Frauenpower beschert der „Jungfrau von Orleans" am Theater an der Wien einen grandiosen Erfolg

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Die Jungfrau von Orleans,  Theater an der Wien, 18. März 2019

Foto: Lena Belkina als Johanna © Werner Kmetitsch
Theater an der Wien, 
18. März 2019
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Die Jungfrau von Orleans

von Jürgen Pathy

Frauenpower hoch drei am Theater an der Wien!  Im Libretto, auf der Bühne und im Orchestergraben. Zum 100-jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts in Österreich dominieren auch im kleinen, aber feinen Opernhaus an der Linken Wienzeile die Damen der Zunft.

Allen voran die musikalische Leiterin Oksana Lyniv, 41, deren Karriere zurzeit nur eine Richtung zu kennen scheint – steil bergauf. Beginnend an der Bayerischen Staatsoper als Assistentin unter Generalmusikdirektor Kirill Petrenko folgten Engagements an bedeutenden Häusern wie der Staatsoper Stuttgart, der Deutschen Oper Berlin, der Posten der Chefdirigentin der Oper Graz und nun schließlich ihr Debüt im Theater an der Wien.

Im klassischen Hosenanzug in Schwarz, eine breite Binde in Magenta um die Taille gebunden, legt die Ukrainerin einen Tanz aufs Pult, der sich gewaschen hat. Mit der Eleganz, Kunstfertigkeit und Präzision eines Toreros animiert die junge Maestra die Wiener Symphoniker zur Höchstform. Zwischen dem Spitzenorchester und der energischen Dame scheint die Harmonie zu stimmen, werden Kräfte freigesetzt und Trumpfkarten aus dem petto gezogen, derer sich nicht jeder Dirigent zu bedienen können scheint.

Lena Belkina (Johanna), Simona Mihai (Agnès Sorel), Martin Winkler (Erzbischof von Reims), Dmitry Golovnin (König Karl VII.), Daniel Schmutzhard (Dunois), Arnold Schoenberg Chor © Werner Kmetitsch

Derart homogen, voller Klangfarben und Spielfreude erlebt man das Ensemble nicht immer. Großes Kino, großes Blech! Aus der großartigen Gesamtperformance unbedingt hervorheben sollte man einmal die Herren an den Wiener Hörnern, deren spezifischer Klang zwar einzigartig ist, aufgrund enger liegender Töne jedoch ungemein schwieriger zu bedienen sind als gewöhnliche Doppelhörner. Ebenso die Herren an den Celli, deren Spielfreude nicht nur akustisch zu vernehmen ist.

In derselben erfreulichen Tonart geht’s hinter und auf der Bühne weiter.  Der komplette Cast verdient sich Höchstnoten. Kein einziger, der den fulminanten Gesamteindruck auch nur in irgendeiner Weise mindern würde.

In der Titelpartie zeigt die Mezzosopranistin Lena Belkina, 31, dass ihr die Darstellung freiheitsliebender Frauen, die musikalisch herausfordernd und ständig auf der Bühne sind, wie auf den Leib geschneidert ist. Bereits 2017 und 2018 konnte die junge Lady, die auf der Krim aufgewachsen ist, bei den Bregenzer Festspielen in der Titelpartie der „Carmen“ reüssieren.

Lena Belkina als Johanna i© Werner Kmetitsch

Als Jeanne d’Arc spielt sie in der Inszenierung der niederländischen Regisseurin Lotte de Beer, 35,  keine archetypische Powerfrau, die nur furchtlos von Kampf zu Kampf zieht. Hier wird ein differenziertes Bild eines jungen Mädchens gezeigt, das von Visionen verfolgt, hin- und hergerissen zwischen den Welten wandelt. Zwischen einem Kinderzimmer der heutigen Zeit und blutigen Schlachtfeldern des Hundertjährigen Kriegs (1337 – 1453). Zwischen ihrem göttlichen Treuegelöbnis und der sexuellen Versuchung, der sie letztendlich nicht widerstehen kann.

Eine kräfteraubende Wandlung, die Lena Belkina äußerst beeindruckend umzusetzen vermag. Von unschuldig lyrisch zu Beginn bis hin zu verzweifelt dramatisch am Ende gestaltet sie eine packende Irrfahrt eines aufmüpfigen Teenagers, der letztendlich am Scheiterhaufen landet. Verraten vom Vater, Spielball der Kirche und im Stich gelassen vom König.

Simona Mihai (Agnès Sorel), Dmitry Golovnin (König Karl VII.) © Werner Kmetitsch

Letzterer überzeugend dargeboten vom russischen Tenor Dmitry Golovnin. Stimmlich einer Naturgewalt gleicht der profunde Bassbariton des Willard White, 72, als Vater. Und als obszöner Erzbischof gewaltig wie immer der durchdringende Bariton des Charakterdarstellers Martin Winkler.

Sonore Mezzofarben entwickelt die Sopranistin Simona Mihai im tieferen Register. Musikalisch und darstellerisch allerhöchstes Niveau beweist auch der junge isländische Bariton Kristján Jóhannesson, der auf dramatische Weise das Herz der Jungfrau für sich erobern kann.

Der Österreicher Daniel Schmutzhard, der litauische Bassbariton Igor Bakan, und der Tenor Raymond Very, dessen klare Stimme an Michael Spyres erinnert, vervollständigen das erfolgreiche Solisten-Gespann auf der Bühne.

Am Ende tobt das Haus, gleicht die Szenerie dezibelmäßig einem Jahrmarkt, auf dem gepfiffen und Bravi verteilt werden. Besonders laut für Martin Winkler, Oksana Lyniv und die zentrale Figur dieser epischen Grand opéra – Lena Belkina!

Mit Tschaikowskys selten aufgeführter Oper „Jungfrau von Orleans“ gelingt dem Theater an der Wien auf jeden Fall ein weiter Clou, der die Nominierung in der Kategorie „Bestes Opernhaus 2019″ der International Opera Awards nicht nur gerechtfertigt, sondern felsenfest untermauert.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 19. März 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Oksana Lyniv, Musikalische Leitung
Lotte de Beer, Inszenierung
Clement & Sanou, Ausstattung
Alessandro Carletti, Licht
Peter te Nuyl, Dramaturgie
Ran Arthur Braun, Choreographie

Lena Belkina, Johanna
Willard White, Thibaut d’Arc, Vater
Raymond Very, Raimond, Verlobter
Dmitry Golovnin, König Karl VII.
Simona Mihai, Agnes Sorel
Martin Winkler, Erzbischof von Reims
Kristján Jóhannesson, Lionel
Daniel Schmutzhard, Dunois
Igor Bakan, Bertrand

 

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