historischen Kostümen vor dem Boxring: Barockopern-Flashback der Kastraten-Ära in der schwäbischen Landeshauptstadt. „Never give up“ schmückt eine Inschrift den Metallkäfig.

Das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des Händel-Experten Christoph Moulds interpretiert in knapp drei Stunden nie langweilig und wird ebenso bejubelt wie das Sänger-Ensemble. Händels Sinn für tonmalerische Wirkungen, sowie reizvolle Wechsel zwischen Solisten, Chor und Instrumenten schmeicheln dem Orchester unter Moulds Leitung.

In Stuttgart kommt es zum Happy-Händel-End, denn eine Oper dieser Art fordert spektakuläre Gesangsleistungen.

Maria Steinhilber, 1. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung Christopher Moulds
Regie und Dramaturgie Jossi WielerSergio Morabito
Bühne und Kostüme Nina von Mechow
Beleuchtungs- und Videokonzept Voxi Bärenklau
König Matthew Brook
Ginevra Ana Durlovski
Dalinda Josefin Feiler
Ariodante Diana Haller
Lurcanio Kai Kluge
Polinesso Yuriy Mynenko
Odoardo Philipp Nicklaus
Staatsorchester Stuttgart

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